Australien In den Ferien kommt der Tod

Von Barbara Barkhausen 

In den vergangenen Wochen haben acht junge Aborigines Selbstmord begangen. Experten fürchten, Suizid könnte unter Ureinwohnern zum Normalfall werden.

Perth - Auf ihren Facebook-Fotos sieht Linda Cockie recht fröhlich aus. Wie bei vielen Teenagern folgt ein Selfie dem nächsten, sie testet ihr Lächeln, freut sich über die vielen Komplimente, die Freunde als Kommentar posten. Nichts deutet darauf hin, dass die 16-Jährige an ihrem Leben verzweifeln würde. Auch ihre Familie kann sich an keine Anzeichen oder an ein verändertes Verhalten erinnern. Und doch ist Linda Cockie tot.

Was sie in den Tod trieb, kann nur vermutet werden. Cockie hatte keine einfache Kindheit. Sie trank trotz ihres jungen Alters viel Alkohol und war auch mit Drogen in Kontakt gekommen. In ihrer Familie gab es Probleme mit häuslicher Gewalt, auch ein festes Zuhause war nicht immer vorhanden. Die junge Ureinwohnerin gibt der Statistik einen Namen und ein Gesicht. Doch sie ist kein Einzelfall. Obwohl weniger als fünf Prozent der australischen Jugend indigen sind, machen sie ein Viertel aller Selbstmorde bei Minderjährigen aus. In manchen australischen Bundesstaaten sind es sogar mehr als 60 Prozent. Experten wie Megan Krakouer vom Indigenous Critical Response Service – eine Organisation, die sich um Familien kümmert, die ein Kind durch Selbstmord verloren haben – fürchtet inzwischen, dass viele indigene Jugendliche Suizid für normal halten.

Alleine in den Sommerferien haben sich acht Kinder in Australien das Leben genommen. „Es ist wirklich traurig, wenn wir junge Menschen haben, die denken, dass die einzige Lösung Selbstmord ist“, sagte sie dem australischen Sender ABC. Die Problematik ist nicht neu: Seit zehn Jahren steigt die Selbstmordrate unter den Ureinwohnern.

Vor allem in Westaustralien steigt die Zahl der Suizide

Auch Häufungen wie im Moment gab es schon früher. 2016 hatten sich mehrere Jugendliche in der Kimberley-Region in Westaustralien das Leben genommen, darunter auch ein zehnjähriges Mädchen. Eine aktuelle Untersuchung der damaligen Fälle fand heraus, dass die Kinder in Familien lebten, die von Traumata und Armut geprägt waren, und in denen Alkoholmissbrauch und häuslicher Gewalt auf der Tagesordnung standen.

Experten sehen auch Rassismus und soziale Benachteiligung als Probleme, die unter jungen Ureinwohnern zu Selbstmord führen können. Die aktuellen Selbstmordfälle traten dabei nicht in einer einzigen Region auf, doch ein Bundesstaat ist besonders betroffen. „Wir erleben gerade eine schreckliche Zeit in Westaustralien”, sagte Krakouers Kollegin Adele Cox. Vor allem in der Innenstadt von Perth hätte die Selbstmordrate enorm zugenommen. Cox fordert, die Armut, unter der viele Ureinwohner leiden würden, zu bekämpfen. Ein weiterer Punkt sei, die Kultur der Ureinwohner zu erhalten. Letztere sei wichtig für die Identität der Menschen, sagte die Expertin.

Erst vergangene Woche enthüllte auch der elfte „Closing the Gap“-Bericht, der über die Situation der Aborigines in den wichtigsten Bereichen der Gesellschaft Aufschluss geben soll, wie benachteiligt die Ureinwohner nach wie vor sind. Nachholbedarf herrscht vor allem in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Beschäftigung.