Baden-Württemberg und Malaysia Suche nach stabiler Brücke in Asien

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Der globale Handel ist von Konflikten bedroht. Umso wichtiger ist es für ein Exportland wie Baden-Württemberg, auf Partner jenseits der großen Handelsmächte zu blicken. Malaysia ist so ein Land, das im Südwesten verstärkt im Visier ist.

Bauarbeiter in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur: Das Land hat zuletzt viel in Infrastruktur investiert. Foto: AFP/Mohd Basfan
Bauarbeiter in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur: Das Land hat zuletzt viel in Infrastruktur investiert. Foto: AFP/Mohd Basfan

Stuttgart - Amerikanisch-chinesischer Handelsstreit, Brexit, Konjunkturabkühlung – die Schlagzeilen für die globalen Wirtschaftsbeziehungen sind in den vergangenen Monaten düsterer geworden. Doch es gibt auch Länder, die im Windschatten der Entwicklung fahren. Malaysia gehört zu den Ländern, in denen aktuell das Wachstum mit etwa 4,6 Prozent stabil ist – auch wenn die globale Unsicherheit im Handel ihre Spuren hinterlassen hat und im bisherigen Jahresverlauf der Handel mit Deutschland im Minus liegt. Eine Studie des britischen Nachrichtenmagazins „Economist“ sprach davon, dass das Land mittelfristig bei weiteren Konflikten zwischen China und den USA sogar profitieren könne. Im Herzen der Wirtschaftsgemeinschaft Asean gelegen, könne es demnach zum alternativen, asiatischen Standort für US-amerikanische Firmen werden, die in China zunehmend auf Hemmnisse stoßen.

Baden-Württemberg hat das süsostasiatische Land verstärkt im Blick

Auch Baden-Württemberg hat Malaysia verstärkt im Blick. Nach einer Delegationsreise im Sommer haben nun das Landeswirtschaftsministerium und die IHK Region Stuttgart bei einem Austauschseminar die Kontakte verstärkt.

„Wir sehen weiteres Exportpotenzial und wollen gerade kleinen und mittleren Unternehmen den Weg ebnen“, sagt Staatssekretär Michael Kleiner: „Alleine in den vergangenen zehn Jahren haben sich die Ausfuhren aus Baden-Württemberg verdoppelt.“ Attraktiv seien die demokratischen Strukturen, die politische Stabilität und die Rechtssicherheit. Im kommenden Sommer ist eine weitere Delegationsreise geplant.

Mit seinen 32 Millionen Einwohnern hat der Staat im Herzen Südostasiens eine systematisch ausgebaute Infrastruktur – von internationalen Flughäfen und Häfen über Eisenbahnen bis hin zum Breitbandnetz. Auch der in Deutschland geprägte Begriff „Industrie 4.0“ ging der 50-köpfigen malaysischen Delegation, die in Stuttgart zu Gast war, flüssig von den Lippen. Bei möglichen Übernahmeobjekten für malaysische Firmen, die dem Marktzugang und dem Technologietransfer dienen, ist die südwestdeutsche Firmenlandschaft mit vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland besonders attraktiv. Man sei als relativ kleines Land kein Interessent für Milliardenübernahmen, sagt Azman Mahmud, Leiter des malaysischen Büros für die Standortförderung. Wenn sich, wie es zurzeit immer häufiger der Fall ist, malaysische Unternehmen bei deutschen Firmen einkaufen, macht das im Gegensatz etwa zu chinesischen Akquisitionen kaum Schlagzeilen. Und kaum ein Deutscher dürfte wissen, dass beispielsweise die Schreibbedarfshersteller Pelikan und Herlitz schon seit Jahren in malaysischen Händen sind. „Wir wollen schon lange kein Billigstandort mehr sein“, sagt Mahmud. Seit Jahren fährt das Land, dessen wichtigstes Exportgut beim Handel mit Deutschland mit einem Anteil von zwei Dritteln elektrische und elektronische Produkte sind, eine Hightech-Strategie.

Malaysische Firmen sind in Deutschland auf Einkaufstour

Bei der Präsenz baden-württembergischer Unternehmen gibt es bereits eine lange Tradition. Bosch ist beispielsweise schon seit 1923 vor Ort – und nutzt das Land als Fertigungsstätte und Sprungbrett für den südostasiatischen Markt: „95 Prozent der dort gefertigten Produkte gehen in den Export“, sagt Simon Song, Chef von Bosch in Malaysia. Neben den Malaien sind Inder und vor allem Chinesen weitere einheimische Bevölkerungsgruppen – was die Beziehungen zu den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt erleichtert. „Die Sprache ist ein kultureller Vorteil – auch mit Indonesien teilt man sich eine gemeinsame Sprache“, sagt Song. Auch als Erbe der britischen Kolonialzeit ist Englisch weit verbreitet. Allerdings, wirft Daniel Bernbeck, Leiter der Deutsch-Malaysischen Handelskammer in der Hauptstadt Kuala Lumpur, kritisch ein, hätten andere Länder am Punkt Englisch klar aufgeholt: „Überall dort spricht die jüngere Generation besser Englisch als die ältere. In Malaysia ist es umgekehrt.“

Demokratie und kulturelle Offenheit zahlen sich aus

Malaysia ist ein Beispiel, dass sich Demokratie und kulturelle Offenheit wirtschaftlich lohnen. 2018 hat das Land einen friedlichen, demokratischen Machtwechsel hinter sich gebracht. „Stabilität“, das ist ein Wort, das auch deutsche Wirtschaftsvertreter in Stuttgart als Trumpf anführten. Auch wenn der Islam Staatsreligion sei, herrsche Toleranz, sagt Bernbeck. Dass das Leben in Malaysia entspannter ist als etwa in dem als Musterbeispiel geltenden Nachbarstaat Singapur beschrieb er anhand einer Anekdote: Vor Kurzem habe er einen evangelischen Pastor von dort in Kula Lumpur zu Gast gehabt. Nach dem Freiluftgottesdienst für die deutsche Gemeinde, habe dieser gesagt: „In Singapur wäre das unmöglich. Da wäre das gleich eine genehmigungspflichtige öffentliche Versammlung.“

Eine Herausforderung gebe es allerdings in Malaysia: „Wegen der unterschiedlichen religiösen und ethnischen Gemeinschaften gibt es sehr viele Feiertage“, sagte Bernbeck. Da die Malaysier jedoch meist nur acht bis zwölf Urlaubstage hätten, stimme die Gesamtbilanz aus Unternehmersicht. Für einen Deutschen hingegen sei die Situation optimal: „Deutscher Urlaubsanspruch plus die malaysischen Feiertage – das ist perfekt.“