Dessau - 100 Jahre Bauhaus ist ein stolzes Jubiläum, das landauf, landab auch weitab von Weimar oder Dessau mit Veranstaltungen und Ausstellungen gefeiert wird. Am Wochenende öffnete in Dessau in diesem Jahr nach Weimar schon das zweite Bauhausmuseum seine Pforten. „Berlin lässt sich ein bisschen Zeit“, wie der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Rainer Robra, süffisant bemerkte. Dort hat man das Jubeljahr wie üblich vertrödelt und hofft nun, das neue Bauhausarchiv 2024 eröffnen zu können.
In Dessau war großes Aufatmen angesagt, als Ende 2015 die Entscheidung fiel, von den beiden im Wettbewerb erstplatzierten Entwürfen für das neue Bauhausmuseum jenen der jungen Architekten Gonzales Hinz Zabala aus Barcelona statt der quietschbunten Harlekinade von Young & Ayata aus New York auszuwählen. Nicht zuletzt finanzielle Gründe waren ausschlaggebend, wenngleich das jetzt eröffnete Haus statt 25 Millionen Euro auch deren 30 gekostet hat – „vertretbare Mehrkosten“, wie der Kulturminister findet.
Der Entwurf zeigte ein luzides Etwas
Wer heute aus dem Bahnhof tritt und den auf den Gehweg gepinselten Wegweisungen folgt, wird nicht Richtung Bauhaus, sondern mitten ins Zentrum der Stadt geleitet, wo er an der Kavalierstraße ungläubig vor einen, nun ja, dunklen Glaskasten tritt. Bauhaus? Doch vor dem 105 Meter langen, 25 Meter breiten Riegel mit der abweisend spiegelnden Fassade, auf dem Mies-van-der-Rohe-Platz genannten Vorplatz steht tatsächlich eine Stele mit dem Namen des Museums, hier muss es also sein.
Die vier Jahre alten Simulationen des Bauentwurfs zeigen noch ein luzides Etwas, in dem wie in einem Schneewittchensarg ein schwarzes Volumen über einem gläsernen-durchsichtigen Erdgeschoss schwebt. Das ist ja tatsächlich so gebaut worden, aber man sieht es nicht, jedenfalls tagsüber nicht, solange drinnen kein Licht brennt. Was man sieht, ist eine rätselhafte, autistische, dunkle Kiste, die keinerlei Interpretationshilfe gibt. Pharmakonzernzentrale? Regionalverwaltung der Volksbank? Die aalglatte Fassade verrät nichts.
Stützenfreier Großraum
Dutzende von hinreißenden Museumsneubauten sind in den letzten Jahren in Deutschland entstanden. Dieses hier ist ein anonymer Alien, keine neue Bauhaus-Ikone, und wird manchen Bauhaus-Touristen vor den Kopf stoßen.
Eines der Glasfelder lässt sich öffnen: Die Eingangstür. Eine architektonische Willkommensgeste sieht anders aus. Beispielsweise so wie bei Walter Gropius´ Bauhaus selbst. Im Inneren überrascht ein großer, ungeteilter Saal. Es ist frei bespielbar, steht für Veranstaltungen jeglicher Art und für Sonderausstellungen zur Verfügung, ein Kulturangebot auch für die Stadt Dessau. Eine Glaswand bietet freien Blick auf die Kavalierstraße, die andere öffnet sich zum Stadtpark. Öffnet ist nicht ganz richtig: Man hätte sich Schiebewände gewünscht, sodass der Stadtraum bei entsprechenden Gelegenheiten wirklich durch das Gebäude hindurchfließt.
Der stützenfreie Großraum ist möglich, weil die eigentlichen Museumsräume als 70 Meter überspannende Brücke aus schwarzem Beton ausgeführt sind, die sich auf die beiden Treppenhäuser stützt.
Wer die richtige Tür gefunden hat, gelangt über eine Art schmucklose Fluchttreppe in die Ausstellung im Obergeschoss. Das Treppenhaus aus rohem Beton soll den Kontrast bilden zu den wunderbaren Exponaten, die den Besucher erwarten. So jedenfalls erläutert es Roberto Gonzales von Addenda Architects, wie sich das Büro inzwischen nennt.
Ausstellungen in der Black Box
Das Obergeschoss mit den Ausstellungsräumen ist nicht wie in Weimar als White Cube, sondern als Black Box ohne Tageslicht konzipiert, in der buchstäblich jeder Lichtstrahl genau kontrolliert werden kann. Es gibt viele lichtempfindliche Exponate, alles Original, Papierarbeiten, Dokumente, Lichtpausen, aber auch Textilien, die nur geringen Lichtdosierungen ausgesetzt werden können. Das Berliner Designbüro Chezweitz hat aus der Not eine Tugend gemacht und alle Möglichkeiten der Lichtgestaltung genutzt.
Der eilige Besucher, der sich unvorbereitet nur ein wenig umsehen will, wird so manches nicht einordnen können und möglicherweise enttäuscht sein. Die unvermeidlichen Möbel von Mies und Breuer kennt er zu Genüge. Spektakuläre Exponate mit Schauwert gibt es nur wenige, und ein inszenatorisches Feuerwerk wird auch nicht geboten. Man tut also gut daran, sich zur besseren Orientierung vorab die Konzeption der Ausstellung klarzumachen.
Kernstück ist neben dem „Probierplatz Bauhaus“ und der Geschichte der Sammlung in den beiden kleineren Sälen die Präsentation „Horizont Fabrik“ mit einem orangebunten Regal, das den großen Saal in seiner ganzen Länge durchläuft und in dem all die Designikonen präsentiert sind, die in die Produktion gegangen waren. Denn eine wesentliche, aus der Werkbundidee entwickelte Intention des Bauhauses war, von der Teetasse bis zur Wohnsiedlung die gesamte Dingwelt auf neue Weise zu gestalten.
Didaktisches Ausstellungskonzept
Woher die Ideen kamen, zeigen die „Seitenschiffe“ mit Schulraumsituationen, mit Lehrprogrammen und Schülerarbeiten, den Lebenswegen der Protagonisten und ihren späteren Wirkungsfeldern. Auf „Zwischenspiele“ genannten Sonderflächen werden Neuerwerbungen vorgestellt, sind Interaktionsfelder aufgebaut und werden wechselnde Sonderthemen abgehandelt, etwa die 1953 als Nachfolgeinstitution gedachte Hochschule für Gestaltung in Ulm, die übrigens 1968 wahrscheinlich auch aus politischen Gründen geschlossen wurde.
Trotz des umfassenden didaktischen Konzepts sind nicht alle Aspekte des Bauhauses ausgeleuchtet. So ist nur wenig über die eminent politische Dimension der Bauhausidee und das damit verbundene prekäre Schicksal der Schule zu erfahren; Stoff genug für neue Ausstellungen.
Mit dem neuen Haus hat die Stiftung Bauhaus Dessau beste Möglichkeiten dazu. Die Stadt wird von dem großen Saal und den Publikumsveranstaltungen profitieren. Für die Bauhaus-Exkursion nach Dessau muss man also künftig einen langen Tag einplanen. Eine neue Architekturikone ist zu den historischen Bauhausbauten allerdings nicht hinzugekommen, denn die Architekten wollten dem Bauhaus keine Konkurrenz machen. Das ist ihnen gelungen.