Alexander Hornauer redet nicht lange drumherum: „Was den gewerblichen Bereich betrifft, sind die Bewerbungen bei uns schon länger stark rückläufig“, sagt der Mann, der zuständig für das Marketing der Aspacher Firma Lukas Gläser ist. Dem Unternehmen, das unter anderem im Bereich Straßen- und Tiefbau, Kabelbau sowie Bau- und Betonsanierung aktiv ist, war schnell klar, dass es reagieren muss, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. „Wir wollten Aufmerksamkeit erregen und auf die sich ändernden Bedürfnisse heutiger Auszubildenden eingehen“, erklärt Alexander Hornauer.
„Freitag frei“ – mit speziellen Kampagnen wird um Mitarbeiter geworben
Also dachte sich der mittelständische Betrieb mal eben die Kampagne „Freitag frei – Ausbildung mit Freiraum“ aus. Heißt: Die Freitage, die die Auszubildenden im Betrieb sein müssten, sind frei – zum Lernen oder einfach zum Chillen. „Den freien Freitag haben wir bestimmt nicht erfunden, aber dass es ihn schon in der Ausbildung gibt, ist, glaube ich, noch nicht so verbreitet“, sagt Hornauer und freut sich, dass es schon erste positive Ergebnisse gibt. „Wir haben viel Resonanz, und 75 Prozent der Stellen sind besetzt.“ Man könne es sich heute nicht mehr erlauben, nichts zu machen. „Wenn man neue Kräfte gewinnen und Leerstellen besetzen will, muss man handeln“, sagt der Marketingmitarbeiter bei Lukas Gläser.
Es gibt aktuell noch mehr als 1000 freie Stellen im Rems-Murr-Kreis
Diese Aussage dürfte all jene jungen Menschen freuen, die jetzt noch nach einer Lehrstelle suchen, und das, obwohl das neue Ausbildungsjahr traditionell ja bereits begonnen hat. Denn der Startschuss ist wie immer am 1. September gefallen. Aktuell gibt es trotzdem noch mehr als 1000 freie Ausbildungsstellen im Rems-Murr-Kreis, heißt es dazu von der Agentur für Arbeit Waiblingen. „Auf die vielen offenen Stellen kann man sich auch jetzt noch bewerben und bis in den Spätherbst hinein noch mit der Ausbildung beginnen. Sollte es im Wunschberuf nicht mehr so viele freie Stellen geben, gibt es in der Regel Alternativen, die ähnlich, aber nicht so bekannt sind“, sagt Torsten Tatzel, stellvertretender Pressesprecher der Agentur für Arbeit Waiblingen und verweist auf die Homepage und Beratungsangebote.
Der Wandel hin zu einem Bewerbermarkt, also dass es mehr Lehrstellen als Bewerber gibt, zeichne sich schon seit Jahren ab. „Das hat mit der demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung zu tun. Wir merken aber auch, dass die Vorstellungen der Jugendlichen sich oft nicht mit der Erwartungshaltung der Ausbildungsbetriebe deckt“, sagt Torsten Tatzel. Dass es die „Spätentschlossenen“ gibt, ist für die Verantwortlichen bei IHK und Agentur für Arbeit nichts Neues. Der stellvertretende Pressesprecher der Agentur für Arbeit Waiblingen erklärt es damit, dass manche Jugendliche rechtzeitig mit dem Bewerben angefangen haben, aber die Bewerbungen aus unterschiedlichen Gründen nicht von Erfolg gekrönt waren. Andere hätten einfach den zeitlichen Punkt verpasst, eventuell, weil sie sich auf den Schulabschluss konzentriert haben, und würden erst jetzt mit dem Suchen anfangen.
Doch was können den Schulabgänger, die noch in diesem Jahr einen Ausbildungsplatz finden wollen, konkret tun? Initiativbewerbungen und telefonische Anfragen sind sinnvoll, meint dazu Sybille Wolff von der IHK Region Stuttgart. „Wichtig dabei ist, sich vorab über den Betrieb zu informieren. Was macht der Betrieb genau? Welche Ausbildungen hat er?“ Auch ein Blick in die Lehrstellenbörse biete sich an. „Gut ist auch, wenn Jugendliche sich öffnen und nach Alternativen suchen. Es klappt vielleicht nicht mit dem absoluten Wunschjob, aber es gibt ähnliche Berufe. Auch hier berät die IHK.“
In verschiedenen Veranstaltungen bringt die IHK Jugendliche und Betriebe zusammen. So unterstützt sie auch eine Aktion der Arbeitsagentur in Waiblingen: Am 20. September gibt es von 13 bis 17 Uhr die jährliche Last-Minute-Börse im BiZ der Agentur für Arbeit Waiblingen. Alle noch im System ausgewiesenen Bewerber werden dazu eingeladen. „Interessierte und nicht registrierte Bewerber können ohne Anmeldung vorbeikommen“, sagt Sybille Wolff, denn auch für Kurzentschlossene habe sich die Tür noch längst nicht geschlossen. „Auch Jugendliche, die bis jetzt noch keine Ausbildungsstelle haben, sollten nicht den Kopf in den Sand stecken“, so Claus Paal, Präsident der IHK Region Stuttgart und Unternehmer aus dem Rems-Murr-Kreis. Die Unternehmenstüren seien offen, so Paal.
Mit einer großen Plakataktion wirbt die Weinstädter Firma Lütze
Auch das Weinstädter Unternehmen Lütze ist so ein Betrieb, der sich noch über Bewerber freuen würde. Weil die mittelständische Firma oft das Gefühl hat, dass Stuttgart alle Bewerber abzieht, hat es sich eine Aktion einfallen lassen. „Wir haben gemerkt, dass wir was tun müssen und Plakate konzipiert, auf denen wir dafür werben, wohnortnah mit kurzen Wegen zu arbeiten, statt im Stau zu stehen. Die Kampagne ist gut angelaufen“, sagt Marketingleiter Wolfram Hofelich und freut sich über neue Kollegen.
Start des Ausbildungsjahres – Lage im Rems-Murr-Kreis
Zuwachs an Verträgen
Zum Ausbildungsstart in Baden-Württemberg verkündet die IHK Region Stuttgart gute Nachrichten: Im Vergleich zum Vorjahr könne ein Zuwachs von 7,3 Prozent bei den Ausbildungsverträgen verzeichnet werden. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge sei damit von 7567 auf 8117 angestiegen. Auch landesweit seien 3000 Azubiverträge mehr als im Vorjahr abgeschlossen worden.
Lehrstellen unbesetzt Trotz des Trends dürfe nicht außer Acht gelassen werden, dass zum Start des Ausbildungsjahres viele Lehrstellen unbesetzt sind, sagt Claus Paal, Präsident der IHK Region Stuttgart. Es müsse vermittelt werden, dass sich Ausbildung lohne. Dafür gelte es, die bereits gute Berufsorientierung in Schulen auszubauen. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels dürfe man keine Zeit verschwenden, sagt Paal und lobt die Unternehmen für ihre moderne und digitale Ausbildung.