Bauen in Stuttgart In Windeseile zum reinen Wohngebiet

Von Jacqueline Fritsch 

Der Fall hat Verwirrung ausgelöst: In einem Baugebiet in Stuttgart-Plieningen sind offenbar Grundstücke für Wohnraum verkauft worden, obschon dafür keine Genehmigung erteilt werden kann. Warum die Stadt nun versucht, dies schnellstens zu ändern.

Auch auf dieser Baulücke ist ein neues Gebäude mit  Wohnungen geplant. Foto: Jacqueline Fritsch
Auch auf dieser Baulücke ist ein neues Gebäude mit Wohnungen geplant. Foto: Jacqueline Fritsch

Plieningen - Das Gebiet Schießhausäcker soll baurechtlich gesehen zum reinen Wohngebiet werden. Die Stadt arbeitet mit Hochdruck an einer entsprechenden Änderung des Bebauungsplans und hat dafür jüngst das Okay des Bezirksbeirats Plieningen und Birkach bekommen. Laut Zeitplan der Stadt könnte der neue Bebauungsplan frühestens Ende 2021 in Kraft treten; Baugenehmigungen könnte es bereits vorher geben. „Üblicherweise dauert es zweieinhalb bis drei Jahre, einen Bebauungsplan zu ändern, aber wir versuchen das jetzt schneller“, sagt Susanne Frucht vom Stadtplanungsamt.

Denn wer kauft ein Grundstück, wenn er darauf nicht bauen darf?

Grund für die Eile ist offenbar, dass eine der drei Baulücken an der Straße Zum Langwieser See bereits verkauft ist, obwohl dafür keine Baugenehmigung vorliegt. Die Frage, ob die Grundstücke tatsächlich trotzdem schon verkauft sind, hatte vor Ort Verwirrung ausgelöst. Denn wer kauft ein Grundstück, wenn er darauf nicht bauen darf?

Dass dies geschehen sein könnte, dafür hat gesprochen, dass es an der frei stehenden Fläche zwischenzeitlich ein Schild gab, auf dem „Verkauft“ stand und die dort geplanten Häuser beworben wurden. Dieses Schild ist mittlerweile weg. „Dass schon ein Schild steht, ohne dass es eine Baugenehmigung gibt, ist nicht selten“, sagt Susanne Frucht.

Auf die konkrete Frage aus dem Bezirksbeirat, ob die Änderung des Bebauungsplans nun so schnell gehe, weil eine der Baulücken bereits verkauft sei, antwortet Frucht ausweichend: „Nur für ein Grundstück würden wir das vielleicht nicht machen.“ Konkreter wird der Investor, der auf der größten der freien Bauflächen zwei Doppelhäuser bauen möchte. Er sagt gegenüber unserer Zeitung, er habe das Grundstück „für viel Geld“ erworben. Und zwar bereits vor einiger Zeit.

Mittlerweile liegt sein Bauantrag auf Eis

Es ist schon alles genau geplant: vier Doppelhaushälften mit je rund 172 Quadratmeter Wohnfläche, Terrasse und Garten. So stellt sich der Investor seinen Neubau in den Schießhausäckern vor und habe schon mit der Vermarktung angefangen. Denn für ihn sei eigentlich alles klar gewesen: Vor einem Jahr habe er eine Voranfrage bei der Stadt Stuttgart gestartet, die nicht abgelehnt worden sei. Ihm sei zugesagt worden, dass er im März eine Baugenehmigung bekomme. „Erst ganz zum Schluss“ sei die Absage vom Baurechtsamt gekommen. Mittlerweile liegt sein Bauantrag auf Eis.

Die Baugenehmigung bekommt er zurzeit nicht, weil es sich bei den Plieninger Schießhausäckern um ein Mischgebiet handelt, in dem mindestens 20 Prozent Gewerbe vertreten sein muss. Als das so im Bebauungsplan festgelegt wurde, war der Lärm vom Flughafen ein Grund dafür. Mittlerweile erlauben ein neues Fluglärmgesetz und leisere Flugzeuge, dass der Grenzbereich für ein reines Wohngebiet nur noch minimal überschritten wird und beispielsweise durch Schallschutzfenster ausgeglichen werden kann.

Stuttgart-Plieningen ist ein beliebter Wohnort

Mit einer Änderung des Bebauungsplans könnten auf den freien Flächen in den Schießhausäckern, die insgesamt 2500 Quadratmeter fassen, also weitere Wohnhäuser gebaut werden. „Plieningen ist ein beliebter Wohnort“, sagt Susanne Frucht. Anfragen von Gewerbe hätte es für dieses Gebiet nicht gegeben. Für die geplanten Doppelhäuser hingegen haben sich nach Informationen unserer Zeitung zwei Familien gefunden, die bereits Kredite dafür aufgenommen haben.

Wie viel sie für je eine Doppelhaushälfte zahlen, ist nicht bekannt. Kolportiert wird, dass es etwa eine halbe Million Euro ist, aus den Unterlagen des Verkäufers allerdings geht ein Preis von rund 950 000 Euro hervor. Das 1074 Quadratmeter große Grundstück, auf dem die beiden Häuser gebaut werden sollen, hat der Investor laut einem Dokument vom März 2019 für knapp 1,8 Millionen Euro gekauft.




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