Macho, echter Kerl, Frauenheld. Das sind die Rollen, auf die Misel Maticevic abonniert ist, und auch privat verkörpert er nicht gerade das Gegenteil: auch wenn er gerne bäckt. Unser Autor Patrick Heidmann hat den Schauspieler in Berlin getroffen.

Stuttgart - Selbst wer Misel Maticevicć noch nie auf dem Bildschirm oder der Leinwand gesehen hat, hat schnell ein Bild von ihm vor Augen, wenn er den Namen in eine Suchmaschine eingibt. Die Beschreibungen des Berliners, die das Internet ausspuckt, gehen zumindest alle in eine ähnliche Richtung: Macho, echter Kerl, Frauenheld. Selbst animalische Vergleiche werden da gerne gezogen, und sei es auch nur in der Bezeichnung Arbeitstier.

 

Wer Maticevicć aus seiner Arbeit kennt, hat womöglich ein ganz ähnliches Bild im Kopf. Denn es scheint, als würden Regisseure in dem 44-Jährigen die gleichen Qualitäten sehen wie Journalisten. Ob im „Tatort“ oder bei „Alarm für Cobra 11“, ob als Hauptkommissar Zorn in der im Frühjahr begonnenen, gleichnamigen Krimireihe oder der gerade fertig gestellten Miniserie „Schuld“ nach Ferdinand von Schirach – immer wieder sind seine Figuren betont körperlich, zupackend oder markant. Richtig männliche Typen eben, nicht selten undurchschaubar, verdächtig und zumindest in moralischen Grauzonen unterwegs.

Zum Interview mit dem Schauspieler, der Mitte der neunziger Jahre in Babelsberg an der Konrad-Wolf-Hochschule für Film und Fernsehen studierte, kommt man also mit gewissen Erwartungen. Doch siehe da: in der Bar Lebensstern, oberhalb des legendären Café Einstein, sitzt einem weder ein Tier von Mann gegenüber, vor dessen Händedruck man sich fürchten müsste, noch ein wortkarges Raubein. Sondern ein bestens gelaunter Kerl in Plauderlaune und weißem Feinripp-T-Shirt über den Muskeln, der mehrmals höflich nachfragt, ob es auch wirklich nicht stört, wenn er während des Gesprächs raucht.

Der neue Film ist ein waschechter Thriller

Maticevic’ gute Stimmung hat einen Grund, und der heißt „Wir waren Könige“. Das Debüt des jungen Regisseurs Philipp Leinemann ist – wie der Hauptdarsteller mit Nachdruck betont – kein Krimi, sondern ein waschechter Thriller und läuft seit dem 27. November im Kino. „Das Drehbuch war einfach so dicht, so spannend, dass mich das umgehauen hat. Ein Juwel, wie man es nicht alle Tage findet“, schwärmt er über den Film, in dem er an der Seite von Ronald Zehrfeld den Leiter eines SEK-Teams spielt. „Und an meiner Figur interessierte mich die Ambivalenz, die in ihr steckt. Ich bin gespannt, ob und wie das Publikum da mitgeht, wenn die eine oder andere Grenze überschritten wird.“

Tatsächlich ist dieser Mendes eine Rolle, die man als typisch für Maticevicć bezeichnen könnte. Loyalität und Verantwortungsbewusstsein zeichnen die Figur in dieser Geschichte um Ehre und Zusammenhalt in verschiedenen Männerbünden aus. Zumindest, bis ihm oder seinen Jungs Gefahr droht. „Dann beißt er um sich wie ein tollwütiger Hund“, bringt der Schauspieler das Animalische selbst ins Spiel „und lässt eine Aggression heraus, bei der Freundschaft und Loyalität in den Hintergrund treten.“

Seine Rolle als Zuhälter verschaffte ihm den Durchbruch

Es war Dominik Graf, der klar gesehen hat, dass der Sohn kroatischer Eltern wie gemacht ist, um Männer zwischen Brutalität und Verletzlichkeit zu spielen, in Milieus, in denen das Testosteron schwer in der Luft hängt. Graf verhalf ihm 2002 als Zuhälter in „Hotte im Paradies“ zum Durchbruch. Fortan war Maticevicć erste Wahl, wann immer sich deutsche Regisseure ins Zwielicht begaben. Doch seine besten Rollen spielt er fast immer für Graf, ob in der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ oder im Tatort „Aus der Tiefe der Zeit“.

Männerfreundschaften, Banden-Ethos, Ehrenkodex – der Berliner ist auch privat mit solchen Themen vertraut, ist er doch im verrufenen Arbeiter-Stadtteil Gropiusstadt aufgewachsen. „In einer Bande war ich selbst nie, aber natürlich kenne ich das“, betont er im Gespräch, während passend dazu sein Berliner Dialekt plötzlich immer deutlicher hörbar wird. „Und vielleicht hat das außer mit dem Stadtteil auch mit Prägung zu tun, als Gastarbeiterkind.“ Sein bester Freund von damals, ein Türke, ist das auch heute noch. Und überhaupt staunt man, wie viele Sätze Maticevicć sagt, die wohl auch die meisten der von ihm gespielten Figuren unterschreiben würden: „Was für mich unter Männern wichtig ist, ist tatsächlich die Loyalität unter Freunden. Beieinanderstehen und sich den Rücken decken. Und die Frage, die eben auch unser Film stellt, ist: Wie weit kann man gehen, bevor die Freundschaft bricht? Bei mir kommt das an einem Punkt, an dem ich mich verraten fühle. Da kann es dann schon vorkommen, dass ich eiskalt werde und diese Person aus meinem Leben schließe.“

Für ihn spricht nichts dagegen, ein Mann zu sein

Dass er mit solchen Aussagen womöglich sein Macho-Image nur noch weiter zementiert, stört Maticevic, der acht Jahre lang mit seiner Kollegin Miranda Leonhardt liiert war und aktuell Single ist, nicht: „Ich kann mit solchem Schubladendenken so gar nichts anfangen. Schon allein weil ja gar nicht alle meine Rollen diesem Muster entsprechen. Das Image kommt von außen, wahrscheinlich auch, weil ich eben nicht aussehe wie der Schwiegersohn-Typ. Macho ist ja letztlich meistens nur eine andere Beschreibung für Mann – und für mich spricht nichts dagegen, ein Mann zu sein. Es ist in solchen Fällen nur sehr oberflächlich und von außen betrachtet.“

Tatsächlich braucht es nur eine so beeindruckend intensive Darstellung wie in „Wir waren Könige“, um als Zuschauer wieder zu vergessen, dass der Grimme-Preisträger außer Gangstern auch Clemens Brentano verkörperte (in Grafs „Das Gelübde“) und in „Effi Briest“ ebenso mit von der Partie war wie in Caroline Links „Im Winter ein Jahr“. Oder eben markige Zitate wie dieses „Den Geruch einer Frau kann nichts übertreffen“, über das man bei der Online-Recherche als Erstes gestolpert war. Darauf nochmals angesprochen muss Maticevicć herzlich lachen. Künftig werde er nur noch zu Protokoll geben, dass er gerne backt. Das sei genauso wahr. Und während er sich diesen Scherz erlaubt, ertappt man sich bei dem Gedanken: wenn jemand das Backen auf der Leinwand zu einer eindringlichen Erfahrung machen könnte, dann er.