Auswandern im Alter Wie eine Reutlingerin auf Mallorca mit der Einsamkeit kämpft

Urlauberidylle am Strand der Cala Fornells im Südwesten Mallorcas. Doch die Vorstellung vom Paradies für Rentner erweist sich oft als falsch. Foto: imago/Westend61/imago stock&people

Den Ruhestand in Südeuropa zu verbringen – dieser Plan klingt für manche verlockend. Doch im neuen Umfeld Anschluss zu finden, gelingt nicht automatisch. Treffen mit einer Auswanderin aus Reutlingen am Strand von Palma.

Manchmal spricht Marie drei Tage lang mit niemandem. Als einmal ihre Tochter anrief, sagte Marie: „Tut mir leid, ich krächze, meine Stimme ist nicht geölt.“ Marie lacht, als sie das erzählt. Sie nimmt ihre Einsamkeit mit Humor. „Es gibt Momente, die wehtun.“ Daran ändert auch der Meerblick nichts. Marie, 73, sitzt gerade in einem Restaurant auf Mallorca. Sie lebt fest auf der Insel. Nun isst sie paniertes Schweineschnitzel mit Pommes und schaut immer wieder auf die Bucht von Palma. Das Wasser funkelt, Kitesurfer heben ab, am Strand wird Beachvolleyball gespielt. In der Masse ist Marie alleine.

 

Wie sie wandern viele Rentnerinnen und Rentner nach Südeuropa aus, nach Spanien, Italien, Portugal. Mallorca ist ein beliebtes Ziel. Die Baleareninsel lockt mit einer quirligen Hauptstadt, Dörfern, Bergen, flachem Land, milden Wintern und guter Anbindung. Die Rentner planen mehrere Jahre im Voraus, renovieren ein Bauernhaus im Tramuntana-Gebirge oder legen sich eine Drei-Zimmer-Wohnung mit Meerblick zu. Auf Mallorca gibt es deutsches Essen, deutsche Supermärkte, deutsche Ärzte, deutsche Zeitungen und Radiosender, eine teutonische Parallelgesellschaft. Doch mit dem Alter werden die Auswanderer weniger mobil, krank, vereinsamen. Im Ausland – mit einem anderen Sozialsystem – sind viele Probleme schwieriger zu meistern.

Am Wohnort hat Marie keine Freunde

Marie möchte in diesem Text nur Marie heißen, alle nennen sie so. Wo sie wohnt, darf man aber schreiben, hier direkt am Meer, in Can Pastilla. Das ist ein Stadtteil der Inselhauptstadt Palma, „furchtbar touristisch und laut“, sagt Marie. Hier kennt sie niemanden so richtig gut, hier hat sie keine Freunde.

Stattdessen muss Marie meist quer über die Insel fahren und sich Tage vorher verabreden, um mit jemandem ein Schweineschnitzel zu essen oder einen Kaffee zu trinken. Auto fährt Marie nicht gerne, und bei ihrer Rückkehr muss sie lange einen Parkplatz suchen. Deshalb fehlt ihr häufig der Antrieb, sich zu treffen. „Das macht das Alleinsein schwer“, sagt Marie. Sie ist stolz darauf, viel alleine sein zu können. „Aber manchmal habe ich auch die Schnauze voll.“ Sie glaubt, dass es vielen geht wie ihr, besonders Älteren.

Und nicht nur denen. Zehn bis zwanzig Prozent der Menschen in Deutschland leiden unter chronischer Einsamkeit. Sie hat „gravierende Konsequenzen für Gesundheit und Lebenserwartung“, heißt es in einem Bericht für den Bundestag. Nicht nur über 80-Jährige seien besonders betroffen, sondern auch junge Erwachsene zwischen 18 bis 29 Jahren. Einsamkeitsgefühle können zu jeder Lebensphase auftreten.

Die Tochter gab den Ausschlag – jetzt wohnt sie in Deutschland

Seit 14 Jahren lebt Marie auf Mallorca. Sie wanderte aus, als sie 59 Jahre alt war. Sie wollte eigentlich nur ein Jahr bleiben. Marie wohnte früher in Reutlingen und gab als Sozialpädagogin Kurse über frühkindliche Erziehung, etwa an der Volkshochschule. Ihr Mann starb im Alter von 48 Jahren an Magenkrebs. Marie war damals drei Jahre jünger. Den Ehering ihres Mannes trägt sie zusammen mit ihrem eigenen.

Einsam fühlt sich Marie seit drei Jahren. Das Gefühl sei mal stärker, mal weniger ausgeprägt. „Man gesteht es sich erst nicht ein. Aber dann stellt man fest: Alle Freunde sind weg.“ Viele seien wieder zurück nach Deutschland gegangen. „Es ist ein Kommen und Gehen.“ Gerade habe man sich etwas aufgebaut, dann sei es schon wieder vorbei. Das löst in Marie „eine kleine Trauer“ aus, wie sie sagt. Maries Bekannte in Can Pastilla waren stets Deutsche. Sie spricht zwar Spanisch, aber lange, tiefgründige Gespräche kann sie nicht führen.

Nach Mallorca auszuwandern war immer ihr Traum. „Immer wenn ich im Urlaub am Meer war, fiel es mir schwer, wieder nach Deutschland zurückzukehren.“ Dabei legt sich Marie nicht gerne in der Sonne, sie sitzt lieber im Schatten und genießt die Brise. Marie wäre damals nicht nach Mallorca gezogen, wenn nicht bereits eine ihrer zwei Töchter auf der Insel gelebt hätte. Die heute 43-Jährige sagte zu damals ihr: „Komm doch für ein Jahr.“ Marie kam. Da lebte die Tochter bereits zwei Jahre auf der Insel. Sie verbrachte die Elternzeit mit ihrem ersten Kind auf Mallorca und ihre nächsten beiden Kinder kamen dort zur Welt. Nach fünf Jahren zog die Familie aber wieder zurück nach Deutschland. Die Kinder sollten eine bessere Schulbildung als in Spanien erhalten. Marie blieb.

Vor dem deutschen Winter graust es Marie noch immer

Dass plötzlich Tochter, Schwiegersohn und Enkelkinder weg waren, machte ihr schwer zu schaffen. „Das war furchtbar, ganz schlimm“, sagt sie und macht eine Sprechpause, den Kopf zum Meer gewandt. Ebenfalls in die Heimat zurückzukehren, dazu konnte sich Marie in all den Jahren nicht durchringen. Auch wenn ihr Sohn, 39, sagt: „Mensch Mama, komm doch wieder.“ Marie vermisst ihre Kinder sowie die insgesamt acht Enkelkinder und hat das Gefühl, etwas zu verpassen. Doch die Winter in Deutschland halten sie davon ab umzuziehen.

Marie ist nach Angaben des spanischen Statistikamts eine von 19 000 Deutschen, die auf den Balearen leben. Zu dieser Zahl kommen Zweithausbesitzer hinzu, die nur einen Teil des Jahres auf Mallorca verbringen, sowie diejenigen, die aus Steuergründen lieber in der Bundesrepublik angemeldet bleiben. Experten sprechen deshalb von 40 000 deutschen Mallorca-Residenten. Sie wären damit die größte Ausländergruppe auf den Inseln, vor 29 000 Marokkanern und 22 000 Italienern. Insgesamt leben auf dem Archipel 1,18 Millionen Menschen.

Wenn der Partner stirbt, reicht das Geld nicht mehr

Die Auswanderer sind Menschen aller Gesellschaftsgruppen. Bei Paaren höheren Alters ist das Risiko größer, dass ein Partner stirbt. Wenn dadurch Renteneinnahmen wegbrechen, drohen finanzielle Probleme. Marie kennt viele solcher Schicksale. Sie sagt: „Das große Glück kommt nicht automatisch. Viele kennen Mallorca durch Urlaube gut. Es ist aber ein Unterschied, wenn man hier richtig leben möchte.“ Wer nach Mallorca auswandert, dessen erster Weg führt zur Ausländerbehörde in Palma. In einer Schlange wartet man mit Kolumbianern und Senegalesen vor einem gelblichen Behördenbau auf seinen Termin, um eine Identifikationsnummer zu erhalten. Ohne die geht in Spanien nichts.

Vor zwei Wochen war Marie zuletzt in Campos im Südosten der Insel, bei ihrer „Mallorca-Familie“, wie sie sagt. Die besteht aus einem Paar, einer Türkin und einem Festlandspanier, beide 40 Jahre alt und berufstätig. Sie besuchten Marie im Krankenhaus, als sie eine Lungenentzündung hatte, brachten ihr persönliche Sachen. Andere Bekannte leben in Alaró in der Inselmitte. „Das sind die Freunde, die ich hier auf Mallorca habe.“

Der große Wunsch: Die Familie in Reichweite

Besuch bekommt Marie hin und wieder von ihrer jüngeren Tochter. Sie bringt dann ihre fünf Kinder mit. Und vielleicht zieht die Tochter bald wieder dauerhaft nach Mallorca zurück – oder in die Nähe. Sie sucht mit ihrem Mann eine Wohnung in Spanien. Marie würde es freuen, die Familie wieder in Reichweite zu haben. Ihr Sohn war in all den Jahren nur zweimal zu Besuch, zu ihrer älteren Tochter, 53, hat Marie aktuell keinen Kontakt mehr.

Auch wenn die jüngere Tochter nicht wieder auf die Insel ziehen sollte: Marie kann auf die Enkelkinder setzen. Die werden bald erwachsen. Im Sommer kam ihr ältester Enkel, 17, zu Besuch. Der Jugendliche reiste mit einem Freund an – und damit das erste Mal ohne seine Eltern.

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