Bakterien im Trinkwasser Wie Sindelfinger mit dem Abkochgebot umgehen

Wasser aus der Leitung trinken – in Sindelfingen derzeit eine potenzielle Gesundheitsgefahr. Ein Abkochgebot wurde daher als Vorsichtsmaßnahme erlassen. Foto: Stefanie Schlecht

Nachdem am Donnerstag in Teilen Sindelfingens verunreinigtes Wasser entdeckt wurde, müssen Anwohner und Gastronomen eine neue Wasser-Routine im Alltag erlernen.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Sindelfingen - Seit Donnerstagabend ist vielen Sindelfingern eine völlig alltägliche Tätigkeit abhandengekommen: der Gang zum Wasserhahn, um Lebensmittel unter dem Wasserstrahl abzuwaschen oder das fließende Wasser zu trinken. Stattdessen gilt seitdem ein Abkochgebot. Grund ist der Fund sogenannter Enterokokken im Wasser bei einer Routineuntersuchung in einem Kindergarten.

 

Markus Kürschner wohnt mit seiner Familie in der Goldmühlestraße im gleichen Gebiet auf dem Goldberg. Seine Sorgen ob der Verunreinigung halten sich in Grenzen, wie der 61-Jährige unserer Zeitung sagt: „Wir empfinden die Situation als nicht so schlimm. Wir sind eingedeckt mit Trinkwasser, haben Wasserflaschen und einen Wasserkocher im Haus.“ Ob zum Zähneputzen, Trinken oder für den morgendlichen Kaffee – das Erhitzen des Leitungswasser ist zur täglichen Routine geworden. Das Duschen läuft ein wenig anders ab als üblich, wie Kürschner scherzhaft erzählt: „Geduscht wird aktuell ohne Singen und ohne Wasserschlucken.“

Gelassenheit statt Hysterie – Sindelfinger sind pragmatisch

Der 61-Jährige zeigt sich zufrieden über die Informationen zur Ausnahmesituation am hauseigenen Wasserhahn: „Die Meldekette hat von Beginn an funktioniert. Wir haben die Lautsprecherdurchsagen gehört, in den sozialen Medien davon gelesen, und die Nina-App hat ebenfalls gewarnt.“ Auch sei positiv gewesen, dass ein Nachbar nach Bekanntwerden die anderen gewarnt habe – „alles ohne Hysterie“.

Ebenso gelassen reagiert Dorothea Bühler auf die Trinkwasser-Problematik. Die 88-jährige Sindelfingerin wurde von Familie und Bekannten auf das Problem mit dem Wasser aufmerksam gemacht. Auch Bühler hat sich rasch auf die neuen Umstände eingestellt: „Es ist zwar ein Umstand, das Wasser zehn Minuten abzukochen und abkühlen zu lassen, dafür geht man aber auf Nummer sicher. Ich sehe die Sache pragmatisch.“ Die Seniorin hat seit der Warnung Gäste in ihrer Wohnung auf dem Goldberg begrüßt. Auch das habe funktioniert. Bühler schreibt sich selbst ganz allgemein ein „Urvertrauen“ zu. „Mich wirft so schnell nichts aus der Bahn. Das liegt sicher auch daran, dass ich den Krieg noch erlebt habe.“

Obst und Gemüse nur mit abgekochtem Wasser reinigen

Gastrobetriebe lassen ähnlichen Pragmatismus walten. Der Arbeitsalltag eines Restaurants wie dem La Romantica basiert auf einem unkomplizierten Gebrauch von Leitungswasser. „Für die Speisen kochen wir das Wasser ohnehin ab. Und da wir eine Kochvorrichtung haben, die den Tag über kontinuierlich kochendes Wasser produziert, ist das unproblematisch“, sagt Restaurantinhaber Simon Johnny Malki. Mehraufwand gebe es beim Waschen von Salat, Gemüse und Obst.

Mitten in der „roten Zone“ befindet sich das Breuningerland. Laut Marketing-Manager Stefan Klausen haben sich die Gastrobetriebe im Einkaufszentrum an der A 81 allerdings schnell eingerichtet: „Alle unsere Gastrobetriebe haben umgehend auf die Situation reagiert und kochen das Trinkwasser ab oder verwenden Mineralwasser für die Zubereitung von Speisen und Getränken. Zudem weisen wir auf den Toiletten darauf hin, das Wasser aus den Wasserhähnen nicht zu trinken.“

Bis Mittwoch besteht das Abkochgebot

Trotz akribischer Arbeit im Hintergrund können die Stadtwerke auch am Wochenanfang noch keine Entwarnung geben. Sprecher Lars Haustein erklärt: „Das Gebot gilt für die rot markierten Gebiete weiter.“ Man sei dem Grund für die Verunreinigung aber bereits näher gekommen: „Wir wissen, dass die Verunreinigung nicht aus unserem Verteilnetz stammt. Sie muss von außen hineingelangt sein. Es ist nach unseren Erkenntnissen weder eine bei uns bestehende Baustelle noch ein totes Tier im mit Wasser gefüllten Hochbehälter für die Verschmutzung verantwortlich.“ Sindelfingen erhält den Großteil seines Trinkwassers vom Bodensee.

Haustein betont ausdrücklich, dass der Schluss, die Verkeimung müsse daher aus dieser Richtung kommen, falsch sei. „Die Probungen laufen noch. Wir hoffen am Mittwoch auf Erkenntnisse. Dann wissen wir auch, ob Entwarnung gegeben werden kann“, so Haustein. Aktuell werden die Leitungen im Rohrnetz gespült. Der Chlorgehalt im Wasser wird angehoben, alles bleibe aber unter einem Grenzwert: „Wer vermehrt Chlorgeruch aus dem Wasserhahn wahrnimmt, muss sich keine Sorgen wegen einer möglichen Gesundheitsgefahr machen. Wenn es Neuerungen gibt, können Bürger dies auf der Internetseite der Stadtwerke nachlesen.“ Dort sind auch weitere oft gestellte Anwohner-Fragen und die entsprechenden Antworten aufgeführt. Auch wird eine Auflistung von betroffenen Straßen erarbeitet. Diese wie auch eine aktuelle Karte finden sich auf der Website.

https://www.stadtwerke-sindelfingen.de

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