Bonn - Noch fünf Etappen bis Bonn. Ins neue Leben. Der Weg ins Zentrum der Macht ist schweißtreibend. Beate Gilles hat gerade die dritte Etappe ihrer Wanderung beendet. 27 Kilometer ist sie bei über 30 Grad gelaufen. Es ist Freitagabend. Sie sitzt im Schatten eines riesigen Nussbaums auf einer Hotelterrasse und checkt auf einem GPS-Gerät die Route von morgen. Auf dem Rhein– steig will sie von Rengsdorf nach Feldkirchen im Kreis Neuwied. Wir sind für diese Etappe zum gemeinsamen Wandern verabredet. Diesmal sind es nur 17 Kilometer. Runterkommen beim Wandern, nachdenken, Tagebuch schreiben, Tempo rausnehmen zwischen zwei Jobs – und Kraft schöpfen. Das ist die Form der Erdung, die Beate Gilles gerade lebt. Bis das Leben wieder im Turbotempo und mit 16-Stunden-Tagen weitergeht.
Sie ist auf dem Weg von ihrer Dezernentinnenstelle im Bistum Limburg ins Zentrum der Macht der katholischen Kirche. Am 1. Juli wird die 51-Jährige ihr Amt als Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn antreten. Am 23. Februar haben die Bischöfe sie bei ihrer Frühjahrstagung gewählt. Manche sagen ehrfurchtsvoll, nun sei sie in Deutschland die mächtigste Frau in der katholischen Kirche. Viele haben ihr zu dieser mutigen Entscheidung gratuliert. Irgendwo zwischen Tatendrang und Respekt vor der Aufgabe bewegt sich ihre Gemütslage wohl gerade, wenn sie sagt: „Ich bin eigentlich kein Draufgängertyp.“ Wohl aber eine Frau, die offenbar die Gabe hat, den richtigen Tonfall zu treffen. Klar in der Sache, aber immer zugewandt. Wenn Beate Gilles einen Verbesserungsvorschlag macht und davon erzählt, dann sagt sie diplomatisch: „Ich habe meine Expertise zur Verfügung gestellt.“ Und freut sich still, dass die gehört wird.
Das Amt erfordert viel Diplomatie
Künftig wird sie wohl noch mehr Fingerspitzengefühl, Diplomatie und und auch Erdung brauchen. Denn es gab schon weniger aufregende Zeiten, diesen Job anzutreten. Nach der großen MHG-Studie zum Missbrauch durch Priester der katholischen Kirche aus dem Jahr 2010 ist keine Ruhe mehr eingekehrt bei den deutschen Katholikinnen und Katholiken. Die Gläubigen wenden der Kirche in Scharen den Rücken zu. Im Erzbistum Köln hält Rainer Maria Woelki an seinem Amt als Bischof fest, während sein Münchner Amtskollege Reinhard Marx sagt, die Kirche sei an einem toten Punkt angekommen und seinen Rücktritt angeboten hat – und bleiben muss.
Viele werden also genau hinschauen, wie Beate Gilles bei der Bischofskonferenz mit ihren 68 Mitgliedern und den 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Geschäfte führt. Zum ersten Mal übernimmt kein Priester, sondern eine Laientheologin. Nach 28 Jahren im Amt ist ihr Vorgänger, der Pater Hans Langendörfer, in den Ruhestand gegangen. Manche mutmaßten, als sie die Stellenausschreibung lasen, ihm könne eine Frau folgen, und deuteten das als Signal des Wunsches nach Erneuerung. Erstmals gab es eine Findungskommission und eine Headhunteragentur. Engagierte Frauenverbände erstellten Vorschlagslisten für den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, den Limburger Bischof Georg Bätzing. Er hat das Vorschlagsrecht bei der Wahl.
Sie wandert zu ihrer neuen Arbeitsstelle
Nun ist es so gekommen, wie es sich besonders die Frauen erhofft haben. Die Erwartungen derer, die auf Veränderung ihrer Kirche setzen, sind deshalb riesig. „Wir müssen als Kirche Brücke bauen“, sagt Gilles, während sie einen schmalen Pfad entlangläuft. Kirche müsse für die Menschen plausibel sein, sich immer wieder erklären. Im Kern gehe es darum, „wie man ein System mit allen seinen Macken zukunftsfähig mache. Da kommt es ihr wohl zupass, dass mit Georg Bätzing ihr alter Chef auch ihr neuer ist und für ebendiese Erneuerung eintritt.
Wer ist diese Frau, die in der Gluthitze gut gelaunt mit einem zehn Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken den Rhein entlangläuft? Sie spricht mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Tiefe über den Theologen Karl Rahner, die „Carolin Kebekus Show“, ihre Großmutter und deren Schokoladenkuchenrezept. Rahner habe schon in den 1970er Jahren formuliert, welche Erneuerung seine Kirche brauche. Die Comedy-Frau treffe einen wunden Punkt in ihrer Kirchenkritik. Und die Großmutter, die sei als erste Frau in den 1950er Jahren in den Gemeinderat ihrer Heimatgemeinde gewählt worden, erklärt sie, während sie ein Stückchen Schokoladenkuchen aus einer Tupperbox bei einer Rast anbietet. Thematisch breit aufgestellt ist sie also.
„Wir haben schon genug Jungs“
Dabei ist sie selbst als Mädchen oder Frau gegen Wände gelaufen in ihrer Kirche. Klar ist sie das. Sie war gerade in Baumberg, einem Rheinstädtchen zwischen Köln und Düsseldorf, zur Erstkommunion gegangen und wollte im Gottesdienst mitmachen. Sie fragte den Priester, ob sie Messdienerin werden könne. „Da haben wir schon genug Jungs für“, antwortete der Mann. Das Kind verstand: Für Mädchen hat man hier keine Verwendung. Mehr Erklärung gab’s nicht. Aber für die neunjährige Beate war das auch nicht die Form von Zurückweisung, die sie hätte bremsen können. Es gab ja noch die katholischen Jugendarbeit. Dazu gehörte auch, Jugendmessen und die Kar- und Ostertage vorzubereiten. „Das hat mich geprägt. Ich fand das spannend – auch inhaltlich.“ Es war eine Pastoralreferentin, die Gilles letztlich motiviert hat, Religionslehre zu studieren. Noch heute ist dieser Frau ihr eine wichtige Ratgeberin.
Gilles promovierte in Liturgiewissenschaften. Ihre Promotionsschrift ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass ihr die Vermittlung kirchlicher Selbstverständlichkeiten bereits damals ein Anliegen war. Sie beschäftigte sich mit der Übertragung von Gottesdiensten im Fernsehen. Also damit, wie kirchliche Rituale in kirchenfernem Kontext wirken.
Als sie sich dann 2000 in Norddeutschland auf ihre erste Stelle als Bildungsreferentin bewarb, hatte sie noch einmal ein Erlebnis wie damals als Kommunionkind. Ein Pater fragte sie ohne Argwohn, wie sie in Liturgiewissenschaften und über Gottesdienste promovieren könne, „wenn Sie das doch als Frau nie machen können“. Beate Gilles’ Sicht auf ihr Tun war eine andere, als sie entgegenhielt: „Aber ich feiere doch ständig Gottesdienst.“ Aus dem Job wurde nichts.
Vielleicht ist doch mehr möglich
Aber wenig später wurde Gilles dann Leiterin des Katholischen Bildungswerks in Stuttgart. Sie blieb zehn Jahre, hinterließ ein gut bestelltes Haus und zog dann 2010 weiter ins Bistum Limburg als Dezernentin für Kinder, Jugend und Familie. Schon damals wanderte sie zu ihrer neuen Arbeitstelle, einem Amt mit Gestaltungsspielraum und Personalverantwortung für 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
All die Stationen in ihrem Lebenslauf versteht sie nicht als Kompromiss oder als Kompensation der Unmöglichkeit, Priesterin zu werden. „Das war für mich kein Schmerzpunkt.“ In Limburg war in ihrer Anfangszeit Franz-Peter Tebartz-van Elst Bischof. Die Öffentlichkeit schaute auf die Verschwendungssucht von Deutschlands jüngsten Bischof. Beate Gilles machte ihre Arbeit. 2013 entband Papst Franziskus Tebartz-van Elst von seinem Amt. 2016 wurde Georg Bätzing neuer Bischof im Bistum Limburg. Beate Gilles machte weiter ihre Arbeit und leitete dabei die eine oder andere Einzelfallentscheidung in die Wege. Etwa die, dass eine Mitarbeiterin weiter im Bistum arbeiten kann, obwohl sie eine Frau geheiratet hat. Vielleicht ist ja doch mehr möglich unter dem Dach der katholischen Kirche. Wer weiß. Bei der Hochzeit war Beate Gilles dabei.
Noch letztes Jahr war sie sich sicher, dass alles noch eine ganze Weile weitergehen würde, in Limburg. Das hat sich spätestens dann als Irrtum erwiesen, als der Anruf kam und sie gefragt wurde, ob sie nach Bonn kommen wolle. Nicht sie hat das Amt gesucht, das Amt hat offenbar eine Frau wie sie gesucht. Eine mit guter Kondition. Nicht nur beim Wandern. Es gehe nicht darum, ins Ziel zu gehen, sagt sie am Ende unserer Wanderung. Es gehe darum anzukommen.