Ausstellung in Speyer zu 50 Jahre Playmobil „Das hab ich auch!“

Kleider machen Leute – so die Botschaft der Figürchen. Foto: Historisches Museum der Pfalz/Julia Paul

Playmobil ist Kult. Seit fünfzig Jahren gelingt es dem Hersteller, immer neue Begehrlichkeiten zu wecken. Deshalb strömen Familien in die Jubiläumsschau.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Mit dem Müllauto kann man keinen Staat machen. Gerade mal vier Teile stecken in der Schachtel: Müllwagen, Müllmann, Mülltonne und ein Müllsack, der sich aber immerhin in den Müllwagen stecken lässt. Dafür kommt man mit einem Preis von nur 12,99 Euro vergleichsweise günstig weg – und liegt deutlich unter der Summe, die Eltern üblicherweise investieren. Mindestens zwanzig Euro lassen sie es sich einer Studie zufolge kosten, wenn ihre Kinder sich ein Playmobil-Spiele-Set wünschen. Die Obergrenze liegt im Durchschnitt bei 170 Euro.

 

Schon bald genügen ein paar Schafe und Schweine nicht mehr

Man sollte es sich trotzdem sehr gut überlegen, ob man mit dem Müllauto 6774, mit einem Radlader oder dem Ponyhof bei Kindern eine Leidenschaft weckt, die im Lauf der Jahre nicht nur in die Tausende gehen könnte, sondern das Kinderzimmer langfristig überfluten wird. Denn was mit einem bescheidenen Set beginnt, genügt schon bald nicht mehr. Schaf und Schwein auf dem Bauerhof sind schön und gut, aber braucht es nicht noch eine Tränke, Hühner, Traktor und Kleintierzuchtanlage, Schubkarre und Scheune, Ziegen und Zäune?

Im kommenden Jahr feiert Playmobil seinen fünfzigsten Geburtstag, aber schon jetzt pilgern Scharen von Familien ins Historische Museum der Pfalz in Speyer, das eine überwältigende Jubiläumsschau eingerichtet hat, die zeigt: Was 1974 mit drei bescheidenen Figuren begann, ist Kult bei Kindern und hat sich zu einem gigantischen Imperium ausgewachsen.

Fast vier Milliarden Figuren wurden seither produziert, und wenn sich all die Cowboys, Piraten, Prinzessinnen und Piloten, die Kreuzschiffpassagiere und Kranfahrer an den Händen halten würden – so heißt es zumindest in der Speyerer Ausstellung –, könnten sie die Erde viermal umarmen.

Mit den kleinen Figuren wollte man Material sparen

7,5 Zentimeter ist die klassische Playmobil-Figur groß – und es lässt sich leicht ermessen, welche Unmengen an Plastik in diesen fünfzig Jahren in den Kinderzimmern dieser Welt eingezogen sind. Dabei wurde Playmobil erfunden, um weniger Ressourcen zu verbrauchen: Die Idee kam dem Chefentwickler Hans Beck während der Ölkrise, die seinen Arbeitgeber, die Firma Geobra Brandstätter in Zirndorf, in Nöte brachte, weil sie allerhand Großkunststoffartikel herstellte. Mit den kleinen Figuren ließ sich dagegen reichlich Material sparen.

Ein paar Jahre später war der Ölengpass auch schon wieder vergessen und wurden neue Technologien und Materialien entwickelt, sodass Playmobil seither ständig neue Figuren und Themenwelten und immer aufwendigere Sets auf den Markt bringt. 4000 verschiedene Figuren sind es mittlerweile – und die Zeiten, als Playmobil-Männchen grundsätzlich dieselbe Frisur hatten, sind lange vorbei. Neue Kunststoffe machten es auch bereits in den 1980er Jahren möglich, dass sich die zunächst starren u-förmigen Hände der Figürchen auch drehen lassen und man besser mit Speer, Schaufel oder Besen hantieren kann.

Der Anfang von Playmobil war männlich

Die ersten drei Playmobil-Figuren, die 1974 herauskamen, waren Bauarbeiter, Indianer und Ritter, weil man offenbar nur Jungen als potenzielle Kundschaft im Blick hatte. Es dauerte ein paar Jahre, bis diese Männerwelt durch weibliche Figuren und schließlich durch Kinder erweitert wurde.

Die zentrale Botschaft der Playmobil-Figuren hat sich dagegen bis heute nicht verändert: Kleider machen Leute. Zöpfe oder Krawatte, Uniform oder Cowboyhut, Richterrobe oder Federschmuck definieren, was laut Verfassung eigentlich gar keine Rolle spielen sollte, weil in einer modernen Gesellschaft alle gleich sind oder sein sollten. Playmobil etikettiert dagegen Menschen und ordnet sie Kategorien zu. Was in den zahllosen Schachteln steckt, sind keine Individuen, sondern Typen, die zu einer bestimmten Berufsgruppe, einem Geschlecht oder einem kulturellen Kontext zugeordnet werden. Man ist Hippie oder Arzt, Kranfahrer oder Lokomotivführer. Dass ein Feuerwehrmann gleichzeitig auch Vater, Fußballspieler und Nebenerwerbsbauer sein kann, das ist im System nicht eingedacht.

Es wurden immer weitere Lebensbereiche abgedeckt

Wer weiß, ob Kinder Playmobil gerade wegen dieser Eindeutigkeiten lieben und gar nicht genug bekommen können, zumal die Spiele-Sets im Lauf der Jahrzehnte neben den Fantasiewelten mit Feen oder Raubrittern auch immer mehr reale Lebensbereiche abgedeckten: Bauernhof und Polizei, Wohnung, Kindergarten, Krankenhaus und Konditorei, Spielplatz, Rummel und Ponyhof. Allein das Thema Mobilität beschert dem Unternehmen dauerhaft Umsätze mit Auto und Hubschrauber, Bagger und Bike, Moped, Krankenwagen, Feuerwehrauto.

Kinder, die in den siebziger Jahren mit schlichten Lego-Steinen aufgewachsen sind, mussten selbst kreativ werden, um mit diesen bunten eckigen Steinen solche Lebenswelten zu konstruieren, die Playmobil nun direkt ins Haus lieferte. Beim Spielen können winzige Plastikkarotten in Körbchen gelegt werden, Weinhumpen, Besen oder Koffer in Greifhände geklemmt werden. Das Lagerfeuer in der römischen Festung scheint glühend rot zu brennen, und die Bürsten der Straßenkehrmaschine scheinen so emsig zu putzen wie das Original auf der Straße. Diese oft möglichst realistisch imitierte Wirklichkeit mag die Fantasie nicht direkt anregen, sondern eher beschränken, dafür ermöglichen die Playmobil-Typen Kindern, in unterschiedlichste Rollen zu schlüpfen und passende Geschichten zu den realitätsnahen Requisiten zu erfinden.

Mit James Bonds Wagen durchs Kinderzimmer

So schieben die einen ihre Playmobil-Männchen im Porsche, Ferrari oder im „James Bond Aston Martin DB5 – Goldfinger Edition“ über den Teppich. Die anderen gehen auf Safari, lassen Dinos brüllen oder legen Prinzessinnen im Märchenschloss ins Bettchen. Aber das Prinzip Playmobil will freilich nicht, dass Kinder sich jahrelang mit Miraculix am Zauberkessel begnügen, sondern das Konzept ist auf Expansion angelegt, weshalb ständig neue Begehrlichkeiten geweckt werden durch immer weitere Sets und längst auch lizenzierte Merchandising-Produkte zu Filmen oder Büchern, die gerade im Trend sind. Auch wenn der Mutterkonzern gerade angekündigt hat, allein in Deutschland rund 370 Stellen abzubauen, ist das System Playmobil prototypisch für die Konsumgesellschaft. Dazu passt, dass es inzwischen auch ein Shopping-Girl mit vollen Einkaufstüten in den Greifhänden gibt.

Das größte und teuerste Spiele-Set: die Enterprise

Geht man durch die Ausstellung in Speyer, hört man eigentlich immer nur einen Satz: „Das haben wir auch.“ Dabei wurden hier auf tausend Quadratmetern mit enormem Aufwand gigantische Dioramen aufgebaut und raffiniert illuminiert – Unterwasserwelt, Popkonzert und römisches Kastell, altes Ägypten, Mondlandung und Großstadt.

Dazwischen fliegt eines der jüngsten Produkte: die U.S.S. Enterprise, die mit einem Meter das längste und mit einem Preis von 499,99 Euro derzeit auch das teuerste Set von Playmobil ist. Um „ikonische Szenen“ aus „Star Trek“ originalgetreu nachspielen zu können, wie es heißt, gibt es die 7,5-Zentimeter-Figuren im Look von Captain Kirk, Spock, Scotty und Co. und neben Licht- und Toneffekten selbstverständlich auch eine „Star Trek AR-App“.

Die Ausstellung

Spielen
Schon vor zehn Jahren hat das Historische Museum der Pfalz in Speyerden 40. Geburtstag von Playmobil gefeiert, inzwischen sind zahlreiche Dioramen und Stationen zum Spielen hinzugekommen.

Ausstellung
 bis 15. September 2024, geöffnet von Di bis So von 10 bis 18 Uhr.

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