Dienstagmorgen, Viertel vor 9 Uhr: Auf dem großen Parkplatz zwischen der Bahnlinie und dem Technologiepark Hess beim Waiblinger Bahnhof ist rein gar nichts los. Einige wenige Autos sind am Rand der Abstellfläche geparkt, etwas links davon steht einsam ein nagelneues Buswartehäuschen mit drei Sitzplätzen und einem Hinweisschild: „Hier wird ein autonom fahrendes Fahrzeug im Testbetrieb erprobt.“
Wenige Minuten später rollt ein grün-weißer Bus im Kleinformat heran. Er ist kleiner als ein VW Bus und nähert sich fast geräuschlos. Kurz vor der Haltestelle bremst er abrupt bis zum Stillstand ab, setzt sich dann wieder in Bewegung und fährt in einem Bogen an die Haltestelle. Die Türen öffnen sich mit einem Geräusch, das an ein Raumschiff erinnert. Aus dem Kleinbus Easymile, der in Waiblingen Ameise genannt wird, steigt Alaaddin Kaya. Wieso die Ameise eine Vollbremsung hingelegt hat? Kaya antwortet mit einem Achselzucken und sagt: „Vielleicht ist etwas vor den Sensor geflogen – allerdings passiert das an dieser Stelle öfter.“
Ein Joystick statt Lenkrad und Pedalen
Wer Alaaddin Kaya zuhört, merkt schnell: Die Ameise ist ihm schon richtig ans Herz gewachsen. „Ich liebe Neues. Das Projekt ist sehr interessant, aber auch etwas ungewohnt“, sagt der 54-jährige Busfahrer. Seit einer Woche tauscht er montags und dienstags seinen Fahrersitz am Steuer eines Linienbusses der Firma Omnibus-Verkehr Ruoff gegen einen Stehplatz in der Ameise – und pendelt von 7 bis 17 Uhr mit ihr auf der rund zwei Kilometer langen Strecke vom Stopp beim Bahnhof zu dem am Berufsbildungswerk Waiblingen (BBW) und zurück.
Die Ameise hat weder ein Lenkrad noch Pedale. Wer einsteigt, sieht lediglich zwei sich gegenüberliegende Sitzreihen mit jeweils drei Plätzen und Alaaddin Kaya, der im Freiraum zwischen ihnen steht. Um den Hals des für seinen Einsatz geschulten und geprüften Operators baumelt ein kleiner Kasten mit Joystick – dieser ist quasi das Ersatzlenkrad. Direkt neben der Tür der Ameise befinden sich mehrere Schalter, ein roter Notstoppknopf und eine Vorrichtung, mit der Alaaddin Kaya den Minibus vom autonomen in den manuellen Betrieb umstellen kann.
Easymile fährt mit rund 18 Stundenkilometern
Das tut der Operator immer dann, wenn ein Hindernis den Weg blockiert, doch zunächst hat die Ameise freie Fahrt. Mit rund 18 Stundenkilometern fährt sie über den leeren Parkplatz, direkt auf einen Zebrastreifen zu. Am Fußgängerübergang stoppt sie automatisch und bleibt stehen, bis Alaaddin Kaya ihr erlaubt hat, weiterzufahren. Gleich darauf stoppt sie schon wieder – diesmal an der Einfahrt eines Kreisverkehrs. Erneut gibt Kaya die Erlaubnis zur Weiterfahrt und erklärt, dieses Prozedere sei gesetzlich vorgeschrieben, obgleich die Ameise technisch bereits dazu fähig wäre, selbst zu entscheiden, ob sie fahren kann oder nicht.
Auf einem großen Monitor unter der Decke ist die Fahrtroute als gelber Schienenstrang markiert, die Ameise ein gelber Punkt, der sich darauf bewegt. Ist der GPS-Empfang schwach, vermindert der Bus sein Tempo und tastet sich vorsichtig voran. Sobald der Empfang besser ist, nimmt er Fahrt auf.
Blinken kann die Ameise alleine
In der Max-Eyth-Straße parkt ein Sattelzug so in einer Einfahrt, dass das Fahrerhaus die Spur der Ameise blockiert. Der Minibus drosselt das Tempo, fährt langsam ans Hindernis heran und stoppt kurz vor dem Lastwagen. Nun ist Alaaddin Kaya gefragt: Mit dem Joystick setzt er die Ameise ein kleines Stück zurück, lässt sie einen Bogen um den Laster fahren und stellt dann wieder auf Autonombetrieb. „Wir fahren quasi auf einer Schiene, und ich fahre von dieser herunter und setze den Bus danach wieder darauf“, sagt Kaya. Beim Links- oder Rechtsabbiegen muss er dem Kleinbus zunächst ein Freizeichen geben, blinken kann die Ameise alleine.
Hat Alaaddin Kaya keine Angst um seinen Job als Busfahrer? Nein, sagt der 54-Jährige, der auch Betriebsratsvorsitzender ist: „Die Busfahrer fahren viel zu lange, weil es zu wenige gibt.“ Gerade im ländlichen Raum oder in Wohngebieten könnten autonom fahrende Busse Entlastung bringen und die Arbeitsbedingungen verbessern. Auch Frank Ulmer vom Forschungsprojekt Ameise hofft auf Veränderungen. „Wir wollen einen gesellschaftlichen Wandel“, sagt er. Doch der Wunsch, dass in naher Zukunft mehr autonom fahrende Busse unterwegs sind, bleibe wohl vorerst ein solcher. „Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen, in allen Belangen“, sagt Frank Ulmer, „aber es hat sehr viel Potenzial.“
Es geht um die letzte Meile
Das Thema sei die letzte Meile – also die Distanz, die zwischen dem Zuhause oder dem Arbeitsplatz und der nächsten Bus- oder Stadtbahnhaltestelle oder Bahnhof liegt. „Die Bereitschaft zum Wechsel auf den öffentlichen Nahverkehr ist da, aber die letzte Meile wird als Barriere empfunden.“ Sprich: Ist die Distanz zu groß, nehmen Menschen lieber das Auto. Da könne die Waiblinger Ameise als Zubringer kräftig punkten, denkt Ulmer. „Der nächste Schritt wäre die Kombination mit einem Rufbussystem.“ Die große Frage ist nach Ulmers Dafürhalten, „ob es uns gelingt, durch ein autonomes Rufbussystem den öffentlichen Personennahverkehr so attraktiv zu machen, dass wir in zehn Jahren den Autoverkehr um 20 Prozent verringern“.
Dafür brauche es wohl noch einige Überzeugungsarbeit, sagt Frank Ulmer. Den Busfahrer Alaaddin Kaya hat die Ameise aber schon überzeugt: „Ich fahre ganz entspannt mit, ich weiß, dass ich gut aufgehoben bin.“
Forschungsprojekt im öffentlichen Raum
Orientierung
Bevor der Bus auf Tour gehen konnte, wurde die Strecke abgefahren und eine hochauflösende digitale Karte erstellt. Dort wurden alle Elemente entfernt, die nicht fest installiert sind beziehungsweise nur die übrig gelassen, die der Bus zum Zurechtfinden benötigt. So entstand eine virtuelle Schiene, auf der sich der Bus bewegt. Die Position wird über eine Art GPS-Netzwerk gefunden.
Zeiten
Der Bus pendelt nur montags und dienstags zwischen der Station Ameisenbühl beim Bahnhof Waiblingen und dem Berufsbildungswerk in der Steinbeisstraße. Die Fahrtzeiten findet man hier.