Vaihingen - Um die Mittagszeit ein Gespräch mit Fadik Düzgören und Münevver Demirbas zu führen, ist schwierig. Pausenlos kommen Kunden in die Bäckerei Herz in Stuttgart-Vaihingen. Börek und Leberkäsweckle zum Vesper gehen weg wie warme Semmeln. Man kennt sich. Einige Kunden duzen die Betreiberinnen des kleinen Eckgeschäfts. „Der Herr kriegt eine Brezel?“, ruft Münevver Demirbas einem Senior zu, bevor der überhaupt etwas bestellt hat. Viele kämen fast jeden Tag.
Die Bäckerei mitten im Wohngebiet an der Brommerstraße feiert am Valentinstag ihr dreijähriges Bestehen. „Einige Kunden sagen: Bald habt ihr Geburtstag“, sagt Münevver Demirbas. Drei Jahre, das mag nicht viel sein für ein Geschäft, die beiden türkischen Schwestern jedoch haben einen holprigen Weg hinter sind. Sie sind ehemalige Mitarbeiterinnen der Bäckerei Lang. Die Kette hatte im Oktober 2018 Insolvenz angemeldet. Statt Trübsal zu blasen, wagten sich die Frauen in die Selbstständigkeit und eröffneten ihr eigenes Geschäft. Anfang 2019, also drei Monate nach der Lang-Pleite, unterschrieben sie den Mietvertrag für das damals leer stehende Ladenlokal.
Laugenweckle und Brezeln in Herzform
Drei Jahre später ist die Theke reichlich gefüllt. Die meisten Backwaren werden von einer Böblinger Bäckerei geliefert, manches machen die Frauen selbst: Salate, Joghurt, Snacks aus ihrer Heimat. Mit den Jahren hat das Duo sein Sortiment verfeinert. Es gibt gehaltvoll ausschauende türkische Kuchen. Fadik Düzgören bricht in Lachen aus. „Was schmeckt, hat Kalorien“, sagt sie. Gelacht wird ohnehin viel in der Bäckerei, die Laugenweckle und Brezeln in Herzform anbietet. „Wenn man seine Arbeit nicht liebt, kann man das nicht machen“, sagt Münevver Demirbas.
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Die Schwestern bekennen aber auch: Selbstständig zu sein, ist anstrengend, und dies nicht nur wegen des Papierkrams. „Es nimmt viel Zeit und Kraft“, sagt Münevver Demirbas. Seit sechs Monaten beschäftigen sie eine Aushilfe. Das erlaubt den Frauen endlich, einen Tag in der Woche freizunehmen. Zuvor haben sie durchgearbeitet. Die Bäckerei Herz hat täglich geöffnet. Sieben Tage, an denen der Wecker um 3 Uhr morgens klingelt. Das erfordert viel Disziplin, sagt Fadik Düzgören. „Wir haben kein soziales Leben. Unser soziales Leben sind unsere Kunden“, erklärt sie.
Corona hat das Geschäft gebremst
Ein Jahr war die Bäckerei Herz gerade geöffnet, dann kam Corona. Die Pandemie habe das Geschäft gebremst. „Wenn die Schule wegen Corona geschlossen ist, ist es schwierig“, stellt Münevver Demirbas (54) klar. Das Kaffee-und-Kuchen-Geschäft habe gelitten, manche Senioren hätten sich nicht mehr in die Bäckerei getraut. Die Stammkundschaft habe die Betreiberinnen durch die Krise getragen. „Unsere Nachbarn haben uns gut unterstützt“, sagt Fadik Düzgören (55).
Für ihren Traum haben die Schwestern ihre Leben umgekrempelt. Münevver Demirbas musste Auto fahren lernen, um in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit zu kommen. Den Führerschein habe sie zwar stets gehabt, aber nie genutzt. „Dann musste ich“, sagt sie. Auch ihre Schwester hat sich neu orientiert. Sie ist umgezogen – in ein Haus gegenüber der Bäckerei. „Man braucht Mut“, sagt Münevver Demirbas über die Selbstständigkeit. Ihre Schwester denkt kurz über das Gesagte nach, dann fügt sie hinzu, dass sie mehr Angst vor der Arbeitslosigkeit gehabt habe.
Die Schwestern haben drei Wünsche
Die Frauen, die immer ein Lächeln auf den Lippen haben, haben drei Wünsche. „Wir möchte hier gern bis zur Rente arbeiten“, sagt Münnever Demirbas. Dann – Wunsch zwei – hätten sie gern, dass ihre insgesamt vier Kinder den Laden übernehmen, „damit bleibt, was wir aufgebaut haben“. Fadik Düzgören weiß aber auch: Die jungen Leute haben heute andere Vorstellungen. Realistischer sei da vielleicht Wunsch drei: Irgendwann mal zwei, drei Angestellte beschäftigen, um kürzer treten zu können. Fadik Düzgören sagt: „Angestellte gerecht behandeln, das war immer mein Wunsch.“