Bahnlinie von Stuttgart nach Zürich Gäubahn erfüllt Hoffnungen nicht

Von Wolfgang Messner und  

Mit Hoffen und Bangen schauen die Betroffenen auf die Gäubahn, die Fernbahnlinie, die Stuttgart mit Zürich verbindet. Die Züge fahren heutzutage langsamer als noch vor Jahren – und jetzt sollen am Wochenende auch noch Verbindungen gestrichen werden.

Seit 2010 rollen Schweizer Wagen Foto: Caro
Seit 2010 rollen Schweizer Wagen Foto: Caro

Stuttgart - Mit Hoffen und Bangen schauen die Betroffenen auf die Gäubahn, die Fernbahnlinie, die Stuttgart mit Zürich verbindet. Der Rottweiler OB Ralf Broß wünscht sich einen schnellen Anschluss an die Landeshauptstadt und den Flughafen durch die Umsetzung von Stuttgart 21. „Wir würden liebend gerne mit dem Zug nach Stuttgart fahren“, sagt Broß – wenn es denn schneller ginge als heute.

Tatsächlich wird auf der Gäubahn langsamer gefahren als noch vor Jahren. Vom 9. Dezember an werden wahrscheinlich sogar einige Züge aus dem Fahrplan gestrichen. Bis 2009 betrug die Fahrzeit Stuttgart–Zürich 2.45 Stunden, seither sind es drei Stunden. Die zusätzliche Viertelstunde mögen Reisende noch verschmerzen, aber zahlreiche Anschlüsse in Stuttgart sind nicht mehr zu schaffen. Die Gäubahn-Züge fahren „frei schwebend“, unabhängig von anderen Verbindungen ab Stuttgart, so wie zu den D-Zug-Zeiten vor 1998.

Die Neigetechnik-Züge sind abgezogen

Der Grund für die Fahrzeitverlängerung ist in der Neigetechnik der Triebwagen ICE-T zu suchen. Gerade auf der besonders kurvenreichen Gäubahnstrecke hatte die Neigetechnik einen erheblichen Zeitvor­­­teil gebracht. Nach einigen Pannen des ICE im Jahr 2009 wurde die Neigetechnik aus Sicherheitsgründen beim Schwestermodell ICE-T abgeschaltet. Die Züge fuhren aufrecht und entsprechend langsamer durch die Kurven. Wenig später wurden die ICE-T von der Gäubahn abgezogen, um Lücken auf anderen Bahnstrecken zu füllen, die durch verkürzte Wartungsintervalle des „normalen“ ICE entstanden waren.

Seit März 2010 ersetzen Intercity-Wagen der Schweizer SBB den ICE. In Singen wird vor den von Stuttgart kommenden Zug eine Lok der SBB gekoppelt. „In Singen sind stets vier Lokomotiven für zwei Gäubahnzüge im Einsatz“, beobachten Bahnfreunde vor Ort. Das treibt die Kosten ebenso nach oben wie der Einsatz von zwei Zugbegleitern je Zug. Weil im Durchschnitt nur knapp die Hälfte der gut 300 Sitzplätze belegt sind, würde ein Zugbegleiter ausreichen, um alle Fahrscheine zu kontrollieren.

Bahnchef Grube lässt Streichgerüchte dementieren

Anfang 2012 wurden Eisenbahner von Planspielen der Bahntochter DB Fernverkehr aufgeschreckt, die auf einer europäischen Fahrplankonferenz laut darüber nachgedacht hat, dass auf die Verbindung Stuttgart-Zürich „am besten ganz verzichtet“ werden solle. Die SBB legte Einspruch ein. Rainer Kaufmann, Geschäftsführer des Interessenverbandes Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn, berichtet, dass Bahnchef Rüdiger Grube von einer „Falschmeldung“ gesprochen und zudem versprochen habe, dass der ICE-T auf die Strecke zurückkehren und die kurzen Fahrzeiten wieder gelten würden. Geschehen ist das nicht. Bisher haben die Züge keine Genehmigung erhalten, wieder mit Neigetechnik fahren zu dürfen. Ob das trotz einer veränderter Achsenkonstruktion jemals der Fall sein wird, wird in Eisenbahnerkreisen bezweifelt.

Tagestouristen würden unter dem Zug-Wegfall leiden

Zwischen Hoffen und Bangen? Einem internen Papier über „Geplante Änderungen Fahrplan 2013“ – es liegt der StZ vor – ist zu entnehmen, dass am Samstagabend und am Sonntagfrüh jeweils ein Zugpaar „grundsätzlich nicht mehr angeboten“ wird. Dazu gibt es Pläne, mitunter nur noch mit drei statt mit fünf Waggons zu fahren. Das könnte die Fahrt von Reisegruppen erschweren. Mit einer „besonders schwachen Inanspruchnahme“, begründet die Bahn die Reduzierung der Gäubahn-Züge von 28 auf 24 Verbindungen. Doch Tagesausflüglern aus Stuttgart oder Zürich würde die Zugfahrt an Wochenenden erschwert, obwohl die Bahn mit günstigen Angeboten von 19 Euro für die einfache Fahrt wirbt. Und obwohl immer mehr Schweizer Touristen Stuttgart entdecken. Zwischen Hoffen und Bangen: OB Broß und Rathauskollegen der Region schrieben am 24. September unter der Überschrift „Fahrplanausdünnung von Intercity-Verbindungen auf der Gäubahn“ an Bahnchef Grube. „Die anhaltende Angebotsverschlechterung ist das falsche Signal an den ländlichen Raum und trübt die Stand­ortqualität der Städte und Gemeinden“, heißt es da. Ebenso stehe die Ausdünnung des Fernverkehrs im Widerspruch zum Vorhaben, die Gäubahn auszubauen und an den Flughafen Stuttgart anzu­binden. Kurz darauf vermeldete der Interessenverband Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn unter der Rubrik „Gute Nachricht“, dass die Streichung laut DB nochmals auf den Prüfstand komme. Von einer Rücknahme freilich ist bisher nichts zu hören. Weil Einsatzpläne für Züge und Fahrpläne nicht kurzfristig geändert werden können, wird es für letzte Veränderungen bald zu spät sein.

Bekannt wurde vielmehr, dass den Ausbau der Gäubahn zwischen Horb und Horb -Neckarhausen von einem auf zwei Gleise neue EU-Richtlinien ebenso bremsen könnten wie die Erkenntnis, dass geschützte Tierarten vom Bau des sechs Kilometer langen Parallelgleises betroffen wären. Es wird wieder gebangt, aber ungeachtet aller Enttäuschungen weiterhin gehofft. Der Interessenverbandschef und Landtagspräsident Guido Wolf (CDU) formuliert in diesem Sinne, dass die Strecke im Jahr 2017 von Zürich über Stuttgart hinaus nach Nürnberg verlängert wird, um dort Anschluss an die dann neue Schnellverbindung nach Berlin zu erhalten.