Wer seinen Blick über das rund drei Hektar große zukünftige Gültsteiner Baugebiet Gartenäcker schweifen lässt, wird aus den Erdbewegungen, die dort seit einigen Wochen vor sich gehen, nicht auf Anhieb schlau. Nach und nach legt ein Baggerfahrer etwa zehn Meter breite und teilweise über 100 Meter lange Flächen mit Abstand parallel zueinander frei. Humusschicht und Unterboden säumen fein säuberlich getrennt jeweils das freigelegte Areal.
Des Rätsels Lösung: Ein archäologisches Grabungsteam der Fachfirma ArchaeoBW mit Firmensitz in Gerlingen um Grabungsleiter Christian Hoyer untersucht im Auftrag der Stadt nach und nach das gesamte Areal. Ihre Mission: archäologische Funde dokumentieren und sichern, bevor diese durch die Überbauung für immer verloren sind.
Baggerfahrer mit viel Fingerspitzengefühl
Baggerfahrer mit viel Erfahrung, die zentimeterweise das Erdreich abtragen könnten, seien dabei „Gold wert“, berichtet Hoyer. Bei der ersten Phase der Dokumentation, die erfolgt, sobald ein Abschnitt festgelegt ist, kommt wie auch noch oft in den weiteren Arbeitsschritten Hightech ins Spiel: Aus ultrahochauflösenden Einzelfotos einer Drohne entsteht ein maßgerechter Plan mit „perfekter Geometrie“: „Hier wird nicht mehr mit Millimeterpapier gearbeitet“, macht Hoyer deutlich.
Durch den Einsatz von Computerprogrammen, die mit Farbraumerweiterung und -verschiebung arbeiten, werden anhand dieser Aufnahmen auch Veränderungen in den Bodenstrukturen sichtbar, die mit dem bloßen Auge nicht sofort zu erfassen sind. Jeder einzelne Fleck bekommt dann eine feste Nummer. Außerdem werden mit gelber Farbe runde Strukturen markiert, die auf Überreste von Holzbauten hindeuten. „Wir finden nur noch Spuren davon, keine Substanz ist erhalten“, unterstreicht Przemyslaw Sikora, einer der beiden Geschäftsführer von ArchaeoBW.
An manchen Stellen wird mit feinem Werkzeug gearbeitet
Mithilfe von roten sogenannten „Profilschnüren“ wird bei diesen Befunden zudem die Lage der Schnitte festgelegt. Anschließend arbeiten sich die Archäologen mit feinerem Werkzeug dort weiter in die Tiefe. Auch diese Arbeit, die freigelegten Funde und deren Lage werden mit so vielen Fotos dokumentiert, dass anschließend 3-D-Computer-Modelle daraus generiert werden können.
Dass auf dem Gelände mit Funden zu rechnen ist, hätten bereits Sondierungsgrabungen vor einigen Jahren gezeigt, berichtete Hoyer. In einem ersten Abschnitt seien diese vom „Projektteam flexible Prospektion“ des Landesamts für Denkmalpflege durchgeführt worden. Im zweiten, östlichen Teilbereich waren damals bereits ArchaeoBW und auch Christian Hoyer aktiv.
Schon bei ersten Sondierungen wurde man fündig
Bei solchen Voruntersuchungen würden schmale, drei bis vier Meter große Schnitte geöffnet und dadurch rund zehn Prozent der Fläche untersucht, um das archäologische Potenzial des Gebiets abzuschätzen, erläuterte der Archäologe. Auch für Przemyslaw Sikora liefern diese daraus gewonnenen Erkenntnisse Anhaltspunkte, um Zeitdauer der Grabung, erforderliche Baggerzeiten und den notwendigen Personaleinsatz möglichst effizient zu planen.
In Gültstein wurde bei diesen Sondierungen bereits mehrere frühmittelalterliche Gräber gefunden. Diese Funde gaben den Anstoß für die nun laufende Rettungsgrabung auf dem gesamten Areal. Und das zurecht, wie Christian Hoyer und Katarina Fellgiebel, die stellvertretende Grabungsleiterin, vergangene Woche auch den Gemeinderatsmitgliedern berichteten. Die hatten der Grabungsstelle bei ihrer Baustellenrundfahrt ebenfalls einen Besuch abgestattet.
Zwei Bronze-Ohrringe als Grabbeigabe
Zwölf weitere Gräber aus dem frühen Mittelalter – zwischen siebtem und elftem Jahrhundert – hätten sie bereits in einem der freigelegten Abschnitte entdeckt. In einem danebenliegenden würden sich drei weitere abzeichnen, skizzierte die Anthropologin den Stand der Dinge. Zehn der gefundenen Grabstellen seien nahe der Oberfläche und „beigabenlos“ gewesen. Zwei tiefer gelegene wären mit Holzeinfassungen etwas aufwendiger gestaltet gewesen. Eines davon habe zudem eine Steinplattenabdeckung aufgewiesen. In diesen beiden Gräbern hätten sie auch Beigaben in Form eines Messers und zweier Bronze-Ohrringe gefunden.
Nachdem die Skelette freigelegt, vermessen und dokumentiert sind, werden sie aus den Gräbern geholt, gehen dann verpackt in die Fundbearbeitung der ArchaeoBW und dann weiter ans Landesamt für Denkmalpflege. „Die wissenschaftliche Auswertung machen wir nicht“, beschreibt Katarina Fellgiebel die Grenzen des Aufgabenbereichs der im Dezember 2016 gegründeten Firma.
Daten werden parallel im Rechenzentrum ausgewertet
Mit einer achtmonatigen Grabungskampagne rechnet das Team vor Ort. Dessen Arbeit wird von Mitarbeitern im Innendienst im Rechenzentrum der Firma begleitet. Dort werden die laut Hoyer „gigantischen Datenmengen“, die bei der Ausgrabung generiert werden, parallel nachbereitet.
Wenn in den Gartenäckern die Grabung mit dem Wiederaufbringen der Humusschicht auf dem letzten Abschnitt beendet ist, sei auch deren Dokumentation abgeschlossen, beschreibt Hoyer die Effizienz dieses arbeitsteiligen Vorgehens. Auch eine Winterpause gebe es nicht. Der Zeitplan könnte allenfalls dann durcheinandergewirbelt werden, wenn im westlichen Teil des Areals noch ein komplettes Gräberfeld mit viel mehr Funden als vermutet entdeckt werden würde, so Fellgiebel.
Private Grabungsfirmen in Baden-Württemberg
Zulassung
Im September 2016 wurden in Baden-Württemberg private archäologische Fachfirmen zugelassen. Zuvor waren Grabungen eine hoheitliche Aufgabe, die nur das Landesamt für Denkmalschutz (LAD) durchführen durfte.
Schutz
Denkmäler sind nach dem Denkmalschutzgesetz vor Zerstörung zu schützen. Wenn aus Gründen der Zumutbarkeit kein Erhalt der archäologischen Fundstelle möglich ist, muss diese zuvor durch Rettungsgrabungen fachgerecht dokumentiert werden.
Genehmigung
Der Auftrag zur archäologischen Untersuchung kommt vom Investor des Bauprojekts. Die Grabungsfirma darf jedoch erst nach der durch das LAD erfolgten Grabungsgenehmigung tätig werden. Die Arbeiten unterliegen den durch das LAD erlassenen Richtlinien und werden auch von diesem kontrolliert.