Bandkultur im Kreis Böblingen Abgetaucht in der digitalen Blase
Dass Jugendliche weniger in Bands spielen hat vielfältige Gründe. Vor allem die sozialen Medien befeuern das Einzelkämpfertum statt das Kollektiv.
Dass Jugendliche weniger in Bands spielen hat vielfältige Gründe. Vor allem die sozialen Medien befeuern das Einzelkämpfertum statt das Kollektiv.
Die grellen Scheinwerfer treiben den Schweiß auf die Stirn, die Luft ist angefüllt von Bierdunst und Zigarettenqualm, und als der Schlagzeuger den nächsten Song anzählt, gerät die Menge in Wallung. Das Gitarrenriff sitzt zwar nicht ganz perfekt, der Sänger liegt auch mal einen Halbton daneben, aber was solls? Hauptsache, es ist Stimmung in der Bude. Wer hat das in seiner Jugend nicht schon erlebt? Live-Konzerte mit jungen Bands aus der Region gab es in früheren Jahren zuhauf.
Ob im Böblinger Jugendhaus Casa Nostra, im Sindelfinger „Süd“ oder – noch früher – im Club Forum in Böblingen: Bandwettbewerbe mit aufstrebenden Rockern waren Highlights der Jugendkultur. Und jetzt? Die Proberäume verwaisen. Wo sich früher die Musiker drängelten, herrscht Leerstand. Eine bedauerliche Entwicklung in diesem einst so vitalen, frechen und bunten Milieu. Stellt sich die Frage nach den Ursachen. Die sind, wie so oft, vielfältig.
Zum einen ist da die Demografie. Sprich: Die Zahl der Jugendlichen ist schon allein statistisch gesehen geringer als noch vor 20 Jahren. Ergo gibt es auch weniger Bandmusiker. Doch dieser Effekt dürfte nur ein schwacher sein. Vielleicht ist ja auch das Prinzip Band aus der Mode gekommen? Diese popkulturelle Erscheinung, die mit den Beatles als erste so weltumspannende Begeisterung auslöste, gerade weil mehrere Künstler etwas schufen, das ein einzelner nie zustande gebracht hätte. Sich gegenseitig ausbalancieren, bereichern, auch mal Spannungen aushalten, streiten, wieder versöhnen – und trotzdem ein geniales Produkt auf Tonband bannen.
Die Band scheint in Zeiten wachsender Individualisierung auf einmal ein Auslaufmodell. Wo sind sie, die jungen und hungrigen Formationen, die als aufsteigende Sterne am Rock- und Pophimmel die alten aus der Bildfläche drängen? Man muss sie mit der Lupe suchen. Stattdessen füllt die alte Garde noch immer die Stadien. Rock-Opas von AC/DC über Guns n’ Roses bis zu den Stones gehen auf ihre xte Welt-Tour und können horrende Ticketpreise verlangen. Was ausblutet, ist die handgemachte Musik an der Graswurzel.
Befeuert wurde diese Entwicklung freilich noch durch zwei weitere Faktoren. Da wäre zunächst Corona als maximaler Dämpfer der Bandkultur. Wo das Virus grassierte, waren Proben erschwert und Konzerte gar nicht möglich. Manche Gruppe löste sich auf, andere gründeten sich gar nicht erst. Der stärkste Hemmschuh für das kollektive Musizieren allerdings dürften die sozialen Medien sein mit ihrer Befeuerung des Personenkults. Kollektives Einzelkämpfertum statt gemeinsamer Sache, Influencer statt Rockband.
Wo der Einzelne sich in der größtmöglichen digitalen Aufmerksamkeit gefallen will, ist im Bildschirm kein Platz mehr für zweite oder dritte. Das gilt auch für die Musik, die heute viel häufiger am PC entsteht als mit der Hand am Arm. Das geht allein im Zweifel sogar besser als zu mehreren. Die Software springt ein, wo früher der Mensch im Gleichtakt funktionieren musste. Ob es besser klingt? Geschmackssache.
Und nicht nur die Produzenten, auch die Konsumenten wandern ja vom Analogen ins Digitale. Wer mit dem Smartphone auf der Couch seine Kumpels online trifft, muss sich nicht mehr vor die Haustür bewegen. Schade. Ist es doch gerade das gemeinsame Moment, das – reale – Zusammentreffen mit Gleichaltrigen außerhalb der Schule, was die Jugendtage so wertvoll macht. Ob es nun handgemachte Musik ist oder eine andere Form der kollektiven kreativen Betätigung: Keine App, kein Videospiel, kein Smartphone wird das je ersetzen können.