Beginn der Krankenpflege Schwester, übernehmen Sie!

Ganz ernst ging es auch bei der Ausbildung in der Diakonie Kaiserswerth nicht immer zu, wie diese undatierte Aufnahme zeigt. Foto: Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth

Keine Klinik kommt ohne sie aus: die Krankenpflegerin. Dennoch haben sie es nie geschafft, mit den Ärzten auf Augenhöhe zu kommen. Eine Medizinhistorikerin hat nach den Gründen geforscht.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Mannheim/Düsseldorf - Lüften! So lautet die erste Regel, wenn es um die Gesundheit eines Menschen schlecht bestellt ist. „Reine Luft in Krankenzimmern“, so schrieb 1784 Franz Anton Mai, Medizinprofessor und Hebammenlehrer an der Universität Heidelberg, „trägt sehr vieles zur Genesung bei.“ Und dem Kranken nicht zu viel auftischen: Besser ist es, ihn fasten zu lassen, „sonst verderbet er jenes, was die Arzneimittel gut machen sollen“. Ferner sollte das Bettzeug stets gewechselt und der Patient täglich gewaschen werden: „Viele Kranke leiden durch die Vernachlässigung dieser Obsorge, öfters wird die Krankheit dadurch verschlimmert.“

 

Diese Regeln musste sich jeder aneignen, der die Pflegeschule des Mediziners Mai in Mannheim abschließen wollte – die erste deutsche Krankenpflegeschule überhaupt. Mai war überzeugt: Eine schlechte Pflege ist ein Hindernis für eine rasche Genesung oder gar Todesursache des Patienten.

Um 1800 gleicht die medizinische Versorgung einem Jahrmarkt

Der Pflegenotstand war schon vor 240 Jahren Thema. Damals war es üblich, Dienstpersonal einzustellen, das Essen austeilte oder Kranke transportierte. Krankenwärter lautete ihre Berufsbezeichnung. Mai hingegen hielt es für unabdingbar, gut ausgebildete und bezahlte Arbeitskräfte einzusetzen, die „mit allen ihren fünf Sinnen Schildwache am Krankenbett des Kranken zu stehen haben“, wie er in seinem Lehrbuch „Unterricht für Krankenwärter zum Gebrauch öffentlicher Vorlesungen“ schrieb.

Die medizinische Unterweisung von Pflegepersonal war ein fast revolutionärer Vorstoß. Denn die Behandlung von Kranken war ein schwer umkämpfter Arbeitsbereich. „Um 1800 glich die medizinische Versorgung noch einem bunten Jahrmarkt“, sagt Karen Nolte, Professorin am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Neben studierten Ärzten gab es Wundärzte, Hebammen, Bader, Barbiere und Feldschere, die ihren Beruf wie ein Handwerk erlernt hatten. „Die Ärzte, die an Universitäten studiert hatten, waren in ihrer Berufsposition noch nicht so weit etabliert.“ Um keine weitere Konkurrenz aufkommen zu lassen, bildeten sie daher lieber selbst Krankenpfleger aus.

Anfangs kommen die Krankenschwestern meist aus Ordensgemeinschaften

Wobei es immer mehr Krankenschwestern wurden: Nach den Recherchen der Pflegewissenschaftlerin Irene Messner waren bis dato vor allem Männer in Pflegeberufen tätig. Doch im 19. Jahrhundert überstieg die Zahl der Frauen die der männlichen Kräfte, schreibt sie in dem Buch „Die Geschichte der Krankenpflege“, erschienen im Facultas Verlag. Denn die Ärzte rekrutierten Schwestern in christlichen Ordensgemeinschaften für die Dienste. „Zum einen sahen die Schwestern die Pflege der Kranken als Dienst an ihrem Nächsten“, sagt Nolte. Sie akzeptierten daher die schlechte Bezahlung, und es lag ihnen fern, mit den Ärzten zu konkurrieren. „Sie sahen die Krankenpflege als Möglichkeit, sich um die Seele der Patienten zu kümmern und sie zu Gott zu bekehren.“

So betonte der evangelische Pfarrer Theodor Fliedner, Gründer der ersten Ausbildungsstätte für Diakonissen im heutigen Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth, in seinem Unterrichtsmanuskript „Medicinischer Cursus“: „Da schon die Hilfe des Arztes ihre Gränze gefunden, da ist die Liebe der Pflegerin noch unverändert thätig, ihrem Kranken mit sorgender Hand und mildem Sinne in der Stunde des Kampfes und der Auflösung beizustehen, ihm Erleichterung und Trost zu bringen.“ Dies führte zuweilen zu Konflikten mit den Ärzten, die es vorzogen, Sterbende nicht über ihre schlechte Prognose aufzuklären, damit diese keine „Gemütserschütterung“ erlitten, so Nolte.

Die später berühmt gewordene Florence Nightingale lernt in Kaiserswerth

Auf Händchenhalten von Todkranken beschränkte sich die Pflege der Diakonissen nicht. Gerade in Kaiserswerth gelang die Ausbildung vorbildlich: Die Lehrbücher zweier Ärzte, die an der Berliner Charité arbeiteten, bildeten die Grundlage des „Medicinischen Cursus“ für die Diakonissen. „Letztlich wurden sie sogar so gut ausgebildet, dass sie kleinere Eingriffe oder damals typische therapeutische Behandlungen wie etwa das blutige Schröpfen, das Setzen von Blutegeln oder das künstliche Offenhalten einer eiternden Wunde oder eines Geschwürs, selbst ausführen konnten“, so Nolte.

Die Schwestern machten von ihrem Erlernten oft Gebrauch: So berichtet eine Schwester Mathilde 1851 aus der Gemeindepflege in Kleve: „In der Gemeinde sind einige wieder genesen, andere wieder erkrankt, und meist an Lungenentzündung. Ich habe viel zu schröpfen und Blutegel zu setzen.“ Sogar die später durch ihre Kriegskrankenpflege bekannt gewordene Florence Nightingale besuchte in jungen Jahren die Schwestern in Kaiserswerth, um von ihnen zu lernen.

Idealismus der Krankenschwestern wird ausgenutzt

Sie waren sich ihres Könnens bewusst, die Krankenschwestern. Das wurde auch von den Ärzten anerkannt: So finden sich in den Handbüchern nach Beschreibungen von kleineren medizinischen Handgriffen oft Sätze wie „Auch diese kleine Operation ist Sache des Chirurgen, dürfte aber demnach der weiblichen Krankenpflege ausnahmsweise erlaubt seyn.“ Später übernahmen die Schwestern auch die Einleitung und Überwachung von Narkosen – „auch wenn die Schwestern diesem Bereich anfänglich mit Skepsis gegenüberstanden“, so Nolte.

Doch die Entwicklung der hoch qualifizierten Krankenschwester förderte zugleich das Grundproblem. „Pflege als Dienst im Sinne der christlichen Nächstenliebe, für den man nichts bezahlen muss – diese Denkstruktur hat sich seitdem verfestigt“, sagt Nolte. Zwar gab es Ende des 19. Jahrhunderts auch Krankenpflegerinnen, die freiberuflich arbeiteten – „doch sie waren nicht abgesichert und in einem Abhängigkeitsverhältnis von einem Arzt, der ihnen ihre Pflegestellen vermittelte“. Auch fehlte es an geeigneten Ausbildungsstätten. Erst die ehemalige Rotkreuzschwester Agnes Karll gründete 1903 die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands.

Deutschland hinkt hinterher, Skandinavien und England gehen voran

Bis heute, so klagt Karen Nolte, wird Pflege gern als weibliche Begabung dargestellt, für die es keine Ausbildung braucht. In England oder Skandinavien gilt die Pflege als eigenständige Profession auf Augenhöhe mit der Medizin. „In Deutschland, wohingegen die Pflege ein Ausbildungsberuf ist und noch kein akademisches Studium vonnöten ist, wird das noch dauern.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Medizin Krankenschwester