Ausstellung der Göppinger Kunsthalle auf Schloss Filseck Elch-Bernstein macht Heimaturlaub

Von Artur Lebedew 

Er hat als Satiriker und als Zeichner Karriere gemacht. Jetzt ist er gewissermaßen auf Heimaturlaub. Die Kunsthalle zeigt eine Werkübersicht des berühmten Göppinger Karikaturisten F. W. Bernstein.

Er wurde als Fritz Weigle in Göppingen geboren, als Karikaturist F. W. Bernstein machte er Karriere und gründete unter anderem das Satireblatt Titanic mit.Foto: dpa/Jan Woitas Foto:  
Er wurde als Fritz Weigle in Göppingen geboren, als Karikaturist F. W. Bernstein machte er Karriere und gründete unter anderem das Satireblatt Titanic mit. Foto: dpa/Jan Woitas

Kreis Göppingen - Wenn es um den berühmtesten Göppinger Karikaturisten, F. W. Bernstein, geht, wird neben seinem Sprachwitz und seiner Fähigkeit, Komplexes zu vereinfachen, eines oft vergessen: Der Mann konnte richtig gut zeichnen. Davon kann man sich jetzt auf Schloss Filseck überzeugen. Die Kunsthalle Göppingen zeigt dort 80 Skizzen, Porträts, Postkarten und Karikaturen des im Jahr 1938 als Fritz Weigle geborenen und im vergangenen Dezember verstorbenen Künstlers – allesamt Leihgaben des Caricatura Museums in Frankfurt am Main.

Gleich im ersten Raum der dezent gehaltenen Ausstellung wird das Zeichentalent in einem frühen Selbstbildnis sichtbar: Ein pausbäckiger Schuljunge mit akkuratem Seitenscheitel blickt dem Betrachter von der Wand entgegen. Die Bleistiftstriche sind noch vorsichtig, die ruhigen Augen mit dem unbeteiligten Blick aber schon unverkennbar. Immer wieder blickt der Künstler dem Besucher aus den Werken entgegen. Mal in den Skizzen von Massentumulten, in denen Bernstein sich als einen Betrachter am Rande mit buschigem Schnurrbart, seinem so unverkennbaren Erkennungszeichen, platziert. Mal schlüpft er aus einem Ei.

Schon am Hohenstaufen-Gymnasium trug er den Spitznamen „Bernstein“

Schon zu seinen Göppinger Gymnasialzeiten sagen Schüler „Bernstein“ zu ihm. „Das ist am Telefon schön verständlich“, erklärt er in einem Youtube-Video den Künstlernamen. Beim Studium an der Stuttgarter Kunstakademie lernt er den Schriftsteller und Zeichner Robert Gernhardt kennen. Mit ihm geht er 1964 zum Satireblatt „Pardon“ nach Frankfurt, wo sie die Beilage „Welt im Spiegel“ ins Leben rufen. Später gründen sie zusammen mit anderen die „Neue Frankfurter Schule“, eine satirische Gruppe, die mit Wort- und Nonsensekomik bekannt wird. Bernstein überschreibt ihr einen Leitspruch, den wohl jeder schon mal gehört hat: „Die schärfsten Kritiker der Elche/ waren früher selber welche.“

Die Lust zur Dichtung, den kurzen geschliffenen Vers, deutet die Ausstellung in Göppingen leider nur an. Für eine Werkschau des kompletten Schaffens des Künstlers sind die Räume zu klein. Dabei gäbe es doch so viel zu erzählen. Gedichtbände und Theaterstücke hat Bernstein verfasst. In Berlin hat er als Professor auf dem weltweit einzigen Lehrstuhl für Karikatur und Bildergeschichte über die komische Kunst philosophiert. F. W. Bernstein gilt als Entdecker des „Gesetzes von den drei großen G der Karikatur (Gritik, Gomik und Grafik)“ – davon zeugt die Ausstellung reichlich.

Viele tierische Szenen mit Hunden und Schweinen

In „Eine Stadt sucht ihre Mauer“ sieht man Touristen, Nörgler und Passanten, die inmitten einer vermutlich Berliner Straße in der Vergangenheit schwelgen. „Hier war drüben und dort drüben hüben!“, sagt einer mit Hund und Hut. „Nix können sie lassen wo’s war“, ein anderer, der raucht. „Bernsteins Sprachwitz ist vor allem auf dem zweiten Blick sichtbar“, sagt die Kunsthallen-Direktorin Melanie Ardjah. Und, so möchte man hinzufügen, als Betrachter entdeckt man auch beim dritten und vierten Blick Neues.

Sämtliche berühmte Motive von Bernstein sind in der Ausstellung auf Schloss Filseck angerissen: Der gealterte Schriftsteller Wolfgang Goethe beim Sex. Viele tierische Szenen mit Hunden und Schweinen. Viele Engel. Ein Schweinengel. Auch Bernsteins schwäbische Wurzeln findet man. „1. ‚Hohenstaufen’-Sessel vor der Alb“, steht auf einer selbstgemalten Postkarte. Darauf zu sehen ist ein kuscheliger Ohrensessel vor blauen Bergen.

Die Ausstellung ist bis zum 15. September zu sehen

Etwa 80 Skizzen, Porträts und Karikaturen zeigt die Kunsthalle in Göppingen bis zum 15. September auf Schloss Filseck. Die Öffnungszeiten der Ausstellung „Sinnverlust ist Lustgewinn“ sind von Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen von 13 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Am 18. und 25. August sowie am 8. September gibt es von 15 bis 16 Uhr eine Führung durch die Ausstellung. Eine Voranmeldung ist nicht notwendig.

Die Kunsthalle Göppingen zeigt außerdem noch bis zum 1. September Skulpturen und Wandobjekte von Stefan Rohrer. Der Bildhauer stellt das Auto und seine Faszination in den Mittelpunkt. Ebenfalls bis zum 1. September ist die Ausstellung „Welten erkunden“ zu sehen mit der Videoarbeit von Daniel Beerstecher „Wie ich meinem Vogel die Welt erkläre“