Filderstadt - Sonnenstrahlen tanzen auf dem Wasser, Nebelschwaden gleiten über die spiegelglatte Oberfläche. Blässhühner ziehen ihre Kreise. Morgens sieht der Bärensee im Wald zwischen Plattenhardt und Stetten idyllisch aus. Doch der Schein trügt. Der Bärensee ist krank, betont Frank Weissert. Der Vorsitzende der Anglergruppe Bärensee, die das etwa einen Hektar große Gewässer von der Stadt gepachtet hat, macht sich Sorgen. Zweimal täglich fährt er unter der Woche zum Biotop. Er sucht die Ufer nach toten Fischen ab, außerdem schnuppert er, ob es faulig riecht – Schwefelwasserstoff.
Der Zustand des Sees ist schon lang schlecht. Er ist durch zu viel Schlamm und Wasserpflanzen überdüngt. Im maximal 2,50 Meter tiefen Wasser ist eine braune Masse unter der Wasseroberfläche erkennbar; dichtes Hornkraut. Der Verein misst regelmäßig nach. „An der Oberfläche geht es halbwegs“, sagt Frank Weissert über den Sauerstoffgehalt, aber bereits in 50 Zentimetern Tiefe reduziere sich der Gehalt auf den kritischen Wert von vier, fünf Milligramm pro Liter, „und ab 70 Zentimeter beginnt die Todeszone“. Leben sei aktuell nur in Ufernähe und im Flachwasser möglich.
Vor wenigen Jahren starben zahlreiche Fische
Im Winter 2016/2017 ist der See umgekippt. Ergebnis: eine Tonne toter Fische. Seither sind Maßnahmen ergriffen worden. Es wurden etwa Bäume zurückgeschnitten, damit weniger Laub ins Wasser fällt und sich dort zersetzt, von 2020 auf 2021 wurde ein Teil des Wassers abgelassen und auf den freiliegenden Bereichen Schlamm entfernt. Teilwinterung nennt man das. Dem Club geht das aber nicht weit genug. „Wir brauchen Maßnahmen, die greifen“, mahnt der Vorsitzende. Um das Ökosystem dauerhaft für Fische, Libellen, Muscheln, Eisvögel und Co. zu erhalten, müsse der Bärensee endlich grundlegend saniert werden. Er fordert: „Keine Pflaster draufkleben, sondern Operation am offenen Herzen.“ Deswegen haben die Angler bei der Stadt dieser Tage eine Komplettentschlammung beantragt. Der Gemeinderat sei informiert. Die Beauftragung einer Spezialfirma kostet laut Frank Weissert etwa 25 000 Euro, und man könne Fördermittel beantragen.
Claudia Arold, die Leiterin des Umweltschutzreferats, erteilt dem im Gespräch mit unserer Zeitung eine Absage. „Das ist im Moment unrealistisch.“ Der Bärensee habe nach der Teilwinterung erst kürzlich den Endwasserstand wieder erreicht. Nun müsse man dem Ökosystem die Chance geben, sich wieder zu erholen. „Wir müssen schauen, ob es sich stabilisiert“, sagt sie zum Sauerstoffgehalt. Frank Weisserts Argument, man könne einen künstlich angelegten See nicht sich selbst überlassen, sondern müsse ihn pflegen wie ein Aquarium, widerspricht sie: „Wir können in einem natürlichen Gefüge nicht so tun, als hätten wir die Allmacht.“ Man müsse den Mut haben abzuwarten.
Die Karpfen sollen raus aus dem See
Stattdessen hat die Stadt verfügt, dass die Angler alle Karpfen aus dem Bärensee entfernen sollen. „Das Problem ist das Gründeln“, erklärt Claudia Arold. Bei der Nahrungssuche wühlten die Fische den Boden auf und lösten zusätzlich Nährstoffe aus den Sedimenten. Sie betont: Dass im Bärensee keine Karpfen leben dürften, sei im Pachtvertrag geregelt, auch, weil sie viele Kleinlebewesen fräßen. „Wir sind hier immerhin in einem Naturdenkmal, und es ist ein reiner Angelfisch.“ Frank Weissert wiederum betont, der Karpfen wühle nicht, sondern sauge nur oberflächlich. Zumal: Seit dem Fischsterben seien ohnehin nur noch etwa zehn Exemplare da. Drei habe man im Juli bereits gefangen und getötet, aber „es macht keinen Sinn. Warum sollten wir die paar Überlebenden vollends umbringen?“ Er spricht von Aktionismus. Der Karpfen werde zum Sündenbock gemacht.
Claudia Arold verspricht: Auch die Stadt hat das Gewässer im Blick. Der Bärensee sei ein geschütztes Biotop, für das man sich einsetze. Was man indes tun könne, sollte sich die Lage dramatisch verschlechtern, da wirkt sie etwas rat- und machtlos. Kurzfristig könne man den See künstlich belüften, „aber das ist alles andere als einfach zu bewältigen“, räumt sie aufgrund der Lage im Wald ein. Frank Weissert wiederum geht davon aus, dass der Fall bald eintreffen könnte. „Der kann jederzeit umkippen.“