Nach einem halben Jahr verliert die 43-Jährige die Fassung: „Ich habe Rotz und Wasser geheult“, erinnert sie sich. Am Telefon fleht sie ihre Ansprechpartnerin beim Bauamt an, ihr Hinweise zu geben, wie ihr Plan genehmigt werden könne. Doch es hilft nichts. Wenig später kommt die Aufforderung, den Antrag zurückzuziehen. Höhe, Tiefe und Dachneigung werden beanstandet. Zuvor hatten Architekten und Bauherren über Monate mit dem Amt in Kontakt gestanden – immer wieder nachgebessert, bis alle Anforderung erfüllt zu sein schienen. Doch weit gefehlt.
Martina Schneider heißt eigentlich anders, aber ihren echten Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, auch der Stadtteil soll geheim bleiben. Die 43-Jährige will das Haus ihrer Großeltern am Rand von Stuttgart abreißen, neu bauen und mit ihrer Familie einziehen. Es ist ein Reihenhaus – also kein einfaches Unterfangen. Doch ähnliche Häuser in der Straße sind auch erkennbar umgebaut. Und der Plan ist ohne Alternative: „Opa hat uns versprechen lassen, nie zu verkaufen.“ Es ist nicht nur irgendein Bauprojekt. „Für mich ist das ein Lebenswerk“, sagt sie. Vielleicht ist sie deshalb so hartnäckig – und vielleicht macht ihr das die Sache so schwer.
Ein Lebenswerk für die Familie
Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem sie fast hinschmeißt. Der Anwalt ihres Architekten sieht sie im Recht, doch einen Rechtsstreit, der das Bauvorhaben auf Jahre verzögert, kann und will sie nicht provozieren. Stattdessen wird umgeplant: Das Haus wird 30 Quadratmeter kleiner, das Elternschlafzimmer landet im Keller.
Doch dann kommt der nächste Schlag: Sechs Wochen nach dem tränenreichen Anruf, unzählige E-Mails und Telefonate später wird ihr nahegelegt, den Bauantrag komplett neu einzureichen. Noch einmal Monate warten? Sie wehrt sich mit Händen und Füßen: „Wir hatten noch einen Versuch. Dieser Versuch musste sitzen“, erzählt sie. Die nächsten Wochen werden zum Nervenkrieg. Es gibt noch ein Hin und Her wegen eines Details. „Ich rufe immer mal wieder zwischendurch an“, erinnert sie sich, aber oft erreicht sie niemanden. Sie sitzt wie auf Kohlen, denn die Kosten drohen aus dem Ruder zu laufen.
Braucht es eine Schlichtungsstelle?
Es ist die zähe Kommunikation, die sie stört. Vom Bauamt habe es nie klare Ansagen gegeben. Es müsste eine Schlichtungsstelle oder einen Case-Manager geben, findet sie, wie im Gesundheitswesen, wo solche Menschen Patienten und ihre Angehörigen begleiten.
Doch von Case-Managern kann man im unterbesetzten Stuttgarter Bauamt nur träumen. Knapp 26 von 166 Stellen sind aktuell nicht besetzt. Die durchschnittliche Verfahrenslaufzeit betrug im vergangenen Jahr rund elf Wochen. Die Mitarbeiter täten ihr Bestes, um Anträge so schnell wie möglich zu bearbeiten, heißt es von der Stadt. Dem seien aufgrund der hohen Arbeitsbelastung des Personals aber Grenzen gesetzt. Die steigenden Anforderungen durch immer komplexere Rechtsvorschriften, eine seit Jahren überdrehte Baukonjunktur, die Umstellung auf digitale Bauvorlagen täten ihr Übriges. Und schließlich sei das Bauamt aktuell selbst eine Baustelle – das Dienstgebäude werde im laufenden Betrieb saniert.
Baugenehmigungen – ein Kompromiss
Darüber hinaus ist der Handlungsspielraum des Amtes begrenzt. „Natürlich beraten wir auch, aber wir können nicht sagen, planen Sie so oder so um“, erklärt die Amtsleiterin Kirsten Rickes. „Das ist Aufgabe der Architekten, denn die kennen die Nutzungsvorstellungen und das Budget der Bauherren. Dafür werden sie auch bezahlt.“
Es passiere nicht selten, dass Bauherren direkt in Kontakt mit dem Bauamt träten. Das sei nicht einfach, denn das Baurecht sei eine hochkomplexe Materie für fachliche Laien. Die Bebauungspläne machen klare Vorgaben und enden manchmal an der eigenen Grundstücksgrenze. Was jenseits des Gartenzauns noch möglich ist, kann auf der anderen Seite vielleicht nicht mehr umgesetzt werden. Und noch etwas stellt sie fest: „Viele Menschen halten gesetzliche Vorschriften für verhandelbar.“ Aber das sei trotz der Möglichkeit für Ausnahmen nicht der Fall. Am Ende seien Baugenehmigungen häufig ein Kompromiss zwischen den Wünschen der Bauherren und der Rechtslage.
Architektenkammer äußert sich
Thomas Herrmann, Sprecher der fünf Stuttgarter Kammergruppen in der Architektenkammer, kennt die Auseinandersetzungen: „Ja, es ist manchmal zum Verzweifeln, aber meine jüngsten Erfahrungen mit dem Stuttgarter Baurechtsamt sind da nicht so eindeutig.“ Unlängst habe er eine Baugenehmigung fristgerecht und ohne Nacharbeit erhalten. Bei einem anderen, eher komplizierten Projekt habe er die Genehmigung nach enger Absprache mit dem Amt bekommen.
Bauherren rät er, eine Architektin oder einen Architekten im Boot zu haben, der sich in Fragen des Baurechts auskennt und dem Bauwilligen auch erklärt, wenn eine Idee voraussichtlich keine Chancen auf Genehmigung hat. Außerdem sollte man eine ordentliche Zeitreserve einkalkulieren.
Kosten laufen hoch
Doch Zeit ist bares Geld. Als die Baugenehmigung bei Martina Schneider nach neun Monaten schließlich ins Haus flattert, hatte sie die Preisbindung bei ihrer Baufirma verloren – fünf Prozent mehr muss sie nun einkalkulieren. Der Kellerbauer kostet sie jeden Monat, den es länger dauert, ein Prozent mehr. „Da sind wir dann, wenn wir den Keller im Oktober bauen, bei zwölf Prozent.“
Das Abrissunternehmen hat ebenfalls fünf Prozent aufgeschlagen. Trotzdem würde sie das Bauvorhaben wieder angehen. „Ich führe ein Erbe weiter, für mich gibt es keine Alternative. Ich muss dieses Haus bauen.“
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