Stuttgart Die Stadt bleibt voller Baustellen – das sind die Gründe
In Stuttgart wird gebaut, was die Bagger hergeben. Das kostet Nerven – vor allem jene, die zu Fuß unterwegs sind. Wird es noch schlimmer? Ein Überblick – und eine Spurensuche.
In Stuttgart wird gebaut, was die Bagger hergeben. Das kostet Nerven – vor allem jene, die zu Fuß unterwegs sind. Wird es noch schlimmer? Ein Überblick – und eine Spurensuche.
Manchmal wäre es nur eine Frage von ein paar Zentimetern. Zum Beispiel in der Tübinger Straße in Stuttgart: Seit vielen, vielen Monaten wird dort im Einkaufszentrum Gerber gebaut. Wobei „in“ nur einen Teil der Wahrheit trifft. Denn Kräne, Rohre, Kabel, Lastwagen, Container, Klohäuschen & Co. befinden sich selbstverständlich nicht im Gebäude, sondern drum herum. Im Falle des Gerbers werden deshalb schon lange die Flächen unter der Paulinenbrücke und vor dem Haupteingang an der Tübinger Straße belegt.
Für all jene, die hier tagtäglich in Scharen unterwegs sind, heißt das wie an so vielen Stellen in Stuttgart – ausweichen. Vor dem Gerber ist der Gehweg durch einen Bauzaun auf nicht einmal eineinhalb Meter geschrumpft, wobei in der Mitte auch noch ein Laternenmast steht. An einem gewöhnlichen Nachmittag passieren rund 25 Passanten pro Minute dieses Nadelöhr. In einer Stunde sind es also bereits 1500 Fußgänger, die hier mit Einkaufstaschen, Kinderwagen und Hackenporsche das tun, was nahe liegt: Sie weichen auf die Straße aus.
Stuttgart ist eine Baustellenhochburg. Wo man auch hinschaut, ständig wird irgendwo gebohrt und gebaggert. Hier müssen Leitungen erneuert, dort Kabel verlegt werden, Fassaden renoviert und Dächer geflickt.
Rund 2000 sogenannte aktive Baustellen sind es derzeit – und gäbe es keine Engpässe bei Personal und Material, wären es noch viel mehr. Dass Wege gesperrt und Durchgänge blockiert sind und Fußgänger Slalom laufen müssen, ist nichts, was vorübergeht, sondern ein Dauerzustand.
Damit der Ärger darüber nicht überschäumt, dafür sorgt Susanne Scherz. Sie leitet im Amt für öffentliche Ordnung die Abteilung Straßenverkehr. Sie und ihr Team legen fest, wie bei Baustellen der Verkehr geregelt wird, wo und wie Autos, Radler und Fußgänger umgeleitet werden. Das wird mit einem Verkehrszeichenplan abgerundet. Die Schilder oder Behelfsampel selbst muss dann der Bauunternehmer beschaffen und aufstellen.
Was in der Theorie einfach klingt, ist allerdings ein höchst sensibles Thema. Denn ob jemand nur schnell ein neues Tor an der Garage einbauen oder ein Großinvestor eine Immobilie in der City hochziehen will – fast nie reicht der private Grund aus, sodass öffentlicher Raum in Anspruch genommen werden muss, also jene Fläche, die eigentlich für die Gemeinschaft da ist und oft auch dringend benötigt wird. In der Königstraße merkt man schnell, wie Abläufe gestört werden, wenn für ein Bauprojekt die Fußgängerzone plötzlich nur noch halb so breit ist.
Reiht sich in einer einzigen Straße eine Baustelle an die andere, kann man sich schon fragen, ob es denn nicht irgendwann genug ist und ein Punkt erreicht, an dem die Bevölkerung über die Maßen strapaziert wird? Sollte da nicht ein Machtwort gesprochen werden, dass zu den 2000 Baustellen vorerst keine weitere dazukommen sollte? Diesen Moment wird es nicht geben, weil es ihn nicht geben darf. In Deutschland hat jeder ein Recht, auf seinem Grund zu baggern, zu bohren und Bauten hochzuziehen. Wer eine Baugenehmigung erhalten hat, darf davon auch Gebrauch machen. Wenn einen daran etwas hindert, so nur die Tatsache, dass in Stuttgart „alles auf Kante genäht ist“, wie es Scherz sagt. „Bauherren wollen übermorgen fertig sein, aber dann verzögern sich die Dinge, während andere Baustellen bereits mit den Füßen scharren.“
Wenn ein großes Bauprojekt ansteht, ist viel Geld im Spiel. „Wir erteilen nicht nur Stempel und Genehmigung, sondern sind durchaus gefordert“, sagt Peter Koch, der Sachgebietsleiter Baustellen, über dessen Schreibtisch die Anträge gehen. „Wir prüfen und fragen Anlieger“. Denn Nachbarn, denen ein Container vor die Haustür gestellt werden soll, sind davon so wenig begeistert wie Geschäfte, die – wie über Monate am Marktplatz – kaum mehr zu erreichen sind. Die meisten dieser Akteure können lautstark protestieren. Jene aber, die ebenfalls gravierend betroffen sein können, haben bei diesem Interessensabgleich keine hörbare Stimme: die Bevölkerung. Deshalb müssen Koch und Scherz als „Anwälte des öffentlichen Interesses“ das Wohl des Volkes im Blick haben – irgendwie.
Spricht man mit Susanne Scherz und Peter Koch, bekommt man den Eindruck, dass man hier tagtäglich sein Bestes gibt, um „alle Aspekte zu einem möglichen Optimum“ zu bringen. Man braucht sich nur vor dem Wagenburgtunnel das ausgetüftelte System anzuschauen, mit dem die Autokolonnen durch die Großbaustellen gelotst werden. Ob die irrwitzige Straßenführung, die Ampelschaltungen, Fahrstreifen für Abbieger und Busse verlässlich ineinandergreifen, das wird nachts überprüft. Ein Fehler würde am nächsten Tag zu riesigem Chaos führen.
„Das ist ein ambitionierter und echt spannender Job“, sagt Scherz, die sich sichtlich freut, wenn eine solch komplexe Aufgabe gut gelöst wurde. Auf die Situation am Calwer Eck etwa ist sie ein bisschen stolz. Eine „schöne Baustelle“ sei das gewesen, meint sie, was aber „unheimlich viel Kommunikation“ gekostet habe. „Aber wenn die Theo nicht funktioniert, liegen mindestens fünf Buslinien lahm“.
Und doch haben bei allem Bemühen oft jene das Nachsehen, die nicht in einem Fahrzeug sitzen. Es kommt vor, dass man als Fußgänger vor der Alten Staatsgalerie plötzlich nicht mehr zum Königin-Katharina-Stift kommt, weil die Fußgängerampel gesperrt wurde. Stattdessen wird kreuz und quer, rauf und runter geschickt, wer den Knotenpunkt per pedes überwinden muss.
Irgendwie kommt man immer weiter, die Frage ist allerdings, wie. Dabei berücksichtigen Susanne Scherz und Peter Koch durchaus, wie der Mensch gemeinhin tickt. Werden dessen Nerven allzu sehr strapaziert, ignoriert er gern mal rote Ampeln oder rennt sogar waghalsig über die drei, vier, fünf Spuren der B 27. Das gilt es zu verhindern.
Stuttgart mag eine Stadt sein, die reich an vielem ist, Platz ist allerdings auf dramatische Weise Mangelware. Die Quadratmeterpreise sind entsprechend horrend, während die Kosten für die Nutzung öffentlicher Flächen bei Baustellen moderat sind: Der Antrag kostet bis zu 760 Euro. Dazu kommen – wie bei Würstchenbude oder Werbeaufsteller – Kosten für die Sondernutzung öffentlicher Flächen. Die Fläche für Maschinen, Bauzäunen und Baumaterialien liegt pro Quadratmeter zwischen 10 und 17 Cent pro Tag. Der höchste Satz gilt in der Innenstadt, der niedrigste in den Außenbezirken.
Andere Städte haben Ringstraßen, in Stuttgart führen die großen Verkehrsachsen direkt durch die Stadt. Während die Bevölkerung oft notgedrungen raus zieht, beanspruchen Parlament, Verwaltung, Banken, Handel ihren Platz im Kessel, auch weil sie es sich leisten können. Der Handlungsspielraum bei dieser Enge ist gering. „Da merkt man Baustellen mehr“, sagt Susanne Scherz. Auch wenn man sein Bestes gibt, führt das hier lange noch nicht zu optimalen Ergebnissen.
Dabei bräuchte es manchmal keine zusätzlichen Zentimeter, sondern würden schlichte Markierung genügen. An die 250 000 Berufstätige und Reisende sind jeden Tag am Bahnhof unterwegs. Mehrere Zehntausende davon müssen die S-21-Baustelle umrunden – und jeden Tag führt das zu einem heillosen Durcheinander, weil auf der Umgehung an der Heilbronner Straße Reisende mit Koffern und Eltern mit Kindern, Radfahrer und E-Scooter-Fahrer unterwegs sind – jeder in seinem Tempo. Mit klaren Markierungen ließen sich die Ströme besser organisieren, Nerven schonen und die Lebensqualität der Bevölkerung ein klein wenig verbessern. In anderen Großstädten wird manchmal sogar zwischen schnellen und langsamen Fußgängern unterschieden.
Doch es ist ein schöner Traum, dass ein würdiger Volksvertreter in der Stadt unterwegs wäre und schaute, wo man Erleichterung oder mehr Sicherheit schaffen könnte. „Die Kontrolle ist ein schwieriges Feld“, sagt Susanne Scherz. Bei 2000 Baustellen ist es nicht annähernd möglich, jeden Meter Bauzaun nachzumessen. Polizei und Tiefbauamt haben einen Blick darauf wie auch das Team von Susanne Scherz. Schauen, ob sich eine Ampelschaltung doch noch optimieren ließe, ein Bauzaun verschieben oder ein Wegweiser ergänzen, das können sie nicht.
Aber es gibt sie, diese wachen Geister. Die Bevölkerung ist die wichtigste Kontrollinstanz. Bei Susanne Scherz trudeln „viele, viele, viele“ Beschwerden ein. Manche schreiben direkt an den Oberbürgermeister, anderen greifen zum Telefon – und so kamen 2022 mehr als 30 000 „Kundenkontakte“ zustande. Die Zahl wird weiter steigen. Da viele Straßen und Gebäude in den 1950er und 1960er Jahren gebaut wurden, rollt eine Sanierungswelle auf die Stadt zu. „Die Infrastruktur ist in die Jahre gekommen“, sagt Scherz, Ausbau von Glasfasernetz und Radverkehr, Energieversorgung, Nachverdichtung von Wohnraum – „egal, wie wir optimieren, haben wir sehr große Baumaßnahmen in der Stadt“.
Allzu zart besaitet dürfe man in ihrem Job nicht sein, sagt Susanne Scherz. Und vermutlich sollten sich die Stuttgarter von ihr eine Scheibe abschneiden und sich in Gelassenheit üben. Eines versprechen sie und Koch: Selbst wenn nicht immer ersichtlich sei, warum schon wieder Straßen oder Wege gesperrt seien: „Ohne Not sperren wir unser ohnehin dünnes Netz ganz sicher nicht.“