Bahnsteig 9 ¾ in Stuttgart Geschieht an dieser Stelle im Untergrund etwas Zauberhaftes?

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Am S-Bahnsteig am Hauptbahnhof verheißt eine geheimnisvolle Tür den Zugang zum Bahnsteig 9 ¾. Dahinter soll es mal in den neuen Durchgangsbahnhof gehen. Was das mit einer Kartoffel zu tun hat, lesen Sie hier.

Am Londoner Bahnhof Kings Cross erinnert eine Installation (links) an Gleis 9 ¾ aus den Harry-Potter-Geschichten. Die Stuttgarter Variante kommt da schon deutlich schlichter daher. Foto: Wikipedia, StZ 6 Bilder
Am Londoner Bahnhof Kings Cross erinnert eine Installation (links) an Gleis 9 ¾ aus den Harry-Potter-Geschichten. Die Stuttgarter Variante kommt da schon deutlich schlichter daher. Foto: Wikipedia, StZ

Stuttgart - Wer in Stuttgart mit der S-Bahn reist, den beschleicht zuweilen das Gefühl, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Mitunter wirkt es, als ob Okkultismus und Zauberei zu den Grundlagen des Betriebsablaufs im Nahverkehr gehören. Da erstaunt es zunächst einmal wenig, dass an einem Ende des S-Bahnhalts am Hauptbahnhof die Aufschrift auf einer Tür den Zugang zu Bahnsteig 9 ¾ verheißt, jenem also, von dem aus die handelnden Personen in den Harry-Potter-Romanen ihre Reise nach Hogwarts antreten. Viele in der Realität vor der Tür Wartenden wären ihrerseits allerdings schon froh, wenn sie ohne jeden faulen Zauber nach Herrenberg, Höfingen oder auf die Hulb gelängen.

„Hochkomplexe Geometrie“ im Personentunnel

Wer genau den Hinweis an der Tür angebracht hat, kann auch Michael Pradel nicht mit Sicherheit sagen. Dafür weiß der Bauingenieur, was sich hinter dem Durchgang verbirgt: nicht etwa der Hogwarts-Express zur Abfahrt bereit, sondern die Kartoffel. Nach der Knolle hat der 45-Jährige, der den Bau des Stuttgart-21-Bahnhofs verantwortet, einen neuen Personentunnel benannt, der es nach Inbetriebnahme des neuen Durchgangsbahnhofs erlaubt, von jedem der vier Bahnsteige über Rolltreppen und normale Treppen zur S-Bahn zu gelangen.

Die neue Verbindung kommt aber nicht als schnöde Unterführung daher, sondern ist auf dem Reißbrett von Bahnhofsarchitekt Christoph Ingenhoven entstanden und nimmt daher die geschwungenen Formen der Bahnsteighalle eine Etage weiter oben auf. Diese ungleich gewölbten Wände haben dem Bauwerk eben den Spitznamen Kartoffel eingebracht. Eine „hochkomplexe Geometrie“ habe sich der Architekt da einfallen lassen, sagt Pradel. „In alle Richtungen gekrümmte Betonbauteile“, müssten konstruiert werden.

Eine Wasserschicht zwischen den Bauteilen

Nicht allein die Form macht den Bau anspruchsvoll. Unter den Füßen der Passanten rauschen die S-Bahnzüge hindurch und über den Köpfen der Fußgänger liegen einmal im rechten Winkel zu der Unterführung die Gleise und die Bahnsteige des Durchgangsbahnhofs. Kartoffeloberkante und Bahnhofsunterkante müssen aber baulich getrennt bleiben. „Da werden künftig zehn Zentimeter Wasser sein“, erklärt Pradel. Erschwerend kommt hinzu, dass über dem neuen Personentunnel sich eine der 28 Kelchstützen des Bahnhofs erhebt – und zwar eine besondere, an der auch noch eine Verteilerebene hängt und durch die hindurch ein Aufzugsschacht führt.

Erste Teile der Kartoffel sind schon komplett in Beton gegossen. Sie erinnern entfernt an die bei Skateboardern so beliebten Halfpipes. An anderen Teilen des Personentunnels ragen noch die schweren Armierungseisen aus den gekrümmten ­Seitenteilen in den Himmel. Die Fertigstellung liegt also noch in der Zukunft. Frühestens 2025 werden Passanten und Züge die neuen Wege nutzen können. Bis dahin wäre den Fahrgästen, die vor der Tür mit der Aufschrift Bahnsteig 9 ¾ auf den nächsten Zug warten, schon gedient, wenn die Pünktlichkeitswerte der S-Bahn wieder zauberhaft wären.