Bauen der Zukunft Ganz schön alt, die neue Architektur
Neue Gebäude mit Fassaden aus Kirchturmdächern oder 250 Jahre alten Fenstern. Nachhaltige Bauwerke sollten nicht nur laut dem Architekten Werner Sobek alt aussehen. Zumindest teilweise.
Neue Gebäude mit Fassaden aus Kirchturmdächern oder 250 Jahre alten Fenstern. Nachhaltige Bauwerke sollten nicht nur laut dem Architekten Werner Sobek alt aussehen. Zumindest teilweise.
1 300 Tonnen Baustoffe pro Sekunde. So viel braucht es laut dem Stuttgarter Architekten und Ingenieur Werner Sobek, um weitere Heimat für eine Menschheit zu bauen, die ständig wächst. Nachhaltig ist es schon heute nicht mehr, was das Bauwesen der Erde an Ressourcen raubt. Mindestens die Hälfte des weltweit verbrauchten Materials frisst es, schreibt Sobek in seinem Buch „Non Nobis“. Was in vielen Branchen Alltag ist, müsste darum künftig auch mehr im Bau passieren: Wiederverwenden, was vorhanden ist.
Decken wird das Rezyklieren den Ressourcenhunger nicht. Trotzdem: 1 170 Gigatonnen weltweiter Gebäudebestand sind ein gigantisches Materiallager. In Zürich etwa werden seit 2005 alle öffentlichen Gebäude mit Recyclingbeton gebaut.
Nicht nur Baustoffe, auch ganze Teile können weiterverwendet werden. Einst waren die Kupferbleche auf einem Kirchturmdach oder verkleideten eine Kreissparkasse, nun prägen sie– glattgewalzt und beschnitten – die Fassade eines Moduls von Sobek, Dirk E. Hebel und Felix Heisel im NEST-Gebäude bei Zürich. Im Wettbewerb um den Basel Pavillon der diesjährigen Baseler Architekturwoche wurde das Weiterverwenden gar zum entscheidenden Kriterium: Eine Liste von Komponenten musste Ausgangspunkt aller Entwürfe sein. Von Stahlträgern, über Türen, bis hin zu Segeltüchern – was darauf stand, kam aus Umbauten und Abrissen. Ihren Zweck behalten haben dagegen die 3 000 Eichenfensterrahmen, verbaut in der Fassade des neuen Sitzes des Europäischen Rats in Brüssel. Aus Bauten aller Mitgliedsstaaten kommen sie, einige sind 250 Jahre alt. Nicht nur die Symbolik des Gebäudes ist beispielhaft. Es steht auch für eine Ästhetik der Collage, die das zirkuläre Bauen begleiten könnte.
Noch sind das Pilotprojekte. Beim Rezyklieren sieht Sobek das Bauschaffen am Anfang. Vorschriften dazu, wie viel und vor allem wie recycelt werden muss, gibt es in Deutschland nicht. Die Unterschiede sind groß: Statt als hochwertiger Betonzuschlagsstoff wie in Zürich, wird Bauschutt laut Sobek oft nur im Landschafts-, Straßen- oder Wegebau verwendet. Unter thermischem Recycling läuft es gar, Baustoffe zu verbrennen. Mehr als 90 Prozent des in Deutschland anfallenden Altholzes endet im Feuer, schreibt Sobek. Mit diesem Downcycling erklärt er viele auf dem Papier hohe Recyclingquoten.
Ausbauen und Lagern kosten Zeit und Arbeit. Mehr als Plattmachen. Und selbst wenn der Bauherr zahlt: Um wiederverwendet werden zu können, müssen Baustoffe sortenrein vorliegen. Unbrauchbar, was vermörtelt, verputzt oder angestrichen ist. Das sind dank Kunststoffrevolution besonders die Gebäude seit den 60er-Jahren. Für die in ihnen oft eingesetzten Wärmedämmverbundsysteme gilt: Luftdicht und untrennbar verklebt, dämmt besonders gut – und rezykliert nicht. Statt zu kleben, hat das Berliner Büro Kaden+Lager deshalb die Materialien im Holzhochhaus Skaio in Heilbronn verschrauben lassen. Am Fraunhofer-Institut wiederum experimentierte man in einer 2019 veröffentlichten Studie mit Klebstoffen für Wärmeverbundsysteme, die sich deaktivieren lassen.
Ja, das Materiallager der Architektur ist enorm. Doch ihr fehlt die Inventarliste. Beton und Holz sind immerhin meist sichtbar. Viele Ressourcen aber liegen in kleinsten Spuren vor. Welche Materialien wo und in welchen Mengen stecken, weiß kaum ein Architekt – erst recht nicht abseits der eigenen Projekte. Beim Abriss ist es zu spät. Ein digitales Materialkataster müsste deshalb, wenn es nach Sobek geht, bereits bei der Planung erfassen, was verbaut wird. Seit vergangenem Jahr ist mit der niederländischen Plattform Madaster ein solches Kataster in Deutschland verfügbar. Wer digitalisierte Modelle seines Gebäudes hochlädt, kann die Daten teilen und erhält einen Material-Ausweis: Wie viel CO2 wurde und wird hier noch aufgewendet? Sind toxische Stoffe verbaut? Und: Was kann wieder verwendet werden?
Andere versuchen, das Neubauen tunlichst zu vermeiden. Rezyklieren auf Gebäudeebene - Umbau statt Abriss. Für diesen Ansatz gewann das französische Architekturduo Lacaton & Vassal im vergangenen Jahr den renommierten Pritzker-Preis. Selbst ein Sozialbau-Hochhaus in Paris aus den Sechziger-Jahren umhüllten sie mit einer weiteren Glasschicht von Wintergärten, anstatt das Gebäude abzureißen und sich mit einem Neubau auszutoben. Es sei ein Fehler, dass in Europa so viele Gebäude abgerissen würden, sagte Jean-Philippe Vassal in einem Interview mit dem Architektur-Magazin Dezeen.
Dabei scheint der Abbruchbagger so rational: Nieder mit den in Beton gegossenen und mit Kunststoffen verklebten Klimasünden der vergangenen Jahrzehnte! Frei von Sentimentalitäten Platz für Neues heraustrümmern. Für Tragwerke aus Holz, begrünte Fassaden, Bausteine gemacht aus Pilzen – innovative Lösungen, allesamt nachhaltiger als das Alte.
Das Problem: Auch beim Abriss werden Emissionen freigesetzt. In welchem Ausmaß, das ist Werner Sobek zufolge weitgehend unerforscht. Er rechnet damit, dass der Rückbau etwa ein Zehntel der Emissionen verantwortet, die ein Gebäude mit sich bringt. Wenn LKWs etwa den Betonschutt zu den großen Deponien in Tschechien und Polen transportieren, stoße das mehr CO2 aus als bei der Herstellung des Betons selbst, schreibt Sobek in „Non Nobis“.
Das noch größere Problem: Die CO2-Mengen, die bei der Herstellung von Gebäuden emittieren. Für die Hälfte der CO2-Emissionen ist diese Phase bei heutigen Neubauten laut Sobek verantwortlich. Das seien 14 Prozent aller weltweiten CO2-Emissionen, jedes Jahr. Dieses CO2, die grauen Emissionen, das bereits für die alten Bauten aufgewendet wurde, macht ein Abriss nicht ungeschehen. Er macht sie sinnlos.
Werden Gebäude hingegen beibehalten und neu genutzt, kann das Nebeneinander von Historischem und Neuem Stadtvierteln Charakter schenken. Die raue Ästhetik vergangener Strukturen finde sich etwa im Londoner Shoreditch oder in Hell’s Kitchen in New York, sagt der Chefredakteur des Magazins Bauwelt Boris Schade-Bünsow.
Auch die Mietshäuser in Berlin-Kreuzberg hätten im Laufe ihres Lebens immer wieder andere Verwendung gefunden, so der Stadtplaner und Professor an der TU Kaiserslautern Detlef Kurth: „Von der bürgerlichen Wohnung, zur Notwohnung, zur Studentenwohnung und zuletzt zur Schwabenwohnung.“
Es ist ihre enorme Deckenhöhe, die viele solcher Altbauten für den Kölner Architekten Caspar Schmitz-Morkramer so versatil macht. Die Idee der Großzügigkeit steht auch für Jean-Philippe Vassal im Zentrum. Dass sich die Bewohner wohlfühlen, sei Voraussetzung dafür, dass ein Gebäude nachhaltig sein könne, sagte er in dem Interview. Bloß: Wer plant heute noch Wohnungen mit drei Meter hohen Decken? Schuld daran seien auch die Bebauungspläne, sagt Schmitz-Morkramer. Die legen fest, wie hoch ein Gebäude maximal sein darf – und nicht, wie viele Geschosse es haben kann. Höhere Räume bedeuten damit für Bauherren mehr Kosten für weniger Geschosse. Ein doppeltes Verlustgeschäft. Es brauche deshalb Anreize, mehr Geld für Gebäude zu zahlen, die flexibel und damit langfristig genutzt werden können, sagt Schmitz-Morkramer.
Die Architektur der Zukunft – sie könnte bei aller Innovation auch eine des Rückbesinnens sein. Neu ist das Rezyklieren ebenso wenig wie hohe Decken und großzügige Räume. Als Material noch teurer war als Arbeit, sei keiner auf die Idee gekommen, einen Holzbalken wegzuwerfen, sagt Caspar Schmitz-Morkramer: „Wir haben eine Tradition, auf der wir aufbauen können. Wir müssen sie aber wiederentdecken.“