Handwerk Erstaunliche Trends im neuen Ausbildungsjahr

Der Beruf der Friseurinnen erhält nach dem Imageschwund in der Coronakrise wieder einen großen Zulauf von jungen Frauen. Foto: /Shotshop

Zum Start des Ausbildungsjahres am 1. September hat das Handwerk in der Region Stuttgart mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als vor einem Jahr. Dabei zeigen sich erstaunliche Trends.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Steht das Handwerk vor einer Renaissance bei den jungen Menschen? Zumindest ist die Zahl der Ausbildungsverhältnisse in der Region Stuttgart wieder gestiegen – um 3,7 Prozent. Zum Start des neuen Ausbildungsjahres am 1. September wurden 3594 Verträge abgeschlossen – 3466 waren es vor einem Jahr. Damit bewegt sich die Region im bundesweiten Aufwärtstrend.

 

„Das ist ein signifikanter Anstieg – mehr, als wir erwartet hatten“, sagte Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, unserer Zeitung. Im Vorjahr war noch ein Minus von 5,2 Prozent zu verzeichnen. Das Vor-Corona-Niveau ist noch nicht erreicht: 2019 waren es zum 1. September 4123 Verträge. Doch stehen wegen schrumpfender Jahrgänge auch weniger junge Menschen zur Verfügung.

Keine konkrete Zahl hat die Kammer zu den offenen Ausbildungsstellen, auch weil diese nicht meldepflichtig sind. „Ungefähr jeder vierte Ausbildungsplatz bleibt unbesetzt“, schätzt Friedrich. In der Kammerregion gebe es gut 4000 Ausbildungsbetriebe. „Wir hätten gerne mehr, um die wachsende demografische Lücke zu füllen“, sagt er mit Blick auf die anstehenden Berufsabgänge der geburtenstarken Jahrgänge. Doch vermehrt würden Betriebe die Nachwuchssuche einstellen und sich frustriert vom Ausbildungsmarkt zurückziehen, weil sie nicht die erhofften Azubis finden. „Ausbildungsfähig wären sehr viel mehr Betriebe.“

Ohne Schulabschluss weniger Chancen

Im Stadtkreis Stuttgart gibt es 678 Ausbildungsverhältnisse (plus 7,4 Prozent), im Landkreis Böblingen 496 (3,1), Esslingen 674 (2,6), Göppingen 410 (2,5), Ludwigsburg 663 (0,9) und Rems-Murr 673 (5,2 Prozent).

Bei den Auszubildenden ohne Schulabschluss zeigt sich mit minus 11,8 Prozent klarer Rückgang – mithin „deutliche Verschiebungen zu höherwertigen Abschlüssen“, wie Friedrich sagt. Die Betriebe legen zunehmend Wert auf einen Schulabschluss. „Für junge Menschen ohne ihn wird es schwerer, im Handwerk einen Ausbildungsplatz zu finden.“ Azubis mit Hauptschulabschluss nehmen um 14 Prozent zu.

Ein Nachholeffekt ergibt sich bei den Abiturienten: Nach dem Rückschritt im Vorjahr ist nun mit fast fünf Prozent ein klares Plus erkennbar. Offenbar haben etliche Schulabgänger, die voriges Jahr nach dem Abi nicht direkt in die Berufsausbildung gestartet sind, mit Verspätung den Weg dorthin gefunden.

Zur besseren Berufsorientierung fordert das Handwerk, „dass wir an allen Schultypen gleichberechtigt informieren können“ – auch an den Gymnasien. Dies sei zuletzt zwar besser geworden. Doch gebe es noch zu viel Abwehrhaltung, auch bei den Schulleitungen. Ziel sei es, dass jede Schülerin oder jeder Schüler an einem Tag im Jahr ins Handwerk hineinschnuppern kann.

Mehr ausländische Schulabgänger

Einen Zuwachs gibt es auch bei Auszubildenden mit einem im Ausland erworbenen Schulabschluss: plus 12,7 Prozent. Stärkste Gruppe sind die Syrer mit 97 neuen Verträgen, gefolgt von Afghanen, Kosovaren, Italienern, Türken und Kroaten. Insofern finden viele junge Menschen aus dem Bereich der Asylbewerber, aber auch aus dem europäischen Ausland eine Perspektive. Friedrich zufolge „zeigt das Handwerk nach wie vor, dass es integrationsfähig und integrationswillig ist“. Gering sind die Zahlen der jungen Ukrainer. Erst 2024 oder 2025 sei damit zu rechnen, dass die aus dem Krieg Geflüchteten die deutschen Schulen verlassen und verstärkt eine Ausbildung aufnehmen.

In der Rangliste der beliebtesten Ausbildungsberufe haben die in der Region traditionell stärksten Berufsgruppen weiter zugelegt: 513 junge Menschen wollen Kraftfahrzeugmechatroniker/in werden, 414 Anlagenmechaniker/in für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik sowie 364 Elektroniker/in in Energie- und Gebäudetechnik. Da hat die aktuelle politische Debatte über den Klimawandel einen günstigen Nebeneffekt.

Bei den Gesundheits- und Körperpflegeberufen scheint Corona überwunden zu sein. Ein Plus von 26 Prozent markiert eine deutliche Trendumkehr bei den Friseurinnen und Friseuren auf Rang vier. Auch die Betriebe kehren in die Ausbildung zurück. Auf den weiteren Rängen der Top-10-Berufe folgen Tischler/in, Maler/in und Lackierer/in, der Kaufmann/die Kauffrau für Büromanagement, Zimmerer, Fachverkäufer/im Lebensmittelhandwerk und Augenoptiker/in. Unter „ferner liefen“ rangieren der Bäcker- und der Fleischerberuf mit etwa 30 bis 40 Ausbildungsverhältnissen, weil sich die Betriebe schwertun, ihre Lehrstellen zu besetzen.

Fast konstant ist das Geschlechterverhältnis: Frauen haben im Schnitt einen Anteil von nur 20 Prozent an den neuen Verträgen. In klassischen Männerberufen sinkt er gar noch. „Wir sehen eine Rückkehr zur geschlechtstypischen Berufswahl“, sagt Friedrich besorgt, „obwohl wir einiges machen, um die Rollenklischees zu durchbrechen“.

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