Auszeichnung in Stuttgart Ein Grundstock für die Führerscheine der Käpsele des Jahres

Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Zweite von links) und die Stuttgarter  Käpsele Foto: Elke /Rutschmann
Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Zweite von links) und die Stuttgarter Käpsele Foto: Elke /Rutschmann

Die Landtagspräsidentin Muhterem Aras zeichnet sieben „Käpsele des Jahres“ aus – und dient nebenbei auch als gutes Vorbild. Sie kam mit zwölf Jahren nach Deutschland und erreichte hier einiges.

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Stuttgart - Leonie Mader sitzt glücklich am Tisch mit ihrer Familie in dem italienischen Restaurant Rusticone im Römerkastell. Sie ist ein bisschen aufgeregt, genießt das schöne Ambiente und kann es noch gar nicht so richtig begreifen, dass sie bald im Mittelpunkt stehen wird. Es ist ein ungewohntes Gefühl, denn Leonie hat es nicht immer leicht gehabt. Gleich wird sie zusammen mit sechs weiteren Kindern und Jugendlichen einen ganz besonders wertvollen Preis bekommen – das zierliche Mädchen wird als „Käpsele des Jahres“ ausgezeichnet. Überreicht wurde die Auszeichnung von Landtagspräsidentin Muhterem Aras.

500 Euro gibt’s für jedes Käpsele

Auf einem Tisch liegen die Präsente schön drapiert bereit – die 500 Euro sind in einem Bilderrahmen verpackt, hinzu kommt noch ein Orden sowie ein Kinogutschein. Ja, Leonie ist ein Käpsele, ein Mädchen, das es geschafft hat, unter ganz schwierigen Voraussetzungen nicht nur ihren Alltag zu meistern und mit schulischen Leistungen zu glänzen, sondern sich auch noch sozial zu engagieren.

Preis für Kinder aus benachteiligten Familien

Das Wort zählt zu den schwäbischen Wortschätzchen und steht für einen gewitzten, jungen Menschen. Und das Käpsele stand Pate, als sieben Gründerinnen und Gründer im Februar 2020 den Verein „Fürs Käpsele“ aufgebaut haben. Er will Kindern und Jugendlichen aus finanziell benachteiligten Familien Hoffnung machen und die Chance geben, ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft zu sein. Oft sind die einfachsten Dinge für diese Familien nicht möglich – wie ein Eis essen zu gehen, Kino- oder Theaterbesuche sowie Schulausflüge. „Wir unterstützen und begleiten sie, damit sie im Alltag nicht ausgegrenzt werden“, sagt die Vorstandsvorsitzende Nilgün Tasman. Die Hilfe erfolgt direkt und unbürokratisch, der Verein ist unabhängig von Konfessionen und Parteien, finanziert sich über Spenden und wird von der Spardabank unterstützt.

Vorschläge von Eltern, Lehrern und Sozialarbeitern

Und jetzt also die erste Preisverleihung für die Käpsele 2021, die von der New York City Dance-School umrahmt wird. Sybille Thelen von der Landeszentrale für Politische Bildung saß mit in der dreiköpfigen Jury. Die Kinder und Jugendlichen wurden von ihren Eltern, Lehrern oder Sozialarbeitern vorgeschlagen. „Wir haben die richtige Auswahl getroffen und sehen den Preis als ermutigenden Impuls“, sagte Sybille Thelen. Die weiteren Preisträger neben Leonie sind Ahmad Yusuf, Erik Groysman, Abdennour El Quahabi, Simon Maluezyi Mvumbi, Ali Alshlash sowie Adhithyan Sathiyaseelan. Letzterer musste sich um seinen kranken Vater kümmern und wurde durch eine Patin bei der Verleihung vertreten.

Die meisten Kinder sind schon das Sprachrohr der Familie

Jedes dieser Kinder hat seine eigene Geschichte, seinen eigenen schweren Weg, den es gegangen ist. Die meisten sind in jungen Jahren schon das Sprachrohr ihrer Familie, sie unterstützen die Geschwister bei den Hausaufgaben oder verlängern freiwillig ihr Sozialpraktikum. Ein Junge schneidet auf einem Spielplatz regelmäßig Haare, um mit dem Geld der Familie zu helfen, ein anderer trainiert ehrenamtlich die Bambinis beim VfB Obertürkheim und ein Dritter ist schon ein kleiner Philosoph, der die Dinge stets hinterfragt. „Bildung ist der Weg zu Freiheit, zur Eigenständigkeit und für ein besseres Leben“, sagte Nilgün Tasman.

Muhterem Aras kennt die Situation

Für die Laudatio hätten sie keine geeignetere Mutmacherin finden können als Muhterem Aras. Die Preisträgergruppe hört dann auch genau hin, wenn die Landtagspräsidentin von ihrer besonderen Vita erzählt: Sie sei Alevitin, Kurdin, Einwanderin. Aber gerade deswegen habe sie Deutschland, wohin sie im Alter von zwölf Jahren kam, als große Chance betrachtet. „Meine Mutter war Analphabetin, weil ihr Vater ihr verwehrt hat, eine Schule zu besuchen“, sagt sie. Aber genau das habe dann dazu geführt, dass ihre Mutter für alle ihre fünf Kinder Bildung und freie Entfaltung als oberstes Ziel anstrebte und die treibende Kraft für den Umzug nach Deutschland wurde. „Ich durfte bei allem dabei sein, beim Schwimmunterricht, bei den Tanzstunden und den Ausflügen“, sagt die Politikerin von den Grünen. „Ihr seht, wenn man fleißig ist, wird man auch belohnt. Man muss offen sein, dann ist alles möglich“, sagte Aras.

Das Preisgeld für den Führerschein

Sie hatte für die Käpsele noch ein persönliches Geschenk dabei – eine schwarze Stoff-Tasche mit diversen Mitbringseln. „Ich gebe euch den Rat – tut mit dem Geld etwas Gutes für euch“, sagte die 55-Jährige. Erik und Abdennour wollen das Preisgeld in den Führerschein investieren. Und auch Leonie hat schon eine Idee: „Ich werde mit meiner Familie einen schönen Ausflug machen.“




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