Backnang/Oppenweiler Eine Fahrrinne kann Leben retten

Der Förster und Amphibienfreund Jochen Bek zeigt eine Gelbbauchunke, die in einer mit Wasser gefüllten Fahrspur aufgewachsen ist. Foto:  
Der Förster und Amphibienfreund Jochen Bek zeigt eine Gelbbauchunke, die in einer mit Wasser gefüllten Fahrspur aufgewachsen ist. Foto:  

Im Wald zwischen Strümpfelbach und Oppenweiler legt das Forstamt sogenannte Trittbretthabitate an. Sie sollen vom Aussterben bedrohten Amphibien zur Heimat werden. Doch nicht jedem gefallen die Bemühungen der Förster.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)
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Backnang - Der erneut sehr milde Winter hat Martin Röhrs, dem Leiter des staatlichen Forstamts im Rems-Murr-Kreis, im Frühjahr eine kleine Flut von Beschwerden eingebracht. Ein Gutteil der Waldwege sei verschmutzt oder nur mit Gummistiefeln begehbar, monierten Naherholungssuchende. Spaziergänger machten einen rücksichtslosen Holzabbau in den Wäldern und die mangelnde Bereitschaft, wieder herzurichten, was durch die Erntemaschinen an Schäden angerichtet worden sei, dafür verantwortlich.

Doch diese Kritik hält Röhrs für nicht sachgerecht. Zum einen, weil die befestigten Hauptwege durchaus wieder in einen ordentlichen Zustand gebracht worden seien. Zum anderen, weil man sich tiefer im Wald an manchen Stellen bewusst bemühe, Lebensräume für gefährdete Tierarten zu erhalten. „Der Wald“, sagt Röhrs, „ist für einige Amphibienarten mittlerweile der einzige Rückzugsort zum Überleben.“

Doppelter Maschinenschaden

Jochen Bek hat im Frühjahr vergangenen Jahres einen Arbeiter, der beim Bergen von Sturmholz mit einem Rückeschlepper eine tiefe Spur auf einem Pfad im Wald zwischen Backnang-Strümpfelbach und Oppenweiler hinterlassen hatte, gebeten, die Vertiefung gleich noch einmal zu durchfahren. Der Mann glaubte sich verhört zu haben und kam der Forderung des Försters vom Reichenberg erst nach mehrmaligem Nachfragen nach.

Jetzt, rund anderthalb Jahre später, zeigt sich der Sinn der Aktion: Gelbbauchunken in allen Entwicklungsstadien tummeln sich in der mit Regenwasser gefüllten Rinne – als beinlose Lurche mit Schwanz oder als ausgewachsene Amphibien, die ihre leuchtend gelbe Unterseite warnend nach oben kehren, wenn man ihnen zu nahe kommt. Die Gelbbauchunke steht auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten.

Bek hat seine Leidenschaft für Lurche, Frösche und Unken durch einen ebenso leidenschaftlichen Biologielehrer einst als Schüler am Backnanger Taus-Gymnasium entwickelt. Heute macht er sich selbst in Seminaren und Exkursionen bei jungen Menschen, aber auch im Kollegenkreis, für die Erhaltung der Artenvielfalt von Amphibien stark. Denn der Wald sei für diese wegen zahlreicher Flussbegradigungen, zunehmender Flächenversiegelung und intensiver Landwirtschaft oft zur letztmöglichen Heimat geworden.

In seinem Revier rund um den Reichenberg bemüht sich Bek zudem, neue Lebensräume zu schaffen, sogenannte „Trittbretthabitate“: mehrere kleine Tümpel, an denen die Amphibien ihrer Wanderleidenschaft nachkommen können. Denn gerade für Arten wie die Gelbbauchunke, die entgegen anderer Verwandter nicht auf die Strategie setzt, möglichst viele potenzielle Nachkommen in Form von Laich zu produzieren, ist eine permanente Flucht vor Fressfeinden überlebenswichtig.

Brutal erfreulicher Kammmolch

An anderen Stellen im Umkreis von jeweils etwa 500 Metern hat der Förster deshalb mit einem Bagger kleine Tümpel ausheben lassen. Und an einem geraten er und sein Oberberkener Kollege Axel Scheuermann, den die gleiche Leidenschaft umtreibt wie Bek, beim Presserundgang geradezu in Verzückung. In dem Kescher, mit dem Bek durch das trübe Wasser fischt, zeigt sich ein Kammmolch. Die Ansiedelung dieser stark vom Aussterben bedrohten Spezies haben die Experten zwar unterstützt, aber sie haben noch längst nicht mit einem Erfolg gerechnet. „Brutal erfreulich“, entfährt es Axel Scheuermann.

Allerdings ist auch ein für die Amphibien mit den gezackten Rücken gefährlicher Gelbrandkäfer auf das Laichgewässer aufmerksam geworden, „der T-Rex der Amphibienwelt“, wie Scheuermann sagt. Doch auch der ist Teil eines natürlichen Entwicklungsprozesses.

Den allerdings wollen die Förster weiter aktiv unterstützen. Dazu gehöre auch, mal eine Holzrückespur zu erhalten oder gar ein Schlammloch zu pflegen. Scheuermann: „Auch wenn das einige nicht gern sehen: Es muss auch noch ein paar ,dreckige’ Ecken in unserem ansonsten so aufgeräumten Ländle geben.“




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