Begegnungen in Stuttgart Kaffeetrinken auf dem Friedhof

Eine Grünfläche in der Nachbarschaft zur Feierhalle des Pragfriedhofs: Hier trifft sich das Café Kränzchen. Foto: Bürgerstiftung Stuttgart

In Stuttgart hat ein Café der etwas anderen Art eröffnet – mitten auf dem Pragfriedhof. Das Café Kränzchen der Bürgerstiftung ist ein Ort der Begegnung und hoffnungsvoll gestartet.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Ein Café auf dem Friedhof? Geht das? Und wie das geht! Seit Mai öffnet auf dem Pragfriedhof einmal in der Woche das Café Kränzchen – außer bei Regen und an Feiertagen. Immer am Donnerstagnachmittag von 14.30 bis 17 Uhr.

 

Das Café besteht aus einigen Tischen und Stühlen, die einmal pro Woche aus einem Schuppen hervorgeholt und aufgebaut werden. Es besteht außerdem aus einer Gruppe Frauen, die sich ehrenamtlich engagieren. Aus einem Bollerwagen für das Geschirr. Aus selbst gebackenem Kuchen – und aus viel Herz. Eingeladen ist jeder, dem der Sinn nach Begegnung steht oder der einfach nur da sitzen und Kaffee trinken will. Eine Anlaufstelle, die an einer Vorbeilaufstelle liegt, dem viel genutzten Weg, der die Heilbronner Straße mit der Nordbahnhofstraße verbindet und über den Friedhof führt.

Unkompliziert, unaufdringlich, unaufgeregt

Leute jeden Alters nehmen hier für ein halbes Stündchen oder auch länger Platz – von der Mutter mit Kleinkind bis zum Schlosser, der gerade von der Baustelle kommt. Meist sind es um die 20 Leute. Oft auch Ältere, die ein Bedürfnis nach Austausch haben. Die älteste Besucherin ist 97.

Da sitzen sie dann in der Nachbarschaft zur Jugendstil-Feierhalle, trinken Kaffee aus Porzellangeschirr, plaudern oder schweigen und beleben auf diese Weise einen Ort, an dem die Endlichkeit ein großes Thema ist.

Die Idee zum Café Kränzchen stammt von Katja Simon, Projektleiterin bei der Bürgerstiftung. Sie hat etwas Ähnliches in Fürth gesehen und schlug vor, das auch in Stuttgart auszuprobieren. Nach dem Motto: alles möglichst unkompliziert, unaufdringlich und unaufgeregt. Katja Simon ist eine Frau „mit Campingerfahrung“. „Das hilft“, sagt sie schmunzelnd, während sie selbst gebackene Flachswinkel anbietet. Einmal kam ein Musikschüler vorbei. Sie bat ihn, seine Geige auszupacken und für das Café Kränzchen zu spielen. Das hat er gemacht.

Katja Simon hat viel Erfahrung in der Trauerbegleitung. Auch das hilft. Den Leuten zuhören, ihnen Wohlwollen entgegenbringen, den Gesprächsfaden aufgreifen, wenn er einem angeboten wird.

Nach zehn Café-Kränzchen-Runden mit vielen positiven Erlebnissen und Begegnungen sah die Bürgerstiftung jetzt den Zeitpunkt für die offizielle Eröffnung ihres Donnerstagnachmittag-Cafés gekommen. Mit dabei auch die Vertreter der beiden angrenzenden Kirchengemeinden: der evangelischen Nordgemeinde und der Katholischen Kirchengemeinde St. Georg. Die dortige Gemeindereferentin Christine Göttler-Kienzle und Martin Pomplun von der evangelischen Martinskirche sind Teil des Teams, helfen mit Rat und Tat und ihrer Infrastruktur. Im Café Kränzchen sehen sie auch ein ökumenisches Projekt, betonen jedoch, dass es hier um Begegnung und nicht um klassische Seelsorge geht. „Das ist kein therapeutisches Setting“, sagt Göttler-Kienzle. Wenn sich Menschen hier näher kommen, tut das auch so der Seele gut.

Darf man auf einem Friedhof Kaffeetrinken?

Aber darf man das überhaupt: Den Friedhof als grüne Oase betrachten und dorthin zum Kaffeetrinken einladen? Ist das nicht . . . pietätlos? Das zuständige Garten-, Friedhofs- und Forstamt hat damit kein Problem. Es sieht in dem Café eine „Bereicherung der Friedhofskultur“. Das empfinden auch Katja Simon von der Bürgerstiftung und die beiden Kirchenvertreter so: „Friedhöfe sind ein Ort auch für die Lebenden“, sagt Martin Pomplun. Ein Ort für Leute, die Ansprache suchen, für Frauen, die dorthin gehen „um ihren verstorbenen Mann zu gießen“ – ein schwäbischer Ausdruck, der Katja Simon mehrfach begegnet ist – und die anschließend gerne von ihm erzählen. Im Café Kränzchen ist Gelegenheit dazu.

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