Bakterienproblem Bloß kein Themse-Wasser schlucken!
Englands traditionsreiches Boat Race, das zu Ostern wieder in London stattfand, brachte diesmal besondere Gefahren mit sich: Kolibakterien machen den Ruderern zu schaffen.
Englands traditionsreiches Boat Race, das zu Ostern wieder in London stattfand, brachte diesmal besondere Gefahren mit sich: Kolibakterien machen den Ruderern zu schaffen.
Vor fast 200 Jahren wurde der erste Ruderer-Wettstreit zwischen den Achtern der Elite-Unis Oxford und Cambridge ausgetragen. Und seit 1856, die Kriegsjahre ausgenommen, fand das populäre Rennen alljährlich auf einem Sieben-Kilometer-Abschnitt der Themse im Westen Londons statt. Dieses Jahr aber erwies sich die Teilnahme an dem im TV übertragenen Ereignis als gefährlich.
Drei Ruderer des Teams Oxford hatten sich bei den Probeläufen mit Escherichia coli (Kolibakterien) infiziert. Einer von ihnen, Lenny Jenkins, musste sich am Morgen vor dem Rennen erbrechen. „Viel besser wäre es natürlich, wenn nicht so viel Scheiß im Wasser wäre“, meinte Jenkins nach dem Rennen, das ein sichtlich geschwächtes Oxford verlor.
Den Sportlern und Sportlerinnen war im Vorfeld mitgeteilt worden, sie sollten eventuelle offene Wunden an Armen und Beinen vorab verbinden, Spritzer im Gesicht möglichst schnell abwischen, nach dem Rennen duschen und ihre Boote und Gerätschaften gründlich reinigen. Erstmals wurde den Teams auch geraten, ihre Steuerleute nicht im Nachhinein aus Jux in den Fluss zu werfen, wie es beim Oxford-Cambridge-Kräftemessen immer Tradition gewesen ist.
Umweltverbände hatten kurz vorm Renntag bekannt gegeben, dass die Themse auf der betreffenden Strecke Escherichia-coli-Werte verzeichnete, die dreimal über dem Erlaubten lagen – und zehnmal so hoch waren wie in Badewasser, das die britische Umweltschutzbehörde von der Qualität her als „ausgesprochen schlecht“ einstuft. Eine „nationale Schande“ nannte der Oxford-Trainer Sean Bowden diese Entdeckung: „Und das betrifft ja nicht nur die Themse. Die meisten britischen Gewässer werden inzwischen als Abwasserkanäle genutzt.“
In der Tat reicht die „nationale Schande“ weit über das Boat Race hinaus. Neuesten Informationen der Umweltschutzbehörde zufolge ist die Zahl der Fälle, in denen Abwässer in Flüsse geleitet wurden, allein zwischen 2022 und 2023 von 300 000 auf über 460 000 landesweit gestiegen. Erhöhte Niederschläge im Vorjahr, mehr Sturm und Regen haben die eigentlich nur für Notfälle gedachte direkte Zuleitung von Abwasser in Flüsse, Seen und Küstengewässer erzwungen. Und dank Klimawandels stehe in Zukunft eher noch eine Verschlechterung des Wetters zu erwarten, warnen die Meteorologen im Vereinigten Königreich.
Für eine solche Entwicklung sei man mit den vorhandenen Klärwerken und Kanalisationssystemen nicht gerüstet, befürchten immer mehr Experten. Die Wasser-Gesellschaften hätten jahrzehntelang nicht genug investiert und die staatliche Kontrollstelle habe nicht genug Kontrolle ausgeübt. Vor allem Labour-Leute und Gewerkschafter machen die Privatisierung des Wasser-Sektors durch die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher im Jahr 1989 verantwortlich.
Größere Firmen wie Thames Water wollen nun die Wasser-Gebühren in den nächsten Jahren um 40 Prozent anheben. Dies hat eine Menge Entrüstung und Forderungen nach erneuter Vergesellschaftung des Wassers im ganzen Land ausgelöst.