Azenberg-Areal in Stuttgart Früher Frankenstein, heute Kreativwirtschaft

Von  

Stuttgart ist um einen spannenden Off-Space reicher. Das Azenberg-Areal im Stuttgarter Norden wird zur Spielwiese für Kreative. Die ehemaligen Räume des Gesundheitsamtes und der Uni Stuttgart sollen bis Ende 2013 zwischengenutzt werden.

Wie einst im Chemieunterricht: Alexander Matthies (vorne) und Thorsten Brose im denkmalgeschützten Hörsaal. Foto: Heinz Heiss
Wie einst im Chemieunterricht: Alexander Matthies (vorne) und Thorsten Brose im denkmalgeschützten Hörsaal. Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Die Geschichte von Frankenstein muss neu geschrieben werden. Entgegen anderslautender Gerüchte wurde der moderne Prometheus nicht an der Universität in Ingolstadt erschaffen. Das Monster wurde mit Sicherheit im Azenberg-Areal im Stuttgarter Norden kreiert. Hier, in den ehemaligen Räumen des Gesundheitsamts und in den verschlungenen Gängen im Keller, in denen einst Institute der Uni Stuttgart beheimatet waren, spukt es. Mindestens. In der einen Ecke stehen riesige Öfen, in deren Angesicht man gar nicht wissen möchte, was die Materialtester hier für Material getestet haben. Der nächste Raum hat etwas von einem Versuchslabor aus einem Bond-Film der 70er Jahre. Und im denkmalgeschützten Hörsaal fühlt man sich an den Chemieunterricht in der Schule erinnert. Alles so schön morbide hier.

Das Azenberg-Areal lag lange Jahre im Dornröschenschlaf. Für das rund 10.000 Quadratmeter große Gelände hatte sich unter anderem die Vereinigung Stuttgarter Studentenwerke interessiert. Die Einrichtung hätte hier gerne ein Wohnheim mit 300 Plätzen samt Kita gebaut. Den Zuschlag erhielt stattdessen ein Heidelberger Investor, die Epple Projekt GmbH. Epple will im Stuttgarter Norden nun 100 Wohnungen bauen. Das Unternehmen hat einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem insgesamt 20 Architekturbüros bis Ende des Jahres dazu aufgerufen sind, Vorschläge für die Neubebauung abzuliefern – die Stuttgarter Zeitung hatte berichtet. 2013 soll das Baurecht geschaffen werden, 2014 mit dem Abriss des alten Max-Planck-Instituts begonnen werden.

„Super Spielwiese mitten in der Stadt“

Bis es so weit ist, kümmern sich Alexander Matthies und Thorsten Brose um das spannende Areal. Die beiden Stuttgarter wollen die riesige Fläche zwischennutzen. Kreative, Bastler und Künstler sollen hier eine temporäre Heimat erhalten. „Die Firma Epple steht Zwischennutzungen grundsätzlich positiv gegenüber“, erklärt Firmensprecher Herbert W. Rabl. „Wir haben in der Vergangenheit in diesem Bereich mit verlässlichen Partnern sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Rabl weiter.

Mit Matthies und Brose hat Epple in Stuttgart verlässliche Partner gefunden. Matthies kümmert sich mit seiner Firma Raum auf Zeit seit 2006 um Off-Locations wie früher das H7. Brose wiederum sorgt bei diesen temporären Projekten für die technische Realisierbarkeit.

„Wir sind froh, dass wir Stuttgarter Kreativen hier eine super Spielwiese mitten in der Stadt bieten können“, sagt Alex Matthies. Da Matthies mit seiner Firma Raum auf Zeit „derzeit genügend andere Projekte stemmen muss“, zum Beispiel die Zwischennutzung des Ex-Filmhaus in der Friedrichstraße, kümmert sich Thorsten Brose in Eigenregie um das Areal. Matthies will nur unterstützen, wenn es um Fragen des Mietrechts geht.

Künstler sollen hier eine neue Heimat finden

Für Brose, der eigentlich einen Veranstaltungsservice betreibt, ist das ein hübscher Aufstieg. Bisher sorgte er als Hausmeister 2.0, Spitzname MacGyver, dafür, dass die Kreativen in Matthies’ Reich nicht ohne Strom, Wasser und andere Nebensächlichkeiten dastehen. Im Azenberg-Areal koordiniert er jetzt acht Gebäude auf insgesamt 4000 Quadratmetern, in denen Stuttgarter Kreative eine neue Heimat finden sollen.

„Einen Großteil des Areals können wir nicht nutzen, weil Strom und Heizung nicht mehr funktionieren“, erklärt der 35-Jährige. Eine Nutzungsänderung der Gebäude strebt Brose nicht an. „Für die kurze Zeit würde sich das nicht nutzen: Wo vorher Büros waren, gibt es wieder Büros, Lager werden wieder als Lager genutzt.“

Erste Mieter sollen zum 1. Dezember einziehen. Im Fokus: „Künstler, die hauptberuflich etwas anderes machen und sich kein teures Büro oder Atelier leisten können.“ Damit soll die „tolle Brache“ (Brose) bis Ende 2013 sinnvoll bespielt werden, nachdem das Gelände in den vergangenen sechs Jahren, wenn überhaupt, eher eigenwillig genutzt wurde. „Die Polizei hat hier zum Beispiel ihre Suchhunde trainiert“, sagt Brose. Das Interesse an den verrückten Räumen, die an manchen Stellen nach Frankenstein und Co. schmecken, ist groß. „Wir haben schon viele Anfragen“, sagt Brose. „Interessenten schicken am besten eine Mail an azenbergareal@email.de“

Die erste Amtshandlung von Brose nach sechs Jahren Leerstand war übrigens sehr schwäbisch: Er kümmerte sich um die Gehwegreinigung und eine große Kehrwoche – so geht Zwischennutzung in Stuttgart.




Unsere Empfehlung für Sie