Awo Ludwigsburg feiert Jubiläum Als das Essen noch mit Henkelmännern kam

Vorreiter in Baden-Württemberg: 1968 startete die Ludwigsburger Arbeiterwohlfahrt ihr Essen-auf-Rädern-Angebot. Foto: privat

Die Arbeiterwohlfahrt ist in Festlaune – sie hat die Hundert voll. In Ludwigsburg kann sie sich mit einer Vorreiterrolle schmücken: Sie organisierte das erste Essen auf Rädern in Baden-Württemberg. Der Geschäftsführer Rudi Schrödel erzählt aus bewegten Jahren.

Ludwigsburg - Auch wenn die Voraussetzungen ganz andere sind als in den Gründerjahren: Das Wirken der Arbeiterwohlfahrt (Awo), findet ihr Ludwigsburger Chef Rudi Schrödel, ist heute in nicht weniger relevant als vor 100 Jahren.

 

Herr Schrödel, die Awo wird 100. Wo hat sie in Ludwigsburg Duftmarken gesetzt?

Auf ganz markante Weise zum Beispiel als baden-württembergische Vorreiterin bei Essen auf Rädern. Unsere langjährige Geschäftsführerin Elfriede Breitenbach war nicht nur für die Awo, sondern auch als politische Mandatsträgerin viel unterwegs. Bei einem Besuch in Ludwigsburgs walisischer Partnerstadt lernte sie das Prinzip Essen auf Rädern kennen und etablierte es in Ludwigsburg. Die ersten Essen auf Rädern haben wir 1968 ausgefahren, damals noch in den berühmten Henkelmännern, die man aufeinanderstapelte. Zuletzt haben wir täglich rund 130 Essen ausgeliefert. Vor zwei Jahren hat die Awo dieses Angebot aber aufgegeben.

Warum?

Die Essensauslieferung ist inzwischen ein großer Markt. Zudem wurde der Zivildienst abgeschafft, und Zuschüsse fielen weg. Der Ausstieg fiel uns schwer. Unsere Stammfahrer haben sich Zeit genommen für die Menschen, denen sie die Mahlzeiten brachten. Ein kommerzieller Anbieter kann das in der Regel nicht leisten.

Als Elfriede Breitenbach das Bundesverdienstkreuz bekam, hieß es, das sei ein kleines Kreuz an einem großen Herzen. Welches geistige Erbe hat sie hinterlassen?

Ihr Credo war es, schnell und gut zu helfen, wo es notwendig war. Um Wirtschaftlichkeit ging es damals nicht so sehr.

Was charakterisiert die Gründerzeit der Ludwigsburger Awo?

In den ersten Jahren war Schwester Nurmi Feeser das Gesicht der Awo. Sie war als Hauspflegerin in der ganzen Stadt im Einsatz und organisierte die Nachbarschaftshilfe. Noch heute begegnen wir alten Menschen, die sich an sie erinnern. Wir betreiben ja seit 2002 das Hans-Klenk-Haus, das wir als defizitäre Einrichtung der Stadt übernahmen. Das war ein finanzieller Kraftakt, für den wir Neuland betreten und den wir gut gemeistert haben. Das 100-Jahr-Jubiläum bezieht sich aber auf die Arbeiterwohlfahrt an sich, in Ludwigsburg ist sie fünf Jahre jünger. Julie Keil, die Frau des SPD-Politikers Wilhelm Keil, gründete die Ortsgruppe 1922 mit SPD-Stadtrat Wilhelm Kopp.

Wirkt es sich auf die Arbeit der Awo aus, dass sich die SPD im Sinkflug befindet?

Eigentlich nimmt man uns erst jetzt beim 100-Jahr-Jubiläum wieder stärker in Verbindung mit der SPD wahr, was sicher auch daran liegt, dass Baden-Württemberg ja nicht gerade SPD-Stammland ist. In Nordrhein-Westfalen ist die Awo viel stärker politisch geprägt. In meiner Ludwigsburger Anfangszeit vor 30 Jahren waren die Awo und die SPD allerdings für manche Leute das gleiche rote Tuch.

Die Awo Ludwigsburg ist seit 1997 gemeinnützige GmbH. Weshalb diese Struktur?

Wir können schneller und unabhängiger agieren. Es ist zum Beispiel bei Bewerbungen für Kita-Trägerschaften relevant, ob man am Tropf eines Dachverbandes hängt und erst durch alle Instanzen und Gremien muss, oder ob sich Gesellschafter und Geschäftsführung einig sind und man rasch handeln kann.

Soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit fördern, Alte, Kinder und Familien unterstützen: Auch wenn der historische Hintergrund mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und bitterarmen Arbeiterfamilien ein anderer war, sind die Awo-Anliegen der Anfangszeit hoch aktuell, oder?

Aktuell wie eh und je. Menschen ohne Teilhabe verelenden zwar nicht wie vor 100 Jahren. Aber gerecht bedeutet eben, dass alle die gleichen Chancen haben. Das heißt nicht, dass man alle auf das gleiche Level bringen kann. Aber es müsste gewährleistet sein, dass alle dieselben Möglichkeiten erhalten. Deshalb ist die Awo schon seit Urzeiten für Ganztags-Kitas, mit denen wir in Ludwigsburg, Pattonville und Sachsenheim zu den Vorreitern gehörten, für den schulischen Ganztag oder für den gebührenfreien Kindergarten. Davon sind wir leider noch weit entfernt.

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