Autisten-Festival in Nürtingen Kreative Perfektionisten
Viele Autisten sind begabte Musiker, Maler oder Schriftsteller. Bei einem Festival in Nürtingen wird deutlich, was sie und ihre Kunst ausmacht.
Viele Autisten sind begabte Musiker, Maler oder Schriftsteller. Bei einem Festival in Nürtingen wird deutlich, was sie und ihre Kunst ausmacht.
Nürtingen - Der erstaunliche Elan, mit dem die 16-jährige schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg die Welt aufgerüttelt hat, rückt als Nebeneffekt auch Menschen in den Blickpunkt, die meist undifferenziert als bedauernswerte Zeitgenossen gelten, nämlich Autisten. Thunberg aber sagte in Interviews, dass sie ohne das bei ihr diagnostizierte Asperger-Syndrom als leichtere autistische Variante möglicherweise den globalen Schulstreik fürs Klima nie initiiert hätte. Ihr Fazit: „Anders zu sein ist eine Superkraft!“
So spektakulär und neu – „anders“ eben – die Aktionen für die Wahrung einer auch weiterhin (er)lebbaren Welt samt Fridays-for-Future-Demos ausgangs des September auch hierzulande waren, für den „alltäglichen Autismus“ und seine Herausforderungen dürften die Geschehnisse von geringerem Belang sein. Der Alltag braucht hier andere Heldinnen und Helden, zu vielschichtig ist die Problematik, zu verschränkt die Symptomatik und zwangsweise zu komplex die Systematik.
Und so spricht Hans Heitmann am liebsten von „Menschen im Autismus-Spektrum“. Der 63-Jährige, von Haus aus Heil- und Sozialpädagoge, ist Geschäftsführer des Bereichs Autismus bei der Paulinenpflege Winnenden, zählt in dieser Funktion auch zur Leitung des Zentrums für Autismus-Kompetenz Stuttgart, ist Sprecher des Autismus-Landesverbands mit seinen fünf Regionalgliederungen und Mitglied im Bundesverband.
Heitmann beschäftigt sich seit den 1980er Jahren mit dem Thema Autismus und seinen Ausprägungen, gilt als gefragter Experte auf dem Gebiet. Er geht das Thema auch von seiner praktischen Seite an: Welche Berufsausbildung und was für eine Arbeit kommt für den Einzelnen infrage? Wie sieht es mit der Wohnsituation bei „erwachsenen autistischen Menschen mit herausforderndem Verhalten“, so der Fachterminus, aus? Die Sache drängt, da viele Betroffene noch daheim leben, ihre Eltern aber altersbedingt mit der Betreuung mehr und mehr überfordert oder aber bereits gestorben sind. Zwar laufe in Freiburg-Hochdorf ein Modellprojekt der Paulinenpflege mit vier Bewohnern, doch das sei nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Heitmann. Was fehle, seien unter anderem kostendeckende Vereinbarungen mit den kommunalen Sozialämtern.
Um den Thunberg’schen Faden des Andersseins aufzugreifen, bot kürzlich die Premiere des Aut-Culture-Festivals in den Räumen der Nürtinger Hochschule für Künstlerische Therapien viele Gelegenheiten zu teils frappierenden Ansichten und Einsichten in autistisches Leben. So markierten eine Musikeinlage des Stuttgarter Cellisten Christian von Bonin und die Lesung aus Büchern des Saarländers Florin Müller einen exemplarischen Spannungsbogen der autistischen Symptomatik und ihrer Schweregrade.
Von Bonin ist Asperger-Autist, mithin betroffen von jener autistischen Variante, deren Träger auf Einzelgebieten („Inselbegabungen“) Erstaunliches leisten. Bei dem 25-Jährigen ist es die Musik. Begleitet von Elisabeth Grünert am Flügel absolvierte der „freie Cellist“, wie er sich nennt, beim Festival selbstsicher und virtuos – laut Fachjargon „hochfunktional“ – eine Komposition in d-Moll von Edouardo Lalo. Und auf besonderen Wunsch des studentischen Festivalkomitees hatte der vielseitige Instrumentalist auch sein Alphorn mitgebracht – und verlieh der Aula des Tagungsortes die Aura der majestätischen Bergwelt.
Bei Florin Müller ist das Anderssein so anders, dass er zwar nicht spricht, aber Bücher verfasst und via Laptop mit anderen Menschen kommuniziert. „Florin“, schreibt der 24-Jährige aus Dillingen, „ist ein blumiger Name, aber ein blumiger Name für ein nicht blumiges Leben.“ Damit umreißt er seine ersten vier Lebensjahre, die er in einem rumänischen Waisenhaus unter krassesten Umständen verbrachte. Ohne Bezugsperson und angebunden in seinem verdreckten Gitterbett, der Kälte ausgesetzt und „ruhiggestellt mit Psychopharmaka“, wie es in einer Beschreibung seiner frühen Jahre heißt. Mit knapp vier Jahren, abgemagert auf zehn Kilo Gewicht und mit „Hungerbauch“, wurde Florin im Sommer 1998 von dem deutschen Ehepaar Müller adoptiert.
„Die Hoffnung auf ein schönes Leben“, wie es Florin in der Rückschau formuliert, hatte und hat freilich viele Prüfungen zu bestehen. Wie sich zeigte, mündeten die frühkindliche materielle Vernachlässigung und die traumatisierende emotionale Verarmung in Hospitalismus und Selbstverletzungen, in Schreien, Trompetengeräusche und motorische Unrast. „Sogar nachts“, sagt die Mutter, „fühlt er sich verfolgt“, Florin selber vergleicht sich dann mit einer „nackten Ratte“.
Statt bei Florin einen schweren Fall von Autismus, nämlich das Kanner-Syndrom, zu diagnostizieren, wurde lange auf eine hochgradige geistige Behinderung getippt. Doch er hatte Glück: Die Therapeutin und Erziehungswissenschaftlerin Hanne Kloth zeigte sich überrascht von seinen schnellen und zudem kreativen Argumentationszügen mithilfe von Gebärden und dem sogenannten Anlautieren von Worten und Begriffen. Nach den Erkenntnissen und Methoden der Gestützten Kommunikation wurde Florin fortan gefördert. Der Umgang mit dem Computer sollte sich für ihn als ein Tor nach draußen erweisen. Dank dieser elektronischen Hilfe machte er seinen Hauptschulabschluss mit der Note 1,4, der Computer ermöglichte und beschleunigte auch seine literarischen Ambitionen.
Aufschluss zu Florin Müllers Innenleben, seinen Zwängen und Wünschen bietet sein autobiografisches Buch „Die Reise zum leuchtenden Stern oder Ein Astronaut im Weltall“, ergänzt um Beiträge seiner Adoptivmutter Birgit und seiner Therapeutin Kloth sowie illustriert durch Bilder seines Freundes Julian Bodem. Eingestreut sind auch zahlreiche Gedichte des 24-Jährigen. Sie eröffnen ihm seit etlichen Jahren regelmäßige Einladungen zu nationalen und internationalen Lyrikwettbewerben. Weitere Veröffentlichungen sollen folgen. Neben der Neuauflage von Müllers Erstlingswerk stehen ein Kunstband in Kooperation mit einer Hamburger Kunstschaffenden sowie ein bilinguales Kinderbuch zum Thema Autismus auf der Vorhabenliste. Schließlich ist ein Film über Florin Müller geplant, der auch nach Rumänien führen soll und dort Besuche bei Florins leiblichen Familienangehörigen mit einschließt.
Mit der Kunst, auch das zeigte sich beim erstmaligen Aut-Culture-Festival, eröffnet sich ein weites Feld für autistische Menschen. Das beginnt beim eigenen künstlerisch-ästhetischen Schaffen, kann aber darüber hinaus auch Grundsatzfragen zu Vermittlung und Vermarktung betreffen. So ist beim Festival etwa Matthias Brien mit surrealistisch inspirierten Motiven hervorgetreten, gleichzeitig bietet er als studierter Produktdesigner Vorträge und Seminare zum Genre an. Der Markgröninger Grafik-Designer Hans-Christian Brix hat zum Oberthema „Vernetzungen“ Klein- bis Kleinstmuster geschaffen und lässt dem Betrachter die Freiheit, darin Synapsen, Galaxien oder Atome zu identifizieren – oder aber die Assoziationen in gänzlich andere Richtungen laufen zu lassen: Der 49-jährige Netzwerker kann eine stattliche Anzahl von Ausstellungen vorweisen.
Dietmar Zöller aus Stetten auf den Fildern hat Probleme damit, sich sprachlich deutlich zu artikulieren. Gleichwohl hat der 50-Jährige bis dato schon 13 Bücher verfasst, unter anderem über „Autismus und Körpersprache“. Die Publikationen trafen in der Fachwelt und bei Betroffenen auf große Beachtung, zudem betätigt er sich künstlerisch. Seine 80-jährige Mutter Marlies, eine frühere Gymnasiallehrerin, engagierte sich schon in den 1970er Jahren bei den Selbsthilfebestrebungen auf Elternseite und ist nach wie vor aktiv im Verein Autismus Stuttgart. Dietmar Zöller stellte seine künstlerischen Festivalbeiträge unter das salopp-pfiffige Motto: Malen und Schreiben als Bausteine zur Ich-Findung im autistischen Chaos.
Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland zwischen 0,7 und einem Prozent der Bevölkerung als Folge neurologischer Entwicklungsstörungen unter dem Begriff „Menschen im Autismus-Spektrum“ subsumiert werden können. Sie ins Arbeitsleben zu integrieren heißt, ihre Stärken und Schwächen profilgenau auszutarieren. Bei der Winnender Paulinenpflege werden 30 Berufsfelder angeboten, reichen vom IT-Bereich bis zur Lagerlogistik, die wegen ihres Ordnungssystems gefragt ist. 80 Prozent der Betroffenen, so sagt Heitmann, tragen als „eigentliche Kopfmenschen“ noch aus der Schulzeit Mobbingnarben mit sich herum und benötigen ein spezielles Sozialtraining, um aus den Kränkungserfahrungen herauszufinden. Und dann ist da noch die fortschreitende Digitalisierung und das aparte Multitasking. Der Experte mit Blick auf die unter den Betroffenen verbreitete Genauigkeit bis hin zum Perfektionismus: „Die Autisten laufen da Gefahr, zu Verlierern zu werden.“
Ehe zum Festivalabschluss in der Nürtinger Hochschule der Musiker Werner Dannemann mit seinen „Friends“ das Zepter übernahm, führte der freischaffende Bildhauer, Kunstdozent und Atelierleiter Dieter Gungl anhand von Objekten nochmals vor Augen, wie spezifisch bis diffizil die Bedingungen beim Zustandekommen „autistischer Kunst“ sein können. Sein Winnender Atelier in einer früheren Fabrik sieht Gungl als „wertefreien Raum“ – in dem als eigentlicher Wert alles möglich sei.