Ausflugstipp Das perfekte Wochenende im Pfaffenwinkel

Säulen für den Weltfrieden – mitten in den Ammerwiesen Foto: Stoa169Stiftung/Felix Pitscheneder

Was zog die Pfaffen einst in den Winkel zwischen Starnberger See und Schongauer Land? Reiche Handelsstädtchen und bildschöne Landschaften. Die sind heute noch da, nun gespickt mit 159 prächtigen Kirchen und Klöstern – und moderner Kunst.

Freizeit & Unterhaltung: Bettina Bernhard (bb)

Den Namen Pfaffenwinkel verdankt der bayerische Landkreis Weilheim-Schongau seinen sage und schreibe 159 Kirchen und Klöstern. Was den Klerus einst in die hügelige Landschaft mit ihren bildschönen Seen lockte, sieht man noch heute in den mittelalterlichen Städtchen: Prächtige Bauten zeugen vom Reichtum, den der Handel der Gegend bescherte.

 

Pilgern, radeln, wandern

Durch den Pfaffenwinkel führte die römische Handelsroute Via Claudia Augusta, die das Mittelmeer über die Alpen mit der Donau verband. Heute fährt die Bahn nach Weilheim/Oberbayern oder Schongau und vor Ort nimmt man den Bus. Oder man nutzt das Netz aus Rad- und Wanderwegen, die als Pilgerwege durch die Heilige Landschaft oder als Radtouren zur Kunst führen. Den Überblick gewinnt man auf dem Hohenpeißenberg, mit 988 Metern die höchste Erhebung im Pfaffenwinkel. Hier thront die älteste Bergwetterstation der Welt, gegründet 1781 von Augustiner Chorherren.

Säulen für den Weltfrieden

Aus der Ferne wirkt sie wie eine Fata Morgana, beim Näherkommen wird das Kunstwerk Realität: Mitten auf einer Wiese beim Flüsschen Ammer steht die Säulenhalle Stoa 169. 121 Säulen, gestaltet von Künstlern aus mehr als 50 Ländern, tragen ein gemeinsames Dach.

Viele Kulturen tragen ein Dach Foto: Stoa169/Erwin Rittenschober

Die Idee stammt vom Künstler Bernd Zimmer, der „die Kulturen der Welt friedlich unter einem Dach vereinen“ wollte, was eindrucksvoll gelungen ist: Ein Sklave im runden Gittergefängnis, eine geballte Faust, eine silberne Gurke oder ein goldener Knoten sind zu Säulen geformt, jede einzelne ein Kunstwerk mit Geschichte.

Die kann man nachlesen in einer Broschüre oder per App abrufen oder bei Führungen vom Initiator und seiner Frau live erfahren. Der Stoa 169 nähert man sich am besten zu Fuß – beim Spaziergang von Polling oder einer kleinen Wanderung vom hübschen Städtchen Weilheim.

Handel, Hexen, Heilige

Ziemlich viele Kapitel eines Geschichtsbuches füllt die Stadt Schongau, deren Vorläufer ein Römerlager war und die um 1200 als geschützte Stadt auf einen flachen Hügel erbaut wurde. Vom Schutz zeugt die 1,6 Kilometer lange, gut erhaltene Stadtmauer mit Wehrgang rund um die Altstadt. Hier spaziert man durch weitere Kapitel der Geschichte, am besten mit Stadtführerin Gisela Sparrer. Sie kennt die Schätze der Heilig-Geist-Kirche, die raffinierten Details im Ballenhaus, dem einstigen Zentrum der wirtschaftlichen und politischen Macht, und die Geheimnisse der uralten Wehrtürme.

Das Mittelalterstädtchen Schongau Foto: Tourismusverband Pfaffenwinkel//Andreas Klausmann

Die unrühmliche Vergangenheit von Schongau als Ort der großen Hexenprozesse (63 hingerichtete Hexen zwischen 1589 und 1591) erkundet man spannend mit Autor Oliver Pötzsch. Der Nachkomme der letzten Schongauer Henkersfamilie schrieb eine ganze Krimireihe („Die Henkerstochter“) über Henker und Hexen in Schongau und bietet Führungen zu den Schauplätzen der Krimis an.

Kulinarik mit Ambiente

Passend zum gehaltvollen Tag schmeckt es am Abend in der Alten Ziegelei des Klostergutes Polling. In historischer Backsteinkulisse kommen fantasievolle Kreationen aus regionalen Produkten auf den Tisch. Reservieren empfiehlt sich.

Himmlische Ruhe in alten Gemäuern

In geschichtsträchtigen Mauern gut essen geht auch im Pöltner Hof in Weilheim, hier nächtig es sich zudem stilvoll. Das Hotel residiert in einem landwirtschaftlichen Anwesen aus dem 18. Jahrhundert, restaurierte Balken, Möbel und Einbauten erinnern daran.

Ebenfalls authentisch, nur deutlich spartanischer wohnt man im Kloster Bernried bei den Benediktinerinnen. Deren Zimmer sind reduziert auf das Wesentliche aber mit spiritueller Note – himmlische Ruhe ist hier keine Floskel.

Kunst und Kurioses

Lothar-Günther Buchheim war ein Tausendsassa: Journalist, Fotograf, Künstler, Sammler und Autor. Sein bekanntestes Werk fußt auf eigenen Erfahrungen als Kriegsberichterstatter: „Das Boot“, mehrfach verfilmt und längst ein Klassiker. Schillernd und vielgestaltig wie Buchheim ist auch sein Museum in Bernried am Starnberger See, das 2001 seine Pforten öffnete. Auf dem Weg zum Eingang bremsen ein bunt bemalter Hubschrauber und ein von Seesternen und Algen überzogenes Auto mit Oktopus auf dem Dach die Besucher. Musical Swings, Schaukeln, die Töne erzeugen, ziehen nicht nur den Nachwuchs in Bann.

Dauerparker vor dem Buchheim Museum Foto: Bettina Bernhard

Im Inneren des einem Schiff nachempfundenen Gebäudes wird es noch irrer: Der obere Stock gehört der Kunst. Hier finden sich Stücke aus Buchheims Galerie in Frankfurt, wo er die als entartet gebrandmarkten Expressionisten sowie Werke französischer Künstler sammelte, kaufte und verkaufte und in einem kleinen Kunstverlag Kalender und Kataloge herstellte. Zur Dauerausstellung gesellen sich Wechselschauen wie die zu Otto Waalkes’ 75. Geburtstag im vergangenen Jahr – der eine oder andere Ottifant erinnert noch daran.

Im Untergeschoss sitzen im Cafe Litwin allerlei schräge Gestalten aus Gips, jede einzelne weckt Erinnerungen an spezielle Nachbarn, schrullige Verwandte oder besondere Begegnungen. Daneben steht eine alte Orgel. „Mit der spielte Buchheim einst gegen die benachbarte Kirche an, bis die endlich aufhörte, die ganze Nacht durch halbstündlich laut zu läuten“, erzählt Rajka Knipper, stellvertretende Direktorin des Museums.

Das ist die aufgeräumte Ecke von Buchheims Villa Foto: TVP/Elisabeth Welz

Die totale Reizüberflutung herrscht im „Haus Buchheim“, das versucht, die Inhalte von Buchheims alter Villa aufzunehmen: 650 laufende Meter Bücher, Akten, Ordner, Deko aus aller Welt, üppige Sammlungen von Geschirr, Spielzeug, Figuren, Werkzeug, kurz: Kitsch, Kunst und Kuriositäten.

Für alle Sinne

Der perfekte Ort, um sich von all den Eindrücken zu erholen, liegt unweit im ehemals „schönsten Dorf Deutschlands“. Diesen Titel verdiente sich in Bernried mit seinen vielen alten Bäumen und dem zwei Kilometer langen Uferpark am Starnberger See, der im Gegensatz zu den meisten Seegrundstücken frei zugänglich ist für die Öffentlichkeit. Im Hofladen Bernried empfängt Gabi Schuller ihre Gäste mit handgemachtem Gebäck und frisch gebrühtem Kaffee.

Eintreten und wohlfühlen im Hofladen Foto: TVP/Elisabeth Welz

Der Hofladen logiert in den ehemaligen Stallungen des Schlossgutes. „Die Leute sollen sich wohlfühlen, runterkommen, mit allen Sinnen genießen“, fasst Gabi Schuller ihr Konzept zusammen. Etwas anderes bleibt einem kaum übrig inmitten von Naschwaren, Käse, Likör, Feinkost, Gewürzen, Tee, Textilien, Kerzen und Dekoration.

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