Bandenkrieg im Kreis Esslingen Worte statt Waffen

Teil des Bandenkriegs: Durch Schüsse auf eine Shisha-Bar in Plochingen war im April letzten Jahres ein Mann verletzt worden. Foto: SDMG/SDMG / Kohls

Schüsse zweier rivalisierender Gruppen haben die Region in den letzten Monaten in Atem gehalten und die Gerichte beschäftigt. Nun setzen die Ermittler auch auf Gespräche mit Sympathisanten der beiden Gangs.

Worte sollen entwaffnen. Im Kampf gegen den seit Juli 2022 tobenden Krieg zweier rivalisierender Gruppen in den Regionen Esslingen, Göppingen und Stuttgart setzt das Landeskriminalamt nun zusätzlich auf Gespräche mit Personen aus dem weiteren Umfeld der beiden Gangs. Auch im Landkreis Esslingen wurden junge Leute gezielt angesprochen, teilt die Polizei gegenüber unserer Zeitung mit.

 

Zahlreiche dieser Präventiv- und Offensivansprachen seien im Bereich des Polizeipräsidiums Reutlingen geführt worden, erklärt Pressesprecherin Andrea Kopp. Konkrete Zahlen für den Landkreis Esslingen kann sie nicht nennen. Doch innerhalb des Zuständigkeitsbereichs des Präsidiums Reutlingen, zu dem die Landkreise Esslingen, Tübingen und Reutlingen sowie der Zollernalbkreis gehören, seien insgesamt 79 Personen angesprochen worden: „Der Schwerpunkt lag naturgemäß im Kreis Esslingen.“ Schließlich sei dieser Landkreis stark von den Straftaten der beiden „multiethnischen Gruppen“ betroffen gewesen. Vorfälle ereigneten sich Anfang September 2022 in Mettingen, in den ersten Monaten von 2023 in Ostfildern, Plochingen und Reichenbach. Anfang Juni 2023 waren mehrere Menschen durch den Anschlag mit einer Handgranate in Altbach verletzt worden.

Eltern waren miteingebunden

Die im Kreis Esslingen geführten Gespräche sind laut der Polizei-Sprecherin bereits abgeschlossen. Die meisten Personen seien zwischen 15 und 25 Jahre alt gewesen. Zum genauen Ablauf der Gespräche, zu den Orten oder den Reaktionen der Angesprochenen möchte sich Andrea Kopp aus ermittlungstaktischen Gründen nicht äußern. Sie verrät nur, dass teilweise die Eltern, das erweiterte familiäre Umfeld oder sonstige nahe stehende Personen mit in die Unterhaltungen eingebunden worden seien. Bei Minderjährigen seien natürlich immer die Eltern an den Gesprächen beteiligt gewesen. Insgesamt hätten sich Beamtinnen und Beamte unter Leitung der Präsidien Aalen, Ludwigsburg, Reutlingen, Stuttgart und Ulm mit rund 300 jungen Leuten unterhalten.

Gründe für die Gespräche gibt es laut der Pressesprecherin viele. Die beiden rivalisierenden Gruppierungen hätten sich den Ermittlungen zu Folge bei der Ausführung ihrer Delikte teilweise junger Erwachsener bedient, die bisher noch nicht im Bereich der Schwerstkriminalität in Erscheinung getreten waren. Jugendliche und Heranwachsende, so zitiert Andrea Kopp aus einer Pressemitteilung der Polizei, würden sich von dem Bandenmilieu besonders angezogen fühlen: Die Gruppen würden ein Zugehörigkeitsgefühl erzeugen und wirkten auf ihre Mitglieder identitäts- und gemeinschaftsstiftend. Durch die Mitgliedschaft könne auch das Selbstwertgefühl gesteigert werden. Mit Hilfe der Ansprachen sollten, so die Polizei, Jugendliche und Heranwachsende zu einer Distanz von Gewalt bewegt werden. Es solle auf die Risiken, Gefahren und strafrechtlichen Konsequenzen hingewiesen werden.

Viele Tatverdächtige in Haft

Die Polizei betont, dass auch andere Maßnahmen neben den Gesprächen zur Bekämpfung der Bandenkriminalität ergriffen werden. Sie verweist auf Ermittlungserfolge: 68 Tatverdächtige würden sich in Haft befinden, über 180 Durchsuchungsbefehle seien vollstreckt und 29 Schusswaffen sichergestellt worden.

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