Autorin Elsa Koester Gute Stiefmutter – geht das?

Spaziergang mit den Stiefkindern ja, aber bloß nicht auf den Beifahrersitz setzen! Foto: ago//Jozef Sedmak

Wenn eine Frau einen Mann kennenlernt, der bereits Kinder hat, wird sie Stiefmutter. Und damit hat sie nicht gerade die Rolle der Heldin in der Geschichte erwischt. Wie sie trotzdem glücklich in einer Patchworkfamilie lebt, erzählt Elsa Koester im Interview.

In Deutschland werden 40 Prozent aller Ehen geschieden. Da ist es völlig normal, dass ein Partner oder beide Kinder mit in eine neue Beziehung bringen. Patchworkfamilien gibt es in vielen Konstellationen, es gibt das Wechsel- oder Nestmodell für die Kinderbetreuung, aber eine Perspektive kommt selten vor: die der Stiefmutter.

 

Frau Koester, warum führt die Stiefmutter ein Schattendasein?

Stiefmutterschaft ist kein neues Phänomen, und trotzdem ist diese Geschichte so wenig erzählt worden. Das liegt daran, dass es schambehaftet ist. Es entspricht nicht der Norm, Stiefmutter zu werden. Als kleines Mädchen denken wir nicht: „Dann lerne ich eines Tages jemanden kennen, der schon Kinder hat, und dann werde ich Stiefmutter.“ Wir stellen uns das ganz klassisch vor: „Ich lerne jemanden kennen, dann heiraten wir, und wir bekommen Kindern. Dann bin ich Mutter.“ Das erwarten auch die eigene Familie, die Freundinnen, die ganze Gesellschaft. Wenn es dann anders passiert als erwartet, ist diese Hoffnung enttäuscht.

Selbst Stiefmutter – und Autorin: Elsa Koester, 1984 in Berlin geboren, hat ihre Erfahrungen in einem Buch zusammengefasst („Stiefmutter sein – Vom ungeplanten Glück, in einer Patchworkfamilie zu leben“, Penguin-Verlag, 20 Euro.) Foto: Privat

Wie hat denn Ihr Umfeld reagiert, als Sie ihm von Ihrem neuen Partner erzählt haben, der schon zwei Kinder hat?

Erst erzählt man, dass man jemand kennengelernt hat. Dann freuen sich die anderen natürlich. Wenn ich dann erzählt habe, dass mein neuer Partner zwei Kinder hat, dann geht der Blick zu Boden. Und wenn ich dann auch noch gesagt habe, dass die Kinder von zwei verschiedenen Müttern sind, da haben mich die Leute gefragt: „Warum tust du dir das an?“ Das hat mich verletzt.

Sie machen all das für Kinder, die nicht Ihre eigenen sind, was Väter und Mütter sonst auch tun. Wie geht das?

Als Stiefmutter kann man damit ganz unterschiedlich umgehen. Ich habe aufgehört, in Kategorien zu denken wie „meine Kinder“ und „seine Kinder“ oder „die Kinder der anderen Mütter“. Wir leben hier zusammen und übernehmen füreinander Verantwortung. Kinder stehen halt mal um 5 Uhr morgens in meinem Schlafzimmer. Durch das Zusammenleben entwickelt man Verständnis füreinander. Das heißt nicht, dass ich mich immer um das Kind kümmern muss, aber es passiert automatisch, dass ich es wichtig finde, dass es den Kindern gut geht. Dafür nehme ich mich auch zurück, koche für sie, mache Hausaufgaben mit ihnen, solche Dinge. Das wächst mit der Beziehung.

Sie bezeichnen sich als Stiefmutter. Daneben ist der Begriff Bonus-Mutter beliebt. Warum nutzen Sie den nicht?

Der Begriff der Bonus-Eltern stammt von dem dänischen Pädagogen Jesper Juul, der damit sagen wollte, dass Stiefmütter und -väter auch eine Bereicherung für die Kinder sein können. Damit hat er etwas ganz Wichtiges erreicht. Ich habe bei dem Wort Bonus-Mutter aber gedacht: Ich bin ja kein Leckerli. Als würden die Kinder mich geschenkt bekommen, wenn sie brav waren. Ich bin ein Mensch, der in ihr Leben kommt. Wir haben miteinander nicht nur Spaß auf dem Rummel, ich bin auch manchmal eine Belastung für die Kinder und sie für mich. Das ist eine Umstellung, die sich die Kinder nicht ausgesucht haben.

Sie kritisieren, dass Stiefmütter kein gutes Ansehen und keine gesellschaftliche Anerkennung haben. Was fehlt Ihnen als Stiefmutter?

Ich hätte mir gewünscht, dass sich mehr Menschen für mich freuen. Dieses Leuchten in den Augen der Menschen, denen ich von meiner Familie erzähle, das darf man nicht unterschätzen. Ich hätte auch gerne von meinem Arbeitgeber einen Spa-Gutschein bekommen, auf dem steht: „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind jetzt Stiefmutter. Das wird nicht so leicht, da können Sie sich mal entspannen.“ Natürlich kann man es nicht damit gleichsetzen, ein Baby zu bekommen. Aber trotzdem ist die Anfangszeit sehr anstrengend. Zwei Monate Elternzeit hätten mir total gutgetan, um in die Familie hineinzufinden.

Sie schreiben, dass die Kinder immer wichtiger sein werden als Sie, die neue Partnerin. Ist das wirklich so?

Dieses „wichtiger“ ist total interessant. Das spielt immer eine Rolle in Patchworkfamilien, diese Frage, wer wichtiger ist, ich als neue Partnerin oder seine Kinder. Solange man diese Frage stellt, kann das nicht funktionieren mit der neuen Familie. Es würde ja auch keine Mutter auf die Idee kommen, den Partner zu fragen: „So, Schatz, wer ist wichtiger für dich: unsere Kinder oder ich?“ Ich habe Zeit gebraucht, um zu lernen, dass wir nun alle gleich wichtig sind und jede ihren Platz hat.

Was sollte man als Stiefmutter tun, was auf keinen Fall?

Auf jeden Fall sollte man immer ehrlich sein. Wenn man spürt, dass man eifersüchtig ist, weil da diese Kinder sind, die dem Geliebten so nah sind, will man das eigentlich nicht zugeben. Man tut so, als wäre alles gut. Meine Erfahrung ist, dass es allen Beteiligten hilft, ehrlich damit umzugehen. Wenn man sagt: Es tut mir leid, ich bin total eifersüchtig, dann lernen das auch die Kinder. Die jugendliche Tochter meines Partners hat irgendwann auch gesagt: „Elsa, ich bin auch eifersüchtig auf dich.“ Was in einer Patchworkfamilie gar nicht geht, ist, die Mutter der Kinder auszuschließen. Es kommt häufig zu Konflikten mit der Mutter des Kindes oder der Kinder, denn für sie ist die Situation schwer. Diese Mutter ist aber ein großer Teil der Identität der Kinder. Wenn man als Stiefmutter versucht, die Mutter auszuschließen, dann werden die Kinder innerlich zerrissen. Ich kann nur raten, auch wenn es schwierig ist, einen Draht zu der Mutter zu suchen.

Bei einer der beiden Mütter war es schwer, den Draht zu ihr herzustellen. Wie haben Sie es geschafft?

Ich habe angefangen, ihr zu schreiben, wie gerne ich ihr Kind, mein Stiefkind habe, warum ich es mag. Ich habe ihr gesagt, dass ich sehr dankbar bin. Denn ohne diese Frau wäre dieses Kind nicht in meinem Leben. Und ohne sie wäre das Kind nicht so, wie es ist.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die Rolle der Mutter seit der Aufklärung überhöht wurde. Das mache es auch für Stiefmütter schwer, weil es keine Frau daneben geben könne, die mütterliche Aufgaben übernehme. Das zeige sich vor allem beim Auto. Warum?

Alle Stiefmütter, die ich kenne, haben mir davon berichtet, dass sie hinten sitzen mussten, als sie zum ersten Mal im Familienauto mitgefahren sind – das Kind saß vorne, der Vater fuhr. Die Kinder lassen die Stiefmutter nicht nach vorne, weil das der Platz der Mutter ist. Das Auto ist das Symbol für die traditionelle Rollenverteilung der Kleinfamilie: Papa fährt, Mama sitzt daneben, hinten die Kinder. Wenn die Stiefmutter nun auf Mamas Platz sitzt, sieht es aus, als würde sie die Mutterrolle übernehmen. Als erwachsene Frau kann man sich aber auch nicht auf die Rückbank setzen lassen! Mein Tipp: Lieber nicht Auto fahren, lieber den Bus nehmen, da gibt es keinen traditionellen Mama-Platz. Überhaupt Situationen meiden, in denen man in Konkurrenz zur Mutter gerät: nicht an den gleichen Urlaubsort reisen, nicht in die Wohnung einziehen, in der die Mutter gewohnt hat, nicht an den gleichen Küchentisch setzen. Als Stiefmutter will ich nicht den Eindruck erwecken, dass ich die Mutter ersetzen will. Ich will eine eigene, zusätzliche Beziehung zu den Kindern aufbauen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Scheidung Trennung Interview Familie