Überflutung oder extreme Hitze sind Folgen des Klimawandels, die immer häufiger zu spüren sind. Welche Folgen hat diese Entwicklung bei der Planung von Grundstücken und Gebäuden?
Frau Krause, was genau ist klimaresilientes Bauen?
Allgemein bedeutet klimaresilient die Widerstandsfähigkeit gegenüber den Folgen des Klimawandels. Bezogen auf das Bauen ist es die Anpassung an Extremwetterereignisse durch die Gestaltung der gebauten Umwelt. Es geht also um die Robustheit in der Gestaltung von Gebäuden, Grundstücken und Infrastruktur. Wir am Institut analysieren, inwieweit mit passiven Baumaßnahmen, also ohne den Einsatz von aktiver Anlagentechnik wie beispielsweise einer Klimaanlage, das Klimaanpassungspotenzial und gleichzeitig die Qualität für Außen- und Innenräume gesteigert werden können.
Es geht dabei also eher nicht ums nackte Überleben?
Nein, hoffentlich noch nicht, auch wenn Ereignisse und Risiken in immer mehr Regionen zunehmen. Unsere Philosophie am Institut ist: Das Bauwesen steht vor einer sehr großen Herausforderung, sowohl bezüglich Klimaschutz als auch bezüglich Klimaanpassung. Aber das ist gleichzeitig auch als eine große Chance zu verstehen. Das Potenzial, mithilfe von baulichen Anpassungsmaßnahmen gezielt die Aufenthaltsqualität in urbanen Räumen zu erhöhen, ist enorm. Mit unserer Broschüre wollen wir auch Private ansprechen. Da ist es selbstverständlich, alleine schon wegen des monetären Aufwands von Anpassungsmaßnahmen, dass durch diese auch ein Mehrwert an Wohn- und Lebensqualität generiert werden muss.
Warum braucht es so eine Broschüre?
Das Bauwesen hat eine Sonderrolle in der Klimadebatte. Einerseits ist es ein Hauptverursacher für klimatische Veränderungen. Das liegt an dem enormen Ressourcenbedarf bei Bautätigkeiten und dem hohen Energiebedarf bei der Nutzung von Gebäuden. Andererseits ist das Bauwesen selbst von Extremwettereignissen betroffen. Die Broschüre braucht es, weil die Potenziale hinsichtlich Klimaschutz und Klimaanpassung im Bauwesen noch nicht ausgeschöpft sind. Ein Beispiel aus dem öffentlichen Raum: Wir haben in Stuttgart sehr hohe Versiegelungsgrade, die nicht nur Hitzeinsel-Effekte hervorrufen. Bei Starkregenereignissen wird dadurch auch der oberflächliche Niederschlagsabfluss beschleunigt und kann zu einem Rückstau in der Kanalisation führen. Auch im Privatbereich ist es vielen nicht bewusst, welche Effekte die Oberflächengestaltung auf die lokalklimatische Wirkung der Umgebung hat. Warum zum Beispiel ein Steingarten hinsichtlich Klimaanpassung und Klimaschutz deutlich schlechter abschneidet als eine unversiegelte Wiese, ist aus wissenschaftlicher Sicht klar zu begründen. Es braucht also noch sehr viel Aufklärung und Wissensbildung, darum die Broschüre.
Derzeit ist es heiß. Haben Sie Tipps für Häuslebauer, was sie im Hinblick auf immer heißer werdende Sommer berücksichtigen sollten?
Eine effektive Anpassung an den Klimawandel muss Hand in Hand mit der Stadt- und Quartiersplanung auf kommunaler Ebene gehen. Der einzelne Häuslebauer hat nur begrenzt Möglichkeiten, nichtsdestotrotz sind diese gegeben. Das Potenzial bei Neubauten ist dabei höher als bei Sanierungsobjekten, da Anpassungsmaßnahmen bereits gezielt in der Planung integriert werden können. Ganz wichtig ist auch: Klimaanpassung fängt nicht erst im Gebäude an, sondern es sind bereits die Potenziale der Liegenschaft, das heißt im Außenraum zu erkennen und gesamtheitlich mit Maßnahmen im Innenraum zu berücksichtigen und umzusetzen. Eine effektive Maßnahme ist die Verschattung der Gebäudehülle durch grüne Strukturen. Sinnvoll ist es in unseren Breitengraden, die Ost- oder Westfassade zu verschatten, die Süd-Fassade hingegen weniger, da wir in Deutschland ein alternierendes Klima mit warmen Sommern und kalten Wintern haben. Verschattungsmaßnahmen sollten daher im Winter keinesfalls zu einer Erhöhung des Heizenergieverbrauchs führen.
Immer wieder ist von Entsiegelung von Flächen die Rede. Warum ist das so wichtig?
So kann Wasser aufgenommen und der natürliche Wasserkreislauf von Städten gestärkt werden. Durch die Verdunstung des Wassers über die Fläche wirkt diese gleichzeitig klimaregulierend. Wenn Flächen aufgrund der Nutzungsanforderungen versiegelt werden müssen, haben sie bestenfalls Fugen, über die Wasser aufgenommen werden kann. Weiter sind helle Oberflächen dunklen Oberflächen vorzuziehen. Helle Oberflächen reflektieren die Sonnenstrahlung stärker und erhitzen sich und die unmittelbare Umgebung dadurch viel weniger.
Welche weiteren Faktoren können eine Rolle spielen?
Eine Änderung der Fassadenfarbe von dunkel auf hell kann, je nach Dämmstandard der Gebäudehülle, den sogenannten Wärmeeintrag ins Rauminnere bereits deutlich reduzieren. Beim Gebäude ist weiter die Dämmung sehr wichtig. Sie hilft ja nicht nur, im Winter Heizenergie einzusparen, sondern auch im Sommer, den Wärmeeintrag ins Rauminnere zu reduzieren. Zudem gilt ja auch: je größer der Fensteranteil ist, desto größer auch die Gefahr, dass das Gebäude überhitzt.
Tipps für Häuslebauer
Info-Broschüre
Die Broschüre „Klimaangepasste Gebäude und Liegenschaften.
Empfehlungen für Planende, Architektinnen und Architekten sowie Eigentümerinnen und Eigentümer“ wurde gefördert durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Sie ist unter folgendem Link erhältlich: https://www.zukunftbau.de/mediathek/publikationen/bbsr
Zur Person
Pia Krause ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Akustik und Bauphysik der Universität Stuttgart und wohnt in Filderstadt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: klimaangepasstes und umweltgerechtes Bauen für Mensch, Flora und Fauna sowie das Thema „Grüne Strukturen im Urbanen“. atz