Lieben oder hassen? Darf man als Stuttgarter:in Fasnet feiern?

Beim Fasnets-Umzug in Wernau. Foto: imago/Eibner

Lieben oder hassen - das liegt beim Thema Fasnet oft ganz nah beieinander. Unsere Redakteurinnen Katrin und Julia haben sich die Frage gestellt: Ist Fasnet eine tolle Tradition oder einfach nur cringe?

Mit dem sogenannten Schmotzigen Donnerstag beginnt in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht die eigentliche Fastnachtszeit. Stuttgart ist nicht unbedingt als Fasnetshochburg bekannt aber auch hier gibt es Umzüge, Partys und Narrengruppen. Ist es als Stuttgarter:in witzig, sich an dem bunten Treiben zu beteiligen oder doch eher cringe? Unsere Autorinnen Julia und Katrin sehen das unterschiedlich:

 

Nach viel Grau endlich etwas Bunt

Katrin meint: Wer wie ich in einer Gegend aufgewachsen ist, in der jedes Jahr aufs Neue zwischen dem Schmotzigen Donnerstag und dem Aschermittwoch ein Ausnahmezustand herrscht, bekommt das Fasnets-Gen nicht aus sich heraus - obwohl ich bereits seit Jahren mitten in Stuttgart wohne. Klar, Stuttgart ist keine Fasnetshochburg wie Neuhausen auf den Fildern oder Rottweil. Aber auch hier gibt es schwäbsich-allemanische Fasnet: Die Kübler aus Bad Cannstatt stürmen zum Beispiel donnerstags das Rathaus und Tausende Besucher:innen treffen sich danach auf dem Cannstatter Marktplatz, um beim Küblerrennen zuzuschauen.

Dieses bunte Treiben im Februar tut gut. Denn nach all dem Grau der vergangenen Wintermonate und der bedrückenden politischen Weltlage sehnt sich doch jede:r nach etwas Farbe, guter Laune und Geselligkeit. Und genau das vermag die Fasnet, der Karneval oder Fasching zu verbreiten. Ob der große Umzug durch die Stadt, die private Fasnetssause mit selbstgemachten Berlinern zuhause oder feiern im Club - Stuttgart hat für jeden Partytyp etwas zu bieten.

Mein persönliches Highlight an Fasching? Die alljährliche Frage: Als was verkleide ich mich dieses Mal? Für eine knappe Woche kann ich täglich jemand anderes sein. Bunte Stoffe, viel Make-up und Glitzer - das alles ist möglich. Sich selbst und den Alltag nicht so ernst nehmen? Herrlich!

Kostüm an, Verantwortung ab

Julia meint: Ausnahmezustand ist ein gutes Stichwort, denn wann immer ich an Fasnet denke, schrillen bei mir die Alarmglocken. Mal ehrlich: Sobald das bunte Treiben so richtig losgeht, habe ich das Gefühl, als würden wir uns in einer etwas anderen Art von „Purge“ befinden. Nur dass im Gegensatz zu dem amerikanischen Horrorfilm keine Verbrechen legal sind, dafür aber alle Arten von Respektlosigkeiten.

Fast scheint es, als würde man mit dem Anlegen des Kostüms die alte Identität ablegen und in eine neue, völlig veränderte Persönlichkeit schlüpfen. Eine, die sich weder um Regeln noch um Verantwortungen schert und die - mit Verlaub - in den meisten Fällen maßlos betrunken ist. Damit will ich nicht den Alkoholkonsum aller Fasnetsfans kritisieren, aber was damit oft einhergeht, sind überschrittene Grenzen und fallengelassene Hemmungen.

Und wer jetzt denkt: Diese Stuttgarterin hat doch keine Ahnung davon, wie witzig und toll diese Zeit ist, liegt falsch. Ich komme ursprünglich aus einem kleinen Dorf am Bodensee, bei uns daheim feiert man die fünfte Jahreszeit wie keine andere. Tatsache ist aber, dass ich Fasnet so lange mochte, wie ich als kleines Kind noch zugeworfene Süßigkeiten am Straßenrand aufsammeln durfte. Denn eines muss man dem Ganzen lassen: Bestünde diese Zeit nur aus Süßem und Verkleidungen, würde sie mir besser gefallen.

Doch ihre unschuldige Art verliert die Fasnet nur allzu bald, denn ich erinnere mich noch genau, wie meine Schulfreundinnen (allesamt im Fasnets-Verein, selbstverständlich mit eigenem Häs) vom Schmotzigen Donnerstag erzählten: Von der Musik, von den Leuten - und vom angebotenen Schnaps. Ja, so einen guten Williams Christ, den kann man sich schon mal gönnen. Mit 12 Jahren. Aber schließlich gelten in der „fünften Jahreszeit“ ja auch andere Regeln. Nämlich gar keine.

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Und stürzt man sich dann tatsächlich ins Getümmel, egal ob auf den Fasnets-Bällen oder Umzügen, kann man die Hände, die einen an Stellen berühren, wo sie nicht hingehören, kaum zählen. Es wird geschoben, gegrapscht, gepöbelt und geprügelt. Eine Hand am Glas, eine Hand an fremden Hintern, das ist hier leider oftmals die Devise. Das Wort „Konsens“ ist - zumindest für diese Zeit - bei vielen aus dem Wortschatz gestrichen.

Also nein, ich möchte nicht Fasnet feiern, ich möchte auf keine Umzüge gehen und mich auch nicht ins grölende Getümmel stürzen. Zumindest nicht, solange jede:r denkt, er oder sie müsse sich für diese Zeit kein bisschen im Griff haben.

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