Balletchef Reid Anderson hört auf Der Mann, der immer nett sein wollte

1996: Reid Anderson übernimmt die Balletkompanie – und schreibt mit ihr Geschichte. Foto: dpa

Reid Anderson hat 22 Jahre lang das Stuttgarter Ballett geleitet. Jetzt räumt er sein winziges Büro unter dem Dach des Opernhauses. Wehmut? Kein bisschen.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Der Junge steppte gern. Vielleicht war das der vorentscheidende Faktor. Womöglich hätten seine Eltern ihren Filius nicht ganz so liebevoll unterstützt bei seiner Leidenschaft, dem Tanz, wenn er nicht so gern und so gut gesteppt hätte. Fred Astaire und Ginger Rogers, Hollywoods große Tanzmusicals – das Ehepaar Anderson in New Westminister, British Columbia, war gar nicht übermäßig kulturbeflissen, aber es liebte diese Filme. Also durfte der junge Reid tanzen und steppen und ein bisschen später sogar zur Tanzausbildung nach Burnaby. Eine kleine Geschichte ganz weit weg von Stuttgart im Westen Kanadas, kurz vor dem Pazifik.

 

Einige Jahrzehnte später sitzt der 69-jährige Reid Anderson an seinem Schreibtisch unterm Dach des Stuttgarter Opernhauses am Eckensee und sinniert über die Frage des Besuchers, ob einer der wichtigsten, erfolgreichsten und einflussreichsten Ballettintendanten der Tanzwelt nicht eigentlich ein etwas repräsentativeres Chefbüro verdient hätte. Schließlich leitet er hier seit 22 Jahren das Stuttgarter Ballett. Und letzteres ist mehr als eine Kompanie; es ist auch eine Marke der Landeshauptstadt, nicht nur in Kulturkreisen international so bekannt wie unter Autofreunden Mercedes oder Porsche.

Der „Steppke“ legt eine atemberaubende Karriere hin

„Finden Sie mein Zimmer zu klein?“, fragt Anderson nach. „Ja, es war tatsächlich nicht ganz einfach, an der Wand noch das Sofa unterzubringen, das lang genug ist, damit ich hier auch mal schlafen kann, wenn es abends sehr spät wird.“ Viel wichtiger als die Größe sei aber die Lage. „Wenn ich die Tür aufmache, sehe ich morgens die Tänzerinnen und Tänzer zum Training gehen. Und das ist für mich das wichtigste Briefing des Tages.“

Seit seinen Steppauftritten in den fünfziger und sechziger Jahren hat der Kanadier Reid Anderson eine atemberaubende Karriere hingelegt. Mit 17 Jahren führte ihn ein Stipendium an die Royal Ballet School in London. Mit 20 Jahren Ausflug zum allgemeinen Vortanzen nach Stuttgart. Der damals schon bekannte Direktor John Cranko engagiert ihn für seine Truppe. Anderson wird schnell zum jungen Teil einer Tänzer- und Künstlergemeinschaft, die das „Stuttgarter Ballettwunder“ geschaffen hat und auch zusammenbleibt, als 1973 die menschliche und künstlerische Katastrophe über sie hereinbricht: Auf dem Rückflug von einem Gastspiel in den USA stirbt Cranko im Alter von 45 Jahren.

„Dieser besondere Geruch“

„John war für uns viel mehr als ein Chef oder Choreograf. Er wurde zum Freund“, erinnert sich Anderson. Gemeinsam mit Cranko und dem Ballettassistenten Dieter Gräfe wohnte er auf der Solitude. „Ich habe Johns Hemden gebügelt, ihn an seine Termine erinnert. Wir haben ihn gestützt, wenn es ihm schlecht ging, wenn er unter dem Druck eines neuen Stückes litt“, erzählte Anderson jüngst bei einer Veranstaltung. „Wir waren so eng beieinander, dass ich nach seinem Tod zehn Jahre lang seinen Namen nicht aussprechen konnte.“

Man ahnt also, was es für Anderson bedeutet haben muss, als 1995 die Landesregierung anfragte, ob er sich nicht als Ballettdirektor am Stuttgarter Staatstheater bewerben wolle. Zuerst winkte er ab. Doch dann strich man ihm am National Ballet of Canada über Nacht einen bedeutenden Teil der Zuschüsse. Daraufhin buchte er das Ticket nach Stuttgart.

„Natürlich war das wie ein Nachhausekommen“, erinnert sich Anderson. „Ich kam in das Haus, und da waren diese Flure und unser Tanzsaal, und es war einfach dieser besondere Geruch, der einem immer in Erinnerung bleibt“. Aber leicht war die Aufgabe nicht: Er sollte die Kompanie modernisieren, verjüngen, aus der ruhmreichen Vergangenheit in die Zukunft bugsieren. „Ich hatte sieben Monate Vorbereitungszeit. Und wir mussten 25 Verträge beenden“ – zum Teil mit Kollegen von ehedem. „Ich war engagiert worden, um hier in Stuttgart der Superman zu sein. Dabei bin ich lieber der Clark Kent.“ Clark Kent ist im „Superman“-Comic die bürgerliche Tarnexistenz für den Helden, solange er nicht gerade wieder die Welt rettet. „Clark ist der nice Guy. Ich bin viel lieber auch der nice Guy.“ Anderson lacht.

Ein leichtes Spiel waren die Stuttgarter Jahre nicht

Wenn es etwas gibt, was den Theatermann Reid Anderson vor so vielen anderen Theatermenschen auszeichnet, dann ist es seine Selbstironie, die Leichtigkeit seines Auftretens. Er hat Witz, er hat großen Charme, er kann wunderbar schräge Anekdoten erzählen, ohne dass man auch nur einen Moment lang auf die Idee käme, er nähme die Menschen, von denen die Anekdoten erzählen, oder deren Arbeit nicht ernst. Geschweige denn, seine eigene.

Doch niemand glaube, dass die unglaublichen 22 Jahre, da er das Stuttgarter Ballett seit 1996 geleitet hat, ein leichtes Spiel gewesen wären. Natürlich hat Anderson die großen Cranko-Ballette gepflegt, „Onegin“ und „Der Widerspenstigen Zähmung“, „Romeo und Julia“ und „Schwanensee“; das Publikum hat sie ja auch über all die Jahre fleißig besucht, hat in den Hauptrollen in der Zwischenzeit drei Tänzergenerationen erlebt. Nun gut, wer nicht weiter hinsehen wollte, konnte dies als „Stuttgarter Cranko-Museum“ missverstehen.

Neben dieser Pflege des Erbes erweiterte Anderson das Repertoire aber um Stücke aus fast allen Epochen, holte die nordamerikanischen Choreografen, warb um die zeitgenössischen Meister à la Forsythe und Kylián. Und er schärfte seinen Blick und konzentrierte sich ganz auf die jungen Tänzerinnen und Tänzer. Wo war ihr Potenzial? Wo schlummerten ihre Talente? Wie waren sie in den letztlich nur wenigen Jahren ihrer Karriere so zu fordern und zu fördern, dass ihnen Größtmögliches gelingt? Er wurde in Stuttgart zu einem der wichtigsten und einflussreichsten Ballettintendanten der Welt. Aber er hat über all dem Erfolg nie vergessen, dass er selbst auch schlicht ein Tänzer ist.

Gauthier? „It’s my boy!“

112 Uraufführungen sind unter seiner Leitung auf die Stuttgarter Bühnen gekommen – so viel zum Thema „Cranko-Museum“. Anderson hat die Talente von Christian Spuck, Filip Barankiewicz oder Bridget Breiner erkannt, die heute selbst Ballettchefs in Zürich, Prag oder demnächst in Karlsruhe sind. Anderson hat das Potenzial des Jungchoreografen Marco Goecke schon gesehen und gefördert, als die allermeisten Kollegen und Kritiker in dessen Stücken nur „dumpfes Gezappel“ erkennen konnten. Anderson hat inzwischen auch wieder all jene zurückgewonnen, die einst mit mehr oder weniger Grimm Stuttgart verließen: Birgit Keil, Egon Madsen, Marcia Haydée, dazu die Kollegen John Neumeier, Billie Forsythe, Jiry Kylián – längst sieht man sie wieder in Stuttgart. Anderson begleitet mit Interesse die Arbeit seines Ex-Tänzers Eric Gauthier im Theaterhaus. Konkurrenz? „Never. He’s my boy.“

Vermutlich wird es auch an diesem Sonntag wieder sehr lebendig werden, wenn eine große Gala im Großen Haus Reid Anderson verabschieden soll, übertragen auf der großen Leinwand auch für die Fans im Schlosspark – für jenes Publikum, das ihm Auslastungsquoten von 94 Prozent und mehr beschert hat. Es wird garantiert spät; und zum Schluss wird das enthusiastische Publikum Anderson mit Sicherheit lang nicht ziehen lassen wollen. Taschentücher nicht vergessen! Jede Kunst hat mit Emotion zu tun – aber der Tanz ganz besonders.

Anderson bleibt in Stuttgart

Und dann heißt es für Anderson, in seinem erstaunlich kleinen Büro unterm Dach den Schreibtisch zu räumen und Platz zu machen für den neuen Chef, Tamas Detrich – ein Tänzerkollege von einst, ein New Yorker mit tschechischen Wurzeln. „Nein, das Aufhören fällt mir nicht schwer“, sagt Anderson. „Endlich muss ich keine Zukunft mehr planen.“ Was ihm wichtig ist? „Ich werde nächstes Jahr 70, mein Lebenspartner Dieter Gräfe wird 80, und wir sind dann 50 Jahre zusammen. Für uns möchte ich Zeit haben.“ Natürlich bleiben sie in Stuttgart wohnen; seit zwei Jahren besitzt Anderson die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich bin jetzt Deutschkanadier.“

In einem Jahr wird er sicher bei der Eröffnung der neuen John-Cranko-Schule oberhalb des Opernhauses am Urbansplatz dabei sein. Zwanzig Jahre hat er dafür gekämpft. Im neuen, endlich ausreichenden Bau werden dann junge Tänzer aus aller Welt ausgebildet. Reid Anderson wollte selbst nie große Choreografien für die Nachwelt schaffen. Er wollte lieber an der Zukunft der Tänzer arbeiten. Ein wunderbarer Weg für einen Mann, der einst im fernen Westen Kanadas mit seinem Steppen die Eltern verzauberte.

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