Barbier in Stuttgart-Ost Wo Mann noch Mann sein darf

Von Fatma Tetik 

Ioannis Chronakis ist der Mann mit dem Messer: Im Stuttgarter Osten barbiert er seine bärtige Kundschaft nach alter Sitte.

Ioannis Chronakis weiß   genau, wie man das Messer ansetzt. Foto: Fatma Tetik
Ioannis Chronakis weiß genau, wie man das Messer ansetzt. Foto: Fatma Tetik

S-Ost - Nach einer Welle der Metrosexualität und in einer Zeit, in der sich die Grenzen der Geschlechter immer mehr aufzulösen scheinen, haben viele Männer das Bedürfnis, ihre Maskulinität wieder zu betonen. Ein Bart darf da nicht fehlen. Das Ur-Symbol der Männlichkeit unterscheidet schließlich sichtbar den Mann von der Frau. Ob Dreitage-Bart, Spitzbart, Kinnbart oder Vollbart: ein Bart verleiht seinem Träger Reife, Rustikalität, Naturhaftigkeit, Abenteuerlust und pure Männlichkeit. Ioannis Chronakis ist ein Musterbeispiel des archaischen Mannsbildes: muskulös, tätowiert und im markanten Antlitz ein tiefdunkler Vollbart. Seit seinem 16. Lebensjahr trägt der Stuttgarter einen Bart, den er stets selbst pflegt und stylt. Auch seinen Kumpels trimmte der gelernte Friseur den Bart, bis er sich schließlich selbstständig machte. Im September vergangenen Jahres eröffnete er das „Jack the Ripper“ an der Hackstraße 3.

Klare Rollenverteilung

In seinem Salon übt Chronakis ein fast schon vergessenes Handwerk aus, welches durch den Bart-Boom eine Renaissance erfährt: das traditionelle Barbering, die Kunst am Barte. Denn trotz des haarigen Statements ist eine regelmäßige Rasur und Pflege unerlässlich. In seinem Barber-Shop bietet Chronakis Männern mehr als ein „Cut, shave and go“. Das „Jack the Ripper“ ist ein Ort der Sehnsucht, wo Männer noch Männer sein dürfen und für eine knappe Stunde in eine Welt abtauchen, in der die Rollenverteilung von Mann und Frau noch klar geregelt war. „Der Barber-Shop war früher ein Männertreff, wo man Karten gespielt, geredet, getrunken und geraucht hat“, erzählt der gebürtige Grieche. Diese alte Kultur erweckt der 36-Jährige in seinem Geschäft zum Leben. An der antiken 20er-Jahre-Bar aus England genehmigen sich die Männer einen Whisky, gönnen sich eine Zigarre auf dem Ledersofa und lassen den Tag bei chilligen Beats ausklingen.

Wer sich rasieren oder frisieren lässt, nimmt auf über hundertjährigen klassischen Barbierstühlen Platz und lässt sich von Chronakis nach allen Regeln der Barbierkunst verwöhnen – inklusive heißem Handtuch zum Öffnen der Poren, einer Kopf-, Nacken- und Gesichtsmassage, Hautpflegebalsam und klassisch-duftendem After-Shave. Wenn Chronakis sein scharfes Rasiermesser an Kehle und Gesicht der Männer legt, ist eine ruhige Hand gefragt. Die meisten seiner Kunden lehnen sich entspannt zurück und vertrauen dem „Ripper“ blind. Das traditionelle Handwerk hat sich Ioannis Chronakis selbst beigebracht. Einen eigenständigen Ausbildungsgang gibt es nicht.

Beratung für Neulinge

„Das Barbering ist ein sehr künstlerischer Beruf und erfordert viel Fingerspitzengefühl“, sagt er. Aus diesem Grund sollten Ungeübte besser die Finger von der Eigenmodellage lassen. „Manchmal kann schon ein Millimeter die gesamte Kontur kaputt machen“, weiß der Profi. Färben sollte Mann seinen ergrauten Bartwuchs übrigens auch nicht. „Das wirkt künstlich, man sollte seinen Bart immer mit Stolz und Würde tragen, egal ob schwarz, braun, grau oder weiß“, findet Chronakis. Neulinge auf dem Bartsegment erhalten eine gratis Typberatung für den perfekten Style. „Ich schaue mir den Mann erst genau an, bevor ich etwas empfehle. Der Bart muss mit Gesicht, Typ und Stil harmonieren.“

Das Geschäft läuft gut für den authentischen Barbier, ohne Terminabsprache geht nichts. Unter den vielen Stammgästen finden sich auch prominente Bartträger, deren Namen Chronakis nicht nennen mag. Vertrauen und Verschwiegenheit sind ihm Ehrensache. Das gilt auch für die intimen Männergespräche. „Ich biete meinen Kunden einen geschützten Raum, in dem sie Mann sein dürfen“, sagt Ioannis Chronakis. Und wann ist ein Mann nun ein echter Mann? „Wenn er ein Gentleman ist, der weiß, was sich gehört und der sich zu benehmen weiß“, so Chronakis. Bartträger müssen sich ihm zufolge deshalb doppelt ins Zeug legen, da diesen ein Bad Boy oder Draufgänger-Image anhaftet. Auch die Bartform sollte daher gut gewählt sein. Ioannis Chronakis’ Gesicht ziert ein hipper Hollywoodian, quasi der Adelige unter den Vollbärten. Er verleiht dem 36-Jährigen einen geheimnisvoll-wilden und zugleich elegant-gepflegten Look mit einem einzigartigen Coolnessfaktor.

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