„Alles ist furchtbar zäh, nichts geht voran – und dennoch passiert unglaublich viel in dieser Stadt.“ Mit diesen Worten läutet Thomas Herrmann, Freier Architekt und Sprecher der FÜNF Stuttgarter Kammergruppen, am Dienstagabend im Haus der Architektinnen und Architekten einen eineinhalbstündigen Vortrag des Baubürgermeisters Peter Pätzold ein, der eben jenen Widerspruch noch einmal bestätigte. Denn allein die Länge seines Vortrags mit dem Titel „Ausblick auf das Planungs- und Baugeschehen in Stuttgart“ zeigt, wie viel in Stuttgart derzeit gebaut wird. Der Vortrag zeigte aber auch, dass bei vielen Projekten noch einige Zeit verstreichen wird, bis sie fertiggestellt sind.
Viel Zähes, könnte man das Baugeschehen in Stuttgart zusammenfassen. Pätzold gibt einen Überblick über vieles, das man bereits kennt und weiß: ganz allgemein spricht er über modulares Bauen, die Entwicklung der City und über Stadtklimatologie, konkreter etwa über das Rosenstein-Quartier, den Neckarpark, die Villa Berg, den Superblock Augustenstraße – und natürlich über die Internationale Bauausstellung (IBA), „die keineswegs tot ist“. Das zeigen auch zwei neue IBA-Projekte, die Pätzold im Rahmen seines Vortrags verrät. Offiziell bekannt gegeben werden sollten diese dem Vernehmen nach eigentlich erst an diesem Freitag bei der Jahrespressekonferenz der IBA.
Es handelt sich bei diesen neuen Projekten um das Klett-Areal im Stuttgarter Westen, das bereits Teil des IBA-Netzwerks war, sowie um ein Projekt, das es von 0 auf 100 zum IBA-Projekt geschafft hat: der Neubau eines Wohngebäudes an der Weimarstraße, ebenfalls unweit des Feuersees.
Dass das Klett-Areal zum IBA-Projekt werden sollte, das hatten Oberbürgermeister Frank Nopper und Peter Pätzold bereits Anfang Januar in einem Interview mit unserer Zeitung angekündigt – nun ist es also soweit. Bis 2027 will das Bildungsunternehmen Klett den komplexen Gebäudebestand an seinem Gründungsstandort direkt gegenüber vom Feuersee neu ordnen.
Die Eingangssituation gegenüber dem Feuersee soll einladender gestaltet werden
Aus einem Wettbewerb ging das Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez als Gewinner hervor. Der Entwurf schafft mit respektvollen Eingriffen in den teilweise denkmalgeschützten Bestand eine offene, flexible Arbeitsumgebung mit Räumen für Begegnung und Kommunikation, umgeben von Grünflächen. Im Zentrum des Areals werden dafür einzelne Gebäude ganz oder teilweise abgetragen und umgebaut. Es entsteht ein zentraler Platz mit Baumhain, Sitzgelegenheiten und über das Gelände verteilten Grünflächen.
Ein kompakter und aus Abbruchmaterial erstellter Neubau mit Poststelle ergänzt den Bestand. Für ein autofreies Areal fängt er den Anlieferverkehr am Rand des Geländes ab. Dadurch kann auch der Eingangsbereich gegenüber vom Feuersee einladender gestaltet werden. Hier soll ein Raum für öffentliche Veranstaltungen entstehen.
Wenige Schritte vom Klett-Areal entfernt und ebenfalls in zentraler Innenstadtlage baut das Land Baden-Württemberg, um Mitarbeiter unterzubringen: An der Weimarstraße soll ein siebengeschossiges Gebäude errichtet werden mit 32 Wohnungen sowie Multifunktionsflächen im Sockelbereich.
Die Grundstücksfläche parallel zum Rotebühlbau hatte das Land ehemals im Zuge landesweiter Flächenuntersuchungen als guten Standort für eine innerstädtische Nachverdichtung identifiziert und die Projektentwicklung gestartet. Der Baumbestand aus Rosskastanien soll weitgehend erhalten bleiben.
Das Klett-Areal zumindest soll 2026 fertiggestellt sein
Der Neubau wird klimafreundlich und in Holzhybridbauweise errichtet. Auf eine Minimierung der CO2 -Emissionen wird großen Wert gelegt. Dies umfasst die Auswahl der Baumaterialien und die Versorgung des Gebäudes mit Wärme und Strom. Der Fokus liegt auf einer ressourcenschonenden Bauweise, angelehnt an die Prinzipien des „LowTech“ und des einfachen Bauens bei gleichzeitig hoher architektonischer Qualität.
Geplant wird das Haus vom Münchner Büro Florian Nagler Architekten, das für einfaches, ressourcenschonendes und klimafreundliches Bauen bekannt ist. Aktuell laufen die Vorbereitungen für die Baugenehmigung. Der Baustart wird für Mitte 2025 angestrebt. Es bleibt zu hoffen, dass diese Projekte sich weniger zäh gestalten werden. Das Klett-Areal zumindest soll 2026 fertiggestellt sein. Mehr Schnelligkeit will Pätzold auch generell erreichen: „Wir müssen den Prozess des Bauens schneller machen“.