Als Isla de la Calma bekannt, als „Insel der Ruhe“, schreibt die spanische Wirtschaftszeitung Expansión, sei Mallorca „das perfekte Ziel, um sich zu entspannen und von der Welt Abstand zu nehmen“. Sofía, die Königinmutter, die sich weiter Königin nennen darf, ist seit ein paar Tagen hier; an diesem Donnerstag kommt ihr Sohn nach, König Felipe VI., und Anfang August der Rest der Familie, auch Leonor, die künftige Königin, die auf der Insel noch einmal ausspannt, bevor sie in ein paar Wochen ihre Schulung an der Militärakademie von Zaragoza beginnt.
Die schönen Tage von Mallorca wird sie im Palacio Marivent verbringen, in der Inselhauptstadt Palma, und dort vom Ballermann nichts hören. Der von deutschen Partytouristen dominierte Strandabschnitt ist nicht weit weg, 16 Kilometer die Küste Richtung Südosten hinab, liegt aber in einer anderen Welt. Und die ist laut und schmutzig.
Betrunkene pinkeln in Biergläser
Manche sagen, dass es in diesem Jahr so schlimm ist wie nie zuvor. Ist das wirklich so? Der Deutsche Peter Berghoff, der in der Nähe vom Ballermann bis 2020 ein Gesundheitszentrum betrieb und jetzt Ferienimmobilien auf der Insel verwaltet, hat eine klare Meinung: „Es ist schlimmer als je zuvor. Die sind besoffen, die machen einfach alles kaputt. Die Leute benehmen sich vollkommen daneben. Pinkeln in die Biergläser.“ Auf einem Video, das auf den Smartphones kursiere, sein einem Schlafenden aufs Gesicht gekotet worden. Ein Hotelier habe Berghoff erzählt: „Ich habe die Preise erhöht, damit nicht das ,Gesocks’ kommt.“ Mit mäßigem Erfolg.
An der Playa de Palma seien es hauptsächlich Deutsche, die sich derart aufführten. „Die sind sehr jung. Die haben sich wahrscheinlich gesagt: Ah, wir fahren mal nach Mallorca, da kann man die Sau rauslassen. Und dann tun die das auch“, sagt Berghoff. „Es ist nichts gelogen. Es ist nichts übertrieben. Es ist dieses Jahr so schlimm wie nie.“
Ganz Spanien vermeldet Boomzahlen
Tatsächlich ist Mallorca dieses Jahr so voll wie lange nicht mehr oder möglicherweise so voll wie noch nie. Exceltur, ein Lobbyverband der spanischen Tourismusindustrie, sagt, dass die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr auf den Balearen im zweiten Quartal dieses Jahres um mehr als ein Viertel höher lagen als im zweiten Quartal 2019, dem bisherigen Rekordjahr. Ganz Spanien vermeldet nach dem Corona-Einbruch Boomzahlen, die Balearen die besten. Ob’s das ganze Jahr so bleibt, ist noch nicht absehbar. Vielleicht drückt die Inflation die Urlaubslaune wieder etwas.
Wo viele Leute beisammen sind, passiert viel, und vieles ist nicht schön. Fünf junge deutsche Männer sitzen in Untersuchungshaft, weil sie beschuldigt werden, vor zwei Wochen eine 20-jährige Hannoveranerin im Strandhotel vergewaltigt oder ihr keinen Beistand geleistet zu haben. Eine Woche später rammte eine deutsche Residentin ihrem Lebenspartner ein Messer in die Brust. Fünf Menschen sind in diesem Monat auf der Insel bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, darunter eine deutsche Touristin auf der Uferpromenade von Palma.
Die Verschnaufpause durch die Pandemie ist vorbei
Gut einen Kilometer vom Ballermann entfernt – „Ballermann“ ist die Verballhornung von Balneario 6, dem Namen einer Strandbar – betreibt die Sächsin Anett Köhler die Sonnen-Bäckerei, wo es den besten Mohnkuchen Mallorcas gibt. „Dass es schlimmer ist, als die Jahre davor, glaube ich jetzt gar nicht“, sagt sie. Viel Müll sehe sie allerdings, wenn sie morgens mit dem Hund in die Nähe des Balneario 6 komme. „Das finde ich dieses Jahr extremer.“ Aber bei ihr, in der Nähe vom Balneario 9, „da liegt nix rum, da ist sauber, da ist schön“.
Auch ihre Gäste benehmen sich. Zu dem, was drüben am Ballermann los ist, sagt sie: „Wir sind auch ein bisschen verwöhnt, dadurch, dass dieses Covid war und wir eine Pause dazwischen hatten. Wir unterschätzen vielleicht, dass wir auch alle anders empfinden, weil wir halt zwischendurch mal dieses Fastnix hatten.“ Während der Coronapandemie blieben die Gäste aus, damit einerseits der Dreck und das schlechte Benehmen, andererseits
Wenn man Peter Berghoff fragt, dann wird sich an der Playa de Palma so schnell nichts ändern, „solange es Bierkönig und Megapark gibt“. Das sind die berühmten Großdiskotheken. Wer auf Mallorca Ruhe sucht, muss es tun wie Spaniens Könige und dem Ballermann fernbleiben.