Baugemeinschaft in Heumaden Lob statt Los

Zwei Dutzend Menschen planen in Heumaden, was ein Novum in Stuttgart ist: eine Baugemeinschaft. Sie haben sich nicht nur zusammengetan, weil es so billiger, sondern auch weil es schöner ist. Unsere Redaktion begleitet sie bis zum Einzug.

Baugemeinschaft bedeutet, dass sich die Mitglieder einig werden müssen. Weitere bildliche Eindrücke gibt es in unserer Fotostrecke. Foto: Sägesser 6 Bilder
Baugemeinschaft bedeutet, dass sich die Mitglieder einig werden müssen. Weitere bildliche Eindrücke gibt es in unserer Fotostrecke. Foto: Sägesser

Heumaden - Der Verteilungskampf bleibt aus. Die zwei Dutzend Leute beugen sich über den Lageplan auf dem runden Tisch des Architektenbüros an der Ostendstraße. Es geht um nichts Geringeres als darum, wer welchen Parkplatz haben will. Bei Fragen wie diesen ist es nichts Ungewöhnliches, dass Menschen instinktiv die Krallen ausfahren und ihr Revier markieren. „Am besten jeder sagt jetzt mal, welchen Stellplatz er gerne hätte, und wenn es Überschneidungen gibt, wird gelost“, hat Dietmar Wiehl vorab gesagt. Eine Viertelstunde später gibt es Lob statt Los für die Baugemeinschaft: „Das lief ja überraschend reibungslos.“

Billiger – und schöner

Wiehl ist so etwas wie der Moderator der Gruppe. Damit es friedlich und übersichtlich bleibt. Damit ein Unabhängiger die Fäden in der Hand hält. Dafür haben sie den Tübinger engagiert. Die Gruppe plant an der Bernsteinstraße in Heumaden etwas, was in Stuttgart bislang ein Novum ist. Das Besondere an jener Baugemeinschaft, die sich an diesem Abend mal wieder beim Architekten an der Ostendstraße trifft, ist, dass sie sich nicht nur zusammengetan hat, weil es billiger ist, sondern auch, weil es schöner ist. Sie verstehen sich nicht als Zweck-, sondern als Lebensgemeinschaft. Und wie in den besten Ehen gilt es auch bei ihnen, vor dem Zusammenschluss ein paar dröge Dinge miteinander zu klären – damit es auch künftig harmonisch bleibt. Zum Beispiel die Frage, wer künftig auf welchem Stellplatz in der Tiefgarage der beiden Häuser in Heumaden parkt, welche Unterlagen das Liegenschaftsamt braucht, wie das mit den Grundbucheinträgen läuft, was der KfW-Kredit macht und so weiter.

Klaus Pfaffenzeller – einer der Initiatoren der Baugemeinschaft – hat gesalzene Cashew-Nüsse und stilles Wasser mitgebracht, ein anderer hat Reiswaffeln mit Schokoglasur auf den Tisch gelegt; die Baugruppe stellt sich auf einen langen Abend ein. Der Landschaftsplaner ist da, um seine Ideen für das grüne Drumherum zu präsentieren. Er hatte den Auftrag, seinen ersten Entwurf noch einmal zu überarbeiten, um die Kosten zu drücken. Es stehen aber auch noch andere Themen auf der Tagesordnung, die Wiehl vor sich hat.

Mieter dürfen mitentscheiden

Seit November treffen sich die rund zwei Dutzend Leute regelmäßig; anfangs dauernd, inzwischen alle zwei Wochen. Es geht um Grundsätzliches genauso wie um Spezielles, und es geht darum, die Dinge möglichst gütlich miteinander zu entscheiden. Basisdemokratisch. Mit am Tisch bei den Versammlungen sitzen übrigens nicht nur die Eigentümer, sondern auch die Mieter. Sie dürfen und sollen ebenfalls von Anfang an mitbestimmen. Die beiden Häuser der Gemeinschaft, die sich „Bern + Stein“ getauft hat, werden auf einem Eck des Baugrundstückes an der Bernsteinstraße gegenüber der neuen Kindertagesstätte stehen. Auf dem größten Teil des Areals zieht das Siedlungswerk Stuttgart derzeit Mehrfamilienhäuser hoch; die Ausmaße sind bereits abschätzbar. In den beiden Häusern der Baugemeinschaft sind 23 Wohnungen geplant – sieben für private Eigentümer, zwei fürs Behindertenzentrum Stuttgart und 14 als Mietwohnungen für den Bau- und Heimstättenverein. Sie sind 40 bis 125 Quadratmeter groß, die Pläne sind fertig, der Bauantrag eingereicht. Das Grundstück soll Ende des Jahres gekauft werden, der Einzug ist für Ende 2017 geplant. Vier Mietwohnungen sind übrigens noch zu haben.

Überraschenderweise sei es recht schwierig gewesen, Interessenten für das Gemeinschaftsprojekt zu finden. Und das, obschon sich die Kaufpreise vergleichsweise im Rahmen halten. Der Gemeinderat hat 2012 beschlossen, dass die Baugemeinschaft mit dem besten Konzept und nicht mit dem höchsten Angebot den Zuschlag für Grundstücke bekommt. Klaus Pfaffenzeller und die anderen vermuten aber, dass ihre Vision für die meisten Leute zu viele Unbekannte hat.

Anfangs war alles wenig greifbar

„Es ist ja auch ein Risiko“, sagt zum Beispiel Bernhard Höll. Der 36-Jährige wird als Eigentümer mit seiner Familie einziehen. „Als ich im November dazugekommen bin, war alles wenig greifbar“, sagt er. Es war zum Beispiel unklar, welche Wohnung er am Ende abbekommen würde. Bei den ersten Treffen Ende vergangenen Jahres ging es nämlich vor allem um Zwischenmenschliches. Wie sollte die Gemeinschaft sein, damit sich niemand eingeengt oder aber alleingelassen fühlt? Welche Regeln sollte es geben? Solche Dinge. Die Nachbarn in spe haben aber auch miteinander gebastelt. So ist ein Pappmodell von ihrem neuen Reich entstanden – samt Sonnensegel, Hängematte, Dachterrasse und Swimmingpool. Es wird sich zeigen, welche Gedankengebäude der Realität und vor allem den Kosten zum Opfer fallen werden.

Der Betreuer der Baugruppe Wiehl hat schon Erfahrungen mit Baugemeinschaften gesammelt, die Heumadener beschreibt er als ungewöhnlich. Dass die Verteilung der Wohnungen zunächst hintangestellt worden ist, findet er erstaunlich. „Donnerwetter, habe ich gedacht.“ Und als es darum ging, wer in Zukunft welche Quadratmeter bewohnt, sei das Ganze nicht in Streit ausgeartet. „Die Wohnungen haben natürlich unterschiedliche Qualitäten“, sagt der Architekt Kurt Kühfuß. Es habe ein oder zwei Konflikte gegeben, sagt der Projektsteuerer. Betonung auf „gegeben“. Inzwischen hat jeder sein Plätzchen gefunden. Verteilungskämpfe sind ausgeblieben.

Hintergrund zur Heumadener Baugemeinschaft:

Was bedeutet es, Teil einer Baugemeinschaft zu sein? Welche Fragen und Probleme tauchen auf? Die Heumadener Baugemeinschaft ist eine der ersten in Stuttgart. Unsere Redaktion begleitet sie in regelmäßigen Abständen auf ihrem Weg zum gemeinsamen Zuhause an der Bernsteinstraße.

Die Baugemeinschaft sucht noch Leute. Wer sich dafür interessiert, wendet sich an Christa Widmaier-Berthold, Mail mcberthold@t-online.de. Bei der Stadt gibt es eine Stelle, bei der sich alle melden können, die sich fürs Thema Baugemeinschaft interessieren, Telefon 21 62 00 07.

Der erste und bisher einzige Artikel über die Heumadener Baugemeinschaft ist im November 2014 erschienen, dieser lässt sich nachlesen im Internet unter: http://stzlinx.de/baugemeinschaft. Die Gruppe hat zudem eine eigene Homepage unter der Adresse http://baugemeinschaftbernstein.de

Sonderthemen