Bad Cannstatt Über sieben Brücken

Von Claudia Leihenseder 

Die Wilhelmsbrücke hat ihren heutigen Namen vor 175 Jahren bekommen.

Pferdekutsche und Straßenbahn: so zeigt eine Postkarte von 1910 Foto: privat
Pferdekutsche und Straßenbahn: so zeigt eine Postkarte von 1910 Foto: privat

Bad Cannstatt - Dass Bad Cannstatt eine Brückenstadt sein muss, ist klar, liegt es doch idyllisch direkt im Neckarknie. Doch wie viele es genau sind und welch bewegte Geschichte sie hinter sich – und manche auch noch vor sich – haben, davon hat der Ortshistoriker Olaf Schulze bei seiner Brückentour am Vatertag berichtet. Veranstalter war dabei der Verein Pro Alt-Cannstatt, dessen Vorstandsmitglied Schulze ist.

„In Bad Cannstatt kann man ohne Brücken gar nicht existieren“, meint Schulze. Der Neckar, so wie ihn die meisten von uns kennen, nämlich kanalisiert, technisiert, gezähmt und in geregelten Bahnen fließend, war nicht immer so brav. Schon sein Name, keltischen Ursprungs, bedeutet wildes Wasser oder wilder Geselle. So mussten die Brücken in Bad Cannstatt über Jahrhunderte und –tausende den Hochwasserfluten trotzen. Dem Vorgänger der Wilhelmsbrücke erging es dabei nicht sonderlich gut, wurden seine Pfeiler doch regelmäßig unterspült, das Bauwerk aus Stein und Holz beschädigt oder gar ganz zerstört, erzählt der Stadthistoriker bei seiner Brückentour.

Eine kleine Traube von Zuhörern drängt sich an der Neckartalstraße um den Kenner der Materie, damit jeder trotz Verkehrslärm die Fakten und Geschichten mitbekommt. Der Blick geht hinüber ans andere Ufer, zu sehen ist die Stadtkirche, aber auch die heutige Wilhelmsbrücke aus Stahl aus dem Jahr 1929/30. Am Brückenkopf aus Beton, so weist Schulze seine Zuhörer hin, sind eindeutige Löcher zu sehen: Kriegsschäden von herumfliegenden Trümmern, denn die Brücke wurde, wie fast alle – bis auf den Berger Steg und den Voltasteg – kurz vor Kriegsende 1945 gesprengt. Die Zuhörer nicken andächtig mit den Köpfen. Das ist sichtbare Geschichte.

Der Neckar war wild und die Brücke unsicher

Im Übrigen ist die heutige Wilhelmsbrücke im August 1949 wieder ihrer Bestimmung übergeben worden. Man hatte sie aus den alten Brückenteilen von 1929 wieder aufgebaut. Die Gruppe macht sich auf den Weg und überquert mit der Wilhelmsbrücke die siebte Brücke an diesem Nachmittag. Brücken und Stege, die kaum unterschiedlicher sein könnten: den Holzsteg, der die Altstadt und den Stadtstrand mit der Wilhelma und dem Rosensteinpark verbindet, den Elefantensteg aus Beton über die Bundesstraße, zwei gänzlich unterschiedliche Hängebrücken, die Fußgänger vom Rosensteinpark zum Leuze bringen, die König-Karl-Brücke, die mit ihren 40 Metern besonders breit ausfällt, schließlich die Rosensteinstraßenbrücke und zum Schluss die Wilhelmsbrücke mit ihrer bewegten Geschichte.

Das Stahlkonstrukt unter den Füßen, der Neckar darunter und dann noch eine letzte Rückblende zurück ins 19. Jahrhundert. Der Neckar wild, die Brücke immer unsicherer, die Situation für Bürger und König völlig unzufriedenstellend. „Der Vorgänger der Wilhelmsbrücke war teilweise so beschädigt, dass gleichzeitig nur ein kleines Fuhrwerk die Brücke passieren durfte“, berichtet Olaf Schulze und steigt in die Entstehungsgeschichte der ersten Wilhelmsbrücke ein: So war es nur folgerichtig, dass König Wilhelm I. eine Steinbrücke an der Stelle bauen wollte, wo es aus Bad Cannstatt hinaus in Richtung Pragsattel geht. Die ersten Pläne stammen aus dem Jahr 1821. Zwischenzeitlich wollte der König die Brücke sogar verlegen, dort wo heute die Rosensteinstraßenbrücke steht und die Straßenbahn von der Badstraße hinüber in die Pragstraße fährt. Doch sie wurde an historischer Stelle gebaut, dort, wo vermutlich schon die Menschen in der Römerzeit und sicher seit dem Hohen Mittelalter den Neckar überquerten. Der Bau der Wilhelmsbrücke begann schließlich 1835 nach den Plänen des Stuttgarter Oberbaurats Eberhard Etzel (1784 – 1840). Sie sah ganz anders aus als die Stahlkonstruktion, die heute von Autos und Fußgängern benutzt wird: 133 Meter lang war das Bauwerk und bestand aus fünf Steinbögen, auf deren Höhe sich an beiden Seiten oben Ausbuchtungen befanden, auf denen sich Passanten aufhalten, ein Schwätzchen führen und dem Verkehr ausweichen konnten. Die Brückentaufe und feierliche Einweihung war am 27. September 1838, dem Geburtstag des Königs. Und das ist nun bald 175 Jahre her.

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