Im Wind wiegt sanft das Gras, in einer Länge, als würden Coronabestimmungen auch gärtnerische Dienstleistungen einschränken. Drunten liegen die Ausläufer der Stadt, über die Hügel schweift der Blick weit in die Ferne. „Lazy Gardening“ lautet der Fachbegriff für eine sympathisch gelassene Haltung gegenüber dem, was da wächst und wuchert. Hier sitzen, lesen und über die Landschaft schauen – das war die Idee. Ein Ausgleich zu der kriminalistischen Recherche-Arbeit, die Schorlau seine mittlerweile zwei Ermittler bereiten: der Stuttgarter Privatdetektiv Dengler, der in seinem letzten Fall der Berliner Immobilienmafia das Fürchten gelehrt hat, und der widerwillig nach Venedig versetzte Commissario Morello, der sich in seiner Heimat Sizilien mit der Cosa Nostra angelegt hat, und auch an seiner neuen Wirkungsstätte von den Machenschaften der ehrenwerten Gesellschaft nicht loskommt. „Der Tintenfischer“ ist der Titel des zweiten Morello-Romans, der in dieser Woche erscheint.
Ein großer Plan
Doch der Garten macht sich bemerkbar: „Er wuchert, ich möchte sagen: auf eine erbarmungslose Art. Ich habe hier noch keinen einzigen Satz geschrieben“, sagt der Lazy Gardener und wirkt dabei aber nicht sonderlich unglücklich. Schon einmal war er Gärtner auf Probe, irgendwo auf dem Frauenkopf. „Ich hatte keine Ahnung von der Bösartigkeit des Unkrauts, war viel auf Lesereise “, erzählt er bei einem Glas Wein auf der Terrasse seines grünen Idylls. „Nach einem Jahr hat dieser Garten so deutliche Verwilderungserscheinungen gezeigt, dass ich die Probe vermasselt habe.“ Nun also ein neuer Anlauf. „Dahinter steckt ein großer Plan.“ Auf den ersten Blick kann man ihn von Unkraut noch nicht mit letzter Sicherheit unterscheiden. Aber vielleicht geht ja schon bald die Saat von Blumensamen auf, die ihm Freunde geschenkt haben. Zumindest ein schöner Schmetterling hat sich schon auf einer leuchtenden Blüte niedergelassen.
Am Himmel fliegt ein Bussard, der von zwei Krähen attackiert wird. Der Bussard dreht ab, die Krähen ihm nach. Überall dasselbe Schauspiel: Hackordnungen, Verfolgungsjagden, Kampf um Macht. Für seinen neuen Roman ist Schorlau unmittelbar nach dem Ende des ersten Lockdowns in Venedig gewesen. „Das Wasser war so klar, dass man den Grund sehen konnte, allerdings auch den Abfall und Unrat, der sich dort gesammelt hat.“ Wo sich sonst die Menschen ballen, gähnende Leere. Keine Boote. Vielleicht konnte man nur in dieser Situation auf die Eröffnungsszene kommen: Ein junger Mann springt von der Rialto-Brücke. Allerdings nicht aus Freude an dem klaren Wasser, sondern aus Verzweiflung.
Die Krake Cosa Nostra
Ausgangspunkt für die Geschichte, die der Thriller-Spezialist und sein italienischer Co-Autor Claudio Caiolo erzählen, war der reale, dramatische, von Hunderten Handykameras gefilmte Selbstmord eines jungen Geflüchteten in Venedig. In den „Tintenfischern“ arbeiten sich die Tentakel der Mafia gegenseitig zu. Deren nigerianische Verwandte reicht Drogen und Menschen an die Krake der Cosa Nostra weiter, unter anderem auch den verzweifelten jungen Mann, dessen Freundin von Menschenhändlern in einem sizilianischen Bordell an die Bunga-Bunga-Spiele wohlhabender Mitglieder der besseren Gesellschaft verhökert wird.
Und wie immer bei Schorlau sieht man hinterher klarer auf den Grund, zum Beispiel auf den, der zum Sturz der Regierung Conte geführt hat – ein Ereignis, das der Roman schon vorweggenommen hatte, bevor die Realität nachziehen konnte. Dabei geht es auch um die Frage, in welche Kanäle die 208 Milliarden des von der EU ausgeschütteten Corona-Wiederaufbaufonds fließen sollten.
Aber man blickt nicht nur in Abgründe. So wie das Gartenleben epikuräische, genussorientierte Züge hat, wenn man es mit dem Jäten nicht übertreibt, so zeigt sich auch der neue Roman allen Arten von Sinnesfreuden zugewandt, kunsthistorischen, körperlichen und kulinarischen, einschließlich von Rezepten zum Nachkochen, die der sizilianische Kompagnon Claudio Caiolo aus dem Küchenschatz seiner Mutter zusammengetragen hat: Pasta alla Norma und andere Köstlichkeiten.
Köstliche Krimirezepte
„Italien hat, wie ich finde, die beste europäische Küche“, sagt Wolfgang Schorlau. „Und die gesündeste.“ Die sizilianische ist noch einmal ein Sonderfall, weil die Insel immer wieder von anderen Völkern erobert wurde, die ihre Spezialitäten mitgebracht haben: die Römer den Weizen, die Spanier Tomaten, die Araber Reis und Auberginen. Womit wir wieder im Garten wären. Irgendwo weiter unten am Hang liegt ein Hochbeet in der Nachmittagssonne. Stattliche Zucchini-Triebe regen sich darin, Radieschen, mexikanischer Chili – und ein paar zarte Auberginen-Pflänzchen.
Zwischen wilden Zwiebeln und Blättern, die er für Kartoffeln hält, entdeckt Schorlau mit kundigem Blick die Spuren eines Rehs: „Eine Ricke mit ihrem Kleinen.“ Im Spurenlesen macht ihm so leicht niemand etwas vor. Normalerweise führen sie hinter die Kulissen, in deren Schatten eine Krähe der anderen nicht das Auge aushackt. „Wir leben in einer aufregenden Zeit, es geht um etwas, wie in einem Thriller.“ Dreimal in anderthalb Jahren haben seine Ermittler Dengler und Morello zuletzt das wuchernde Gestrüpp aus Macht, Politik und Gier zu lichten versucht, das die Gesellschaft bedroht. Drei Romane in dieser kurzen Zeit. Beim Unkrautjäten kann sich der Autor nun von diesem Kraftakt erholen. „Das ist eine sehr kontemplative Arbeit, man vergisst dabei alles andere.“
Info
Dengler Wolfgang Schorlau, 1951 in Idar-Oberstein geboren, lebt als freier Autor in Stuttgart. Mit seinen zum großen Teil auch verfilmten Dengler-Romanen hat er das Genre des investigativen Krimis perfektioniert.
Morello Im letzten Jahr hat Wolfgang Schorlau zusammen mit seinem Co-Autor Claudio Caiolo in dem Roman „Der freie Hund“ einen neuen Ermittler ins Rennen geschickt: den von Sizilien nach Venedig versetzten Commissario Morello. Nun folgt dessen zweiter Fall „Der Tintenfischer“.
Termin An diesem Freitag um 19.30 Uhr stellen Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo den „Tintenfischer“ im Stuttgarter Literaturhaus vor, mit begrenztem Publikum, aber auch im Livestream. Tickets können unter www.literaturhaus-stuttgart.de gekauft werden.
Buch Wolfgang Schorlau, Claudio Caiolo: Der Tintenfischer. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 16 Euro.