Der neue Direktor Johan Holten befeuert mit seiner ersten Schau in der Kunsthalle Baden-Baden die Debatte um guten und schlechten Geschmack.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Baden-Baden - Spätestens, als ein Lama über den Catwalk stolziert, ahnt man: Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Zwar traut man der Haute Couture heute einiges zu, aber doch keine Netzhemden, die mit Kippen garniert wurden, Oberteile aus getrocknetem Schaum, alberne Plüschpuschel am Popo oder eben ein Lama in weißer Spitze. Es sind absonderliche Kreationen, die der Künstler John Bock vor zwei Jahren in Berlin auf einer Modenschau im Haus der Kulturen vorstellte. Die albernen und absurden Hosen ohne Hinterteil und Drahtkonstruktionen auf dem Kopf kann man in der Kunsthalle Baden-Baden nun aus nächster Nähe inspizieren. Gleich zwei Räume sind gefüllt mit Bocks Modeschöpfungen, und so ironisch und witzig das sein mag, stellt sich doch die große Frage: Ist das guter, schlechter, teurer Geschmack?

Denn darum dreht sich die erste Ausstellung des neuen Direktors der Kunsthalle, Johan Holten. Der 1976 geborene Däne, der früher Tänzer bei John Neumeier war, dann Kunstwissenschaften studierte und schließlich den Heidelberger Kunstverein übernahm, hat nicht nur eine ungewöhnliche Biografie, sondern bringt mit einem ungewöhnlichen Projekt auch sofort frischen Wind in die Kunsthalle Baden-Baden. Zu seinem Dienstantritt hat er erklärt, dass jetzt erst einmal Schluss sei mit dem Schmusekurs zwischen Kunsthalle und dem benachbarten Museum Frieder Burda. Statt die von Seiten der Politik gern beschworene Public-private-Partnership fortzusetzen, will Holten herausarbeiten, was heute die Aufgabe einer Kunsthalle sein könnte. Die Diskussion ist eröffnet gleich mit der ersten Ausstellung, die er mit dem kessen Titel überschrieben hat: "Geschmack, der gute, der schlechte und der wirklich teure".

Glamour, wo sonst Banalität regiert

Was begehrenswert ist und als guter Geschmack gilt, das wird heute, so Holtens These, durch die Inszenierung bestimmt. Als Zeugin führt er Josephine Meckseper an, die auch schon in ihrer Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart beiläufige Dinge so präsentierte, als seien sie ungeheuer werthaltig: Männerunterhosen, Teppichstücke und Klobürsten, die sie in Schaufenstern und Vitrinen elegant arrangiert, um zu demonstrieren, dass sich selbst dort Glamour erzeugen lässt, wo Banalität regiert. Auch politische Symbole können zu Modeaccessoires verkommen, in der Kunsthalle hat Meckseper auf einem Spiegelpodest Hammer und Sichel arrangiert in einer verchromten De-luxe-Ausführung.

Der Schwerpunkt der unterhaltsamen Ausstellung liegt auf der Gegenwart, aber Holten unternimmt überraschende Ausflüge in die Vergangenheit: Ein Raum ist dem 17. und 18. Jahrhundert gewidmet und zeigt Landschaftsmalerei von Anselm Feuerbach oder Carl Rottmann, Leihgaben aus der Kunsthalle Karlsruhe. Denn die ersten öffentlichen Bildergalerien, die sich an ein bürgerliches Publikum richteten, sollten auch eine Schule des Geschmacks sein.

Eine anregende Ausstellung mit Unschärfen

Immer wieder taucht in der Kunstgeschichte die Frage nach Geschmacksurteilen auf. Der Kunsthistoriker Alfred Lichtwark ging davon aus, Kunst könne die "Erkenntnis erweitern und die erkennenden Kräfte nähren". So sorgfältig Holten im Katalog den Geschmack in der Kunstgeschichte nachzeichnet, die Ausstellung weist doch Unschärfen auf und verhandelt letztlich eher die Frage, was Kunst bewirken kann und soll. So hat der Niederländers Constant von den sechziger Jahren an das Stadtprojekt "New Babylon" entwickelt, eine architektonische Utopie, die er mit Hilfe von Drahtobjekten, Zeichnungen und Bildern entwickelte, um die Gesellschaft zu verbessern - ganz nach dem Motto: "Sieh mit den Händen, fühle mit den Augen, höre mit der Nase".

So hält der populäre Ausstellungstitel nicht, was er verspricht: eine Auseinandersetzung mit dem Kunstbetrieb, der häufig Qualität mit einem hohen Preis gleichsetzt. Doch das sei Holten verziehen, der nach dem recht monotonen, auf Minimalismus eingeschränkten Programm von Karola Kraus wieder Lust auf die Kunsthalle macht. Und bei allen inhaltlichen Unschärfen eine anregende Ausstellung präsentiert, die nicht von oben herab doziert, sondern dem Besucher Freiräume lässt.

Geöffnet bis 9. Oktober, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr. Der Katalog ist im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen und kostet 18,50 Euro.