Der Polizeiberuf schimmert noch durch. Denn auch im Ruhestand kann er das Ermitteln nicht lassen. Sechs Jahre lang ist Peter Tichonow während seiner aktiven Dienstzeit stellvertretender Leiter der Kriminalpolizei im Kreis Esslingen gewesen. Doch nun, als Pensionär mit 66 Jahren, sucht er sich seine „Kriminalfälle“ selbst aus: Er spürt Exponate afrikanischer Kunst auf und versucht in detektivischer Kleinarbeit, möglichst viele Details zu jedem Einzelstück herauszufinden. Im Selbststudium, sagt er, hat er sich ein breites Wissen angeeignet, das er mit anderen teilen möchte. Sein zweiter Bildband zu afrikanischer Stammeskunst ist nun erschienen.
Mehr als vier Jahrzehnte Sammelleidenschaft hat Tichonow zwischen die Buchdeckel gepresst. Fremde Kulturen faszinieren ihn, und angesichts der Fülle an Themenfeldern musste er sich auf eine beschränken – die afrikanische Stammeskunst. Anfangs musste er Lehrgeld bezahlen. Als jungem Sammler hatte es ihm ein Exponat von der Elfenbeinküste angetan. Der Händler wollte mehrere tausend Mark dafür haben, die Tichonow aber nicht hatte. Also tauschte er sein geliebtes Oldtimermotorrad, Baujahr 1924, gegen das vermeintliche Kunstwerk ein. Mit zunehmendem Expertenwissen bemerkte er, dass ihn der Händler über den Tisch gezogen hatte: Das erworbene Sammlerstück sei weniger wert gewesen als sein Zweirad.
Käufer-Pyramide
Auf Tauschgeschäfte lässt er sich heute nicht mehr ein. Auf weltweiten Auktionen sowie bei der Auflösung oder Verkleinerung von Sammlungen tritt Tichonow auf den Plan. Den Käuferkreis vergleicht er mit einer Pyramide. Sehr viele Gelegenheitssammler, sagt der Vater zweier Söhne, schlügen bei Preisen von wenigen hundert bis tausend Euro zu. Einige tausend Interessierte, zu denen er sich selbst zählt, bezahlten bis zu 20 000 Euro für ein Stück: „Ein geschätzt nur noch niederer dreistelliger Sammlerkreis erwirbt im Jahr mehrere Exponate in der Preisklasse ab 20 000 bis 500 000 Euro.“ Und dann gebe es den kleinen, eingeschränkten Käuferkreis für hohe sechs- bis siebenstellige Beträge.
Geschmack ist für Peter Tichonow das vorherrschende Erwerbskriterium. Er kauft, was ihm gefällt. Zu seinen gut 3000 Stücken gehören Holzschilder, Waffen, Figuren, Masken, Gefäße oder Trommeln aus Holz, Bronze, Leder, Eisen, Kupfer und Stein. In Einzelfällen bekommt er zum erworbenen Exponat unerwünschte Gesellschaft. Schädlinge können sich im Sammelstück einnisten. Einmal hatte er auf der Lederscheide eines Schwertes aus einem namhaften Auktionshaus einen „Museumskäfer“ oder Wollkrautblütenkäfer bemerkt: „Winzig kleine weiße Flecken hatten sich als Kokons herausgestellt. Die Larven ernähren sich von kreatin- und chitinhaltigen Materialien wie Leder, Federn, Pelz und Seide.“ Das erworbene Exponat sei gut verpackt an das Auktionshaus zurückgegangen.
Nicht nur fürs stille Kämmerlein
Nur fürs stille Kämmerlein sammelt Peter Tichonow nicht. Er würde gerne Ausstellungen mit seinen Exponaten bestücken, doch das Interesse der meisten Museen daran, sagt er, tendiere gegen null. Zum Thema Rückgabe an die Ursprungsländer hat er einen mehrseitigen Aufsatz verfasst. „Raub“ von Kulturgütern habe es gegeben, räumt er ein. Er kann auch ein Beispiel dafür nennen: Nach einer belgischen Untersuchung stammten etwa 883 der insgesamt 80 000 Exponate des Afrika Museums in Tervuren in Belgien, die zwischen 1885 und 1960 gesammelt wurden, aus einem kolonialen Unrechtskontext und seien juristisches Eigentum der Demokratischen Republik Kongo. Bei vielen Objekten bleibe die Herkunft aber ungewiss. Europäische Forschungsreisende hätten im 19. Jahrhundert die Inbesitznahme ethnologischer Gegenstände damit gerechtfertigt, dass die materielle Kultur der Völker durch beginnende Modernisierungsprozesse kurz vor dem Verfall stehe.
Das Thema Rückgabe von Kulturgütern an die Ursprungsländer sei komplex, sagt Peter Tichonow. Das Interesse der jungen Generation an den Exponaten sei eher gering: „Afrika möchte als moderne, globalisierte Gesellschaft angesehen werden.“ Es gebe auch Gegenstimmen. Die New Yorker Restitution Study Group etwa, eine gemeinnützige Organisation von Nachfahren westafrikanischer Sklaven, lehne die pauschale Rückgabe von Benin-Bronzen ab und klage gegen amerikanische Museen, um die Rückgabe an die Republik Nigeria und das Königreich Benin zu verhindern. Oft würden zurückgegebene Gegenstände nicht in Museen der einheimischen Bevölkerung gezeigt, sondern auf dem freien Markt verkauft. Er nennt ein Beispiel. Bund, Länder und Kommunen hätten 2021 der Restitution des kulturellen Erbes an das nigerianische Volk zugestimmt: „Von Nigerias Staatspräsident wurden die Bronzen in den Besitz des Königshauses übergeben, dem über Jahrhunderte hinweg Angriffskriege, Sklavenjagd und -handel, Plünderungen, Zerstörungen, Massaker und Menschenopfer vorgeworfen wurden.“
Peter Tichonow und seine Bücher
Person
Der 1958 geborene Peter Tichonow wollte eigentlich einen künstlerischen Beruf ergreifen. Doch die Ölkrise 1973 und ihre wirtschaftlichen Folgen ließen ihn auf die sichere Polizeilaufbahn ausweichen. Während seiner Dienstzeit war der Vater zweier erwachsener Söhne, der in der Nähe von Kirchheim lebt, auch für die Kriminalitätsbekämpfung in Nordwürttemberg in der Landespolizeidirektion zuständig. Heute widmet sich die Kriminaldirektor a. D. vor allem seiner Sammlung.
Bücher
Im April letzten Jahres ist der erste Bildband „Tribal Art. Das vollendete Kunstschaffen schwarz-afrikanischer Handwerker“ in einer Auflage von 850 Exemplaren im Agenda-Verlag in Münster erschienen. Nun folgte der zweite Band zum gleichen Thema. In einem Textteil werden auch die Schaffung der Kunstobjekte, der kultische Hintergrund oder die Funktionen der abgebildeten Stücke erläutert. Peter Tichonow zeigt Fotos von Prunkwaffen, Schildern, Masken, Skulpturen oder Schmuck.