Ausstellung in Weissach Ein Pfarrerehepaar, das Menschen vor den Nazis versteckte

Das Ehepaar Mörike beherbergte beispielsweise das Ehepaar Krakauer. Foto: Simon Granville

In der Weissacher Zehntscheuer erinnert eine Ausstellung an das Engagement von Gertrud und Otto Mörike für Verfolgte des Naziregimes.

„Wir wollen ein Zeichen setzen“, sagt der Weissacher Bürgermeister Jens Millow (parteilos) den rund 50 Gästen bei der Eröffnung der Ausstellung „Gemeinsam gegen den Strom des Hasses – das Pfarrpaar Gertrud und Otto Mörike im Widerstand gegen Antisemitismus“.

 

Als Termin für die Vernissage in der Bibliothek in der Zehntscheuer wurde der Vorabend des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus gewählt. Sie soll der Auftakt für eine Reihe weiterer Veranstaltungen sein unter dem Motto „Vielfalt statt Vorurteile – Weissach steht zusammen“.

Das Ehepaar riskierte alles

Die Zahl der antisemitischen Übergriffe nehme seit Jahren zu, so Millow, laut aktuellen Umfragen würden 21 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen klassischen antisemitischen Aussagen zustimmen. „Das ist eine so erschreckende Nachricht, dass man sie kaum glauben mag“, sagt er. Deswegen sei es umso wichtiger, dass die üblicherweise schweigende Mehrheit hier ein Zeichen setzt.

Bürgermeister Jens Millow äußerte Bedenken wegen der antisemitischen Tendenzen in Deutschland. Foto: Simon Granville

Die Mitarbeiterinnen des Gemeindearchivs, der Bibliothek und des Heimatmuseums in Flacht haben viele Materialien, Fotos und Zitate zusammengetragen, die das Leben und Wirken von Otto Mörike und seiner Frau Gertrud in Weissach und darüber hinaus dokumentieren. Die Texte sollen einen Eindruck von der Haltung der beiden geben, sowohl in ihrer Kritik am Dritten Reich als auch von der Auslegung ihres christlichen Glaubens. Sie haben unter Einsatz ihres Lebens Menschen geholfen, den Verfolgern des Naziregimes zu entkommen – und damit Zeichen in dunklen Zeiten gesetzt.

Das dokumentiert auch ein kleines, schon 1947 erschienenes Buch, das Susanne Kittelberger, die Leiterin des Heimatmuseums in Flacht, den Besucherinnen und Besuchern zeigt. Es trägt den Titel „Lichter im Dunkel“ und beschreibt die Flucht und Rettung eines jüdischen Ehepaares im Dritten Reich. Darin schildern Max und Karoline Krakauer, wie sie jahrelang vor den Nazi-Schergen auf der Flucht waren und mithilfe von vielen Menschen schafften, diese Zeit in Deutschland zu überleben.

Zur Vernissage kamen etwa 50 Interessierte. Foto: Simon Granville

Als „Hans und Grete Ackermann, Bombenflüchtlinge aus Berlin“, so erzählt Susanne Kittelberger, begeben sie sich vor der drohenden Deportation auf eine Odyssee, die sie auch nach Süddeutschland führt. Dort wird ihnen in zahlreichen Häusern der „württembergischen Pfarrhauskette“ immer wieder Unterschlupf gewährt. Im Pfarrhaus in Flacht leben Otto Mörike und seine Frau Gertrud mit ihren Kindern. Von 1939 bis 1947 ist Mörike Pfarrer in Weissach und Flacht. Zuvor war er in Kirchheim unter Teck, wo er aus seiner Meinung über die Nazidiktatur keinen Hehl machte und dafür zusammengeschlagen und auf Bewährung verurteilt wurde. In einem Brief der NSDAP-Kreisleitung von 1939 wird er als „verbissener Gegner des Nationalsozialismus“ beschrieben.

Die Pfarrfrauen engagierten sich

Wie zahlreiche weitere evangelische Pfarrer, die Mitglieder des Netzwerks Bruderring waren, gewährten auch die Mörikes Menschen in Not Unterschlupf. „In diesem Netzwerk wurden die Flüchtlinge immer weitergereicht“, schildert Susanne Kittelberger. So seien die Krakauers während ihrer 27-monatigen Flucht in 66 Häusern gewesen. Nicht nur die Pfarrer selbst, oft seien es auch die Pfarrfrauen gewesen, die maßgeblich an der Hilfe für die Verfolgten beteiligt waren. Als Beispiel nennt sie Elisabeth Goes in Gebersheim, deren Mann Albrecht Goes als Militärpfarrer einberufen war. In der Ausstellung wird aus einem Brief von Gertrud Mörike an ihre Tochter Dora zitiert: „Wenn draußen im Felde die Männer haufenweise zur Grunde geh’n für etwas so Schreckliches wie das Dritte Reich, dann ist es das Gegebene, dass auch wir unser Leben einsetzen für etwas Richtiges, Gutes.“

Die Besucher hinterlassen ihre Gedanken auf den Blättern eines Baumes. Foto: Simon Granville

Ein an die große Glasfront im Erdgeschoss der Zehntscheuer angebrachter Umriss eines Baumes soll denjenigen symbolisieren, der in der Allee der Gerechten in Jerusalem für Otto und Gertrud Mörike gepflanzt wurde, als sie 1975 als „Gerechte unter den Völkern“ von Israel für ihr Engagement geehrt wurden. An diesen Baum können Besucher der Ausstellung, die bis zum 1. März während der Öffnungszeiten der Bibliothek zu sehen ist, ihre Gedanken zum Thema „Vielfalt statt Vorurteile“ anbringen.

Weitere Themen