Aussichtspunkte in Stuttgart und der Region Der Natur am Eltinger Blick in Leonberg verfallen

Von Artur Lebedew 

Der Eltinger Blick bei Leonberg war früher eine Mülldeponie. Heute ist es eine der schönsten Aussichtsplattformen der Region – und ein Zufluchtsort für Insekten, Vögel und Pflanzen aller Art. Michael Kast ist ihr Beschützer.

Der frühere Lehrer Michael Kast engagiert sich im Naturverein Eltingen, bei den sogenannten Schlammbrüdern, für Tiere und Pflanzen Foto: factum/ 6 Bilder
Der frühere Lehrer Michael Kast engagiert sich im Naturverein Eltingen, bei den sogenannten Schlammbrüdern, für Tiere und Pflanzen Foto: factum/

Leonberg - Michael Kast macht einen großen Schritt, steigt auf die aufgetürmten Steine, blickt in die Ferne. Die ganze Landschaft liegt ihm nun zu Füßen, der Hohenasperg zur einen, der Engelbergturm zur anderen Seite. Die Kuppel der alten Windturbine Grüner Heiner blitzt im Sonnenlicht, und irgendwo bummeln kleine Waggons, sie sehen aus wie Züge einer Modelleisenbahn inmitten einer Miniaturlandschaft. Hummeln summen auf der Wiese unter der Aussichtsplattform, Autos rauschen über die Autobahn, man sieht sie von Weitem. „Hier sieht man alles“, ruft Kast gegen den Wind. Er ist hoch aufgeschossen, hat ein schmales Gesicht.

Der Eltinger Blick ist mit 533 Metern über dem Meer der höchste Punkt in der Region Leonberg. Bis vor 20 Jahren war hier eine Müllhalde. Nach der Eröffnung der Müllverbrennungsanlage in Böblingen beschloss der Böblinger Abfallwirtschaftsbetrieb, den Müllberg in Eltingen in eine Besucherplattform umzuwandeln. Wenn man heute in die Tiefe buddeln, sich durch die vielen aufgeschütteten Kubikmeter Erde und durch einige herbeigeschaffte Steinblöcke graben würde, stieße man auf alles Mögliche, was Menschen einst besessen haben und wieder loswerden wollten. Selbst kiloweise Batterien sollen Leute früher auf den Müllberg gekippt haben, erzählt Michael Kast mit verärgerter Stimme. Es mutet schon etwas seltsam an, dass ausgerechnet hier die Natur für sich einen Ruhepol gefunden hat, einen Ort, an dem man das Gefühl hat, das alles um einen herum lebt.

Die Schlammbrüder sind eine Art Heinzelmännchen der Natur

Aber wie lange noch? Werden Menschen in Zukunft einen ähnlichen Artenreichtum haben wie heute? Michael Kast hat da so seine Zweifel und macht sich darüber Sorgen. „Der Konsum bestimmt bei vielen das Leben“, sagt Kast. Billige Flugreisen am Wochenende. Teure SUVs, um Kinder von der Schule abzuholen. „Für Flora und Fauna ist das Gift.“

Mit seinen Schlammbrüdern hält Michael Kast dagegen. Die Schlammbrüder sind eine Art Heinzelmännchen der Natur. Ihren putzigen Namen hat sich die Umweltgruppe in Eltingen gegeben, weil die Mitglieder öfter mit Gummistiefeln in Teiche steigen und Becken für Frösche und Pflanzen errichten. Jeden Mittwoch um 8 Uhr am Morgen, seit fast 40 Jahren, scheren sie auf steilen Hängen mit Handsensen den Rasen oder knien auf nackter Erde, um Bäume zu setzen.

Reptilien, Insekten und Pflanzen bestimmt Michael Kasts Leben

„Ich bin im Krieg geboren, Natur und Wald waren für uns so natürlich wie das Fernsehen heute“, erzählt Kast. Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er in einem Leonberger Gymnasium Mathematik und Sport. Zahlen und Basketball waren damals wichtiger als Libellen und Wildpflanzen. Gleich nach seiner Pensionierung ging Kast zu den Schlammbrüdern. Von da an bestimmten Reptilien, Insekten und Pflanzen sein Leben. „Ich bin ihnen verfallen“, sagt Kast. Und während er spricht, ertönt von irgendwo das melodische Schwätzen eines Vogels. Michael Kast reckt sein Ohr in die Höhe: „Gartengrasmücke, ja.“

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Schon in wenigen Jahren soll der Eltinger Blick noch höher wachsen. Zum Schutz des Grundwassers wird das gesamte Areal gedeckelt und um einige Meter mit neuer Erde aufgeschüttet. Der charakteristische steile Hang mit der Aussichtsplattform geht dann verloren. Damit der Artenreichtum erhalten bleibt, legt die Umweltgruppe um Kast Ausweichflächen an, auf denen die Pflanzen und Tiere während der Bauzeit geparkt werden.

Dieser Garten Eden soll erhalten werden

Michael Kast blickt noch einmal kurz in die Ferne. Er richtet sich auf und hält inne, so als ob er die Landschaft einatmen würde. Dann steigt er mit großen Schritten den Berg hinab. Zielstrebig an bunten Stauden vorbei, die sich im Wind wiegen. Kast wuchtet einen Holzzaun zur Seite, die Steine auf dem Weg knirschen unter seinen Sandalen. Er deutet auf eine Wiese unterhalb des Etlinger Blicks voller Glockenblumen, Natternköpfe, Gräser, Wespen fliegen umher. Daneben ein Teich, Libellen hangeln sich von Blume zu Blume. Ein kleiner Garten Eden am Fuße des Eltinger Blicks. „Das wollen wir erhalten“, sagt Michael Kast.

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