Ausstellung im Hotel Silber in Stuttgart Auf den Spuren einer jüdischen Lehrerin

Die Pädagogin Jenny Heymann entkam den Nazi-Schergen, kehrte nach dem Krieg aber nach Stuttgart zurück und leistete wertvolle Aufbauarbeit. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die Pädagogin Jenny Heymann entkam den Nazi-Schergen, kehrte nach dem Krieg aber nach Stuttgart zurück und leistete wertvolle Aufbauarbeit. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

in Buch und ein Ausstellung im Hotel Silber beleuchten das Leben der Stuttgarterin Jenny Heymann durch vier Epochen hindurch. Die beeindruckende Pädagogin überlebte die Nazizeit und starb erst 1996 in Stuttgart im Alter von 105 Jahren in ihrer Heimatstadt.

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Stuttgart - Sie durchlebte vier Epochen vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik und verkörpert ein emanzipiertes Frauenleben, das sich an einem hohen Bildungsideal orientiert hat: Die jüdische Lehrerin Jenny Heymann (1890-1996) aus Stuttgart, die Diskriminierung und Verfolgung durch das NS-Regime erlebte, 1939 nach England emigrieren musste, um zu überleben, und sich nach ihrer Rückkehr 1946 nach Stuttgart exemplarisch für Versöhnung und Verständigung einsetzte. Auch und besonders in der 1948 gegründeten Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ), in der sie den Erzieherausschuss gründete, um Lehrer mit den Themen Judentum, Israel, Verfolgung, Shoah und Antisemitismus vertraut zu machen. Als Brückenbauerin wurde sie anlässlich ihres 100. Geburtstages vom damaligen OB Manfred Rommel mit der Otto-Hirsch-Medaille geehrt. 1996 starb sie im Alter von 105 Jahren.

Bildungsgeschichtlicher Streifzug durch die Geschichte

Den Spuren dieses besonderen Lebens folgt nun eine kleine, feine Ausstellung im Lern- und Gedenkort Hotel Silber, erarbeitet von der GCJZ und der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg. Sie knüpft als optische Ergänzung an ein Buch über Jenny Heymann an, das ebenfalls in dieser Kooperation entstanden und herausgegeben worden ist. Ambitioniert und mit wissenschaftlicher Sorgfalt ediert, ist dieser Sammelband aus der PH-Publikationsreihe „Transfer“ sehr viel mehr als eine Biografie. Denn es schildert nicht nur die „Lebensstationen einer jüdischen Lehrerin“, es stellt komplexe Zusammenhänge her und zeichnet mit „bildungsgeschichtlichen Streifzügen durch Württemberg“ ein historisches Panorama.

„Mussten eine der fähigsten Lehrerinnen entlassen“

Für das Projekt Jenny Heymann, erarbeitet im Sommersemester 2019 und dann erschwert unter Pandemie-Bedingungen, leisten Studierende und Dozierende Recherchen bis ins Archiv der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, wie die Dozentin Rosemarie Godel-Gaßner berichtete. Dort fand sich beispielsweise der Brief des leitenden Ministerialbeamten Theodor Bracher aus dem Stuttgarter Kultusministerium, der Jenny Heymann eine neue Stelle im privaten jüdischen Landschulheim Herrlingen vermittelte, nachdem sie 1933 von den Nazis aus dem Schuldienst geworfen wurde: „Wir mussten leider eine unserer fähigsten Lehrerinnen entlassen.“ Die Autoren konnten aber auch noch Zeitzeuginnen befragen wie Heidi Paret (89), die die Oberschule für Mädchen in Ludwigsburg, heute das Goethe-Gymnasium, besuchte und Jenny Heymann ebenso wie deren engste Freundin, die Schulleiterin Elisabeth Kranz, gut kannte.

Früher galt das Lehrerinnen-Zölibat

Zwei Pädagogen-Persönlichkeiten, von denen nicht nur Heidi Paret mit größter Hochachtung und Bewunderung spricht. Dass Heymann und Kranz dem damals üblichen Lehrerinnen-Zölibat unterworfen waren, weil sich Frauen zwischen Ehe und Schuldienst entscheiden mussten, löst heute empörtes Kopfschütteln aus.

Wohl eines der letzten Fotos von Jenny Heymann, aufgenommen bei ihrem Besuch des Films „Schindlers Liste“, ziert als Vignette die Texttafeln in der von der Grafikerin und Designerin Annika Gutekunst gestalteten Ausstellung. Thematisiert werden aber nicht nur Lebensstationen, sondern beispielsweise auch Mädchenbildung undr Indoktrination im NS-Staat. Ein Überseekoffer und zwei kleinere Formate symbolisieren Jenny Heymanns Emigration.

Ein Preis ist nach Jenny Heymann benannt

Nach ihrem Tod 1996 fast vergessen, war Jenny Heymann an der PH bei der Forschung über Lehrerinnen in der NS-Zeit wieder ins Blickfeld gerückt. Bei der GCJZ war es vor allem Alfred Hagemann, Lehrer am Albertus-Magnus-Gymnasium, der die Erinnerung an sie auf der Suche nach einer positiven Identifikationsfigur aus den eigenen Reihen lebendig machte. Wie auch die PH initiierte er den Jenny-Heymann-Preis für Arbeiten über jüdische Themen an Oberstufenschüler und Schülerinnen.

„Wir bewegen uns auf Jenny Heymanns Spuren, besser können wir ihr gar nicht gerecht werden“, betonte Bürgermeisterin Isabel Fezer als evangelische Sprecherin der GCJZ bei der Vorstellung des Buches und der Eröffnung der Ausstellung, die bis zum 3. November zu sehen ist.

Würdigung eines GCJZ-Vorstands

Das Ausscheiden von Alfred Hagemann aus dem GCJZ-Vorstand nahm Fezer zum Anlass, sein Engagement, zum Beispiel für den Lehreraustausch mit Israel oder die Arbeit im Lehrhaus, zu würdigen und ihm zu danken: „Er hat dem Wirken der Gesellschaft für Christliche-Jüdische Zusammenarbeit Profil und hohes Niveau gegeben.“

Die Öffnungszeiten im Hotel Silber, Dorotheenstraße 10, sind Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr sowie mittwochs von 10 bis 21 Uhr. Der Eintritt ist frei. Es gilt die 3-G-Regel.




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