Behinderte missbraucht Dorfgemeinschaft stockt Personal auf

Schwer erschüttert wurde die anthroposophische Dorfgemeinschaft Tennental bei Deckenpfronn im Jahr 2020 durch einen Heilerziehungspfleger, der sich selbst angezeigt hat. Fast 15 Jahre lang hatte er sich an behinderten Mädchen vergriffen. Foto: Stefanie Schlecht/ 

Die juristischen Verfahren wegen des sexuellen Missbrauchs von Frauen mit Handicap in der Dorfgemeinschaft Tennental sind teils abgeschlossen, die wissenschaftliche Aufarbeitung läuft noch – und hat Konsequenzen.

Nicht nur Strafverfolgungsbehörden befassen sich mit den 2020 bekanntgewordenen sexuellen Übergriffen bis hin zur Vergewaltigung von Bewohnerinnen im Tennental, auch die Dorfgemeinschaft ist aktiv geworden. Sie hat einen Expertenbeirat zur wissenschaftlichen Aufarbeitung eingerichtet. Der hat nun einen 125-seitigen Zwischenbericht vorgelegt.

 

Ihm gehören der Vorsitzende Peter Groß, Professor für Inclusive Education an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, Elke Heger als Juristin und Angehörigenvertreterin, Marion Quellmalz-Zeeb als Fachfrau zum Thema sexualisierte Gewalt von der Böblinger Beratungsstelle Thamar und Matthias Hacker als geschäftsführender Vorstand und damit als Vertreter der Einrichtung an.

„Transparent, klar und offen“

„Transparent, klar und offen“ mit der Angelegenheit umzugehen und es nicht bei der juristischen Ebene zu belassen, sei ihr Anspruch gewesen, so Hacker bei der Präsentation des Berichts am Montagnachmittag. Diesem „proaktiven“ Vorgehen, das „nicht selbstverständlich“ sei, zollte Peter Groß seinen Respekt.

Anschließend rief er den Zuhörerinnen und Zuhörern

, die sowohl vor Ort als auch digital dabei waren, zuerst die bisherigen Ergebnisse der strafrechtlichen Aufarbeitung ins Gedächtnis: Der heute 32-Jährige, der sich selbst angezeigt hatte, wurde im Juli 2021 zu vier Jahren Haft verurteilt und auf unbefristete Zeit in einem forensischen Krankenhaus untergebracht. Sein Vater war zeitweise Vorstandsmitglied im Tennental und leitete mit seiner Lebensgefährtin eine Hausgruppe. Beide wurden in einem eigenen Verfahren wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch durch Unterlassen verurteilt. Zwei weitere Verfahren, unter anderem wegen Vergewaltigung, seien noch nicht abgeschlossen, berichtete Groß.

Gefragt: die Innenperspektive von Betroffenen und Angehörigen

Dies hat Auswirkungen auf die wissenschaftliche Aufarbeitung: Erst wenn die strafrechtlichen Verfahren abgeschlossen seien, könne die Innenperspektive von Betroffenen und Angehörigen untersucht werden. Vorher ist das aus seiner Sicht ein „No-Go“. Durchgeführt wurden dagegen eine Institutionsanalyse, eine Befragung der Mitarbeitenden, eine Selbstevaluation der Gewaltprävention, die wiederum durch eine externe Expertin im Bereich sexualisierte Gewalt gewürdigt und laut Groß für „ordentlich“ befunden wurde. Vergeben wurden die Themen in fünf einzelnen Paketen, nachdem für das Gesamtpaket kein Aufarbeitungsteam gefunden werden konnte.

Verstrickungen und Doppelrollen

Grundsätzlich seien die Vorfälle im Tennental keine Einzelfälle, ordnete Groß den aktuellen Forschungsstand ein. Laut Studien hätten mehr als ein Viertel aller in Einrichtungen lebenden Frauen mit Assistenzbedarf sexualisierte Gewalt erfahren. Bei den damaligen institutionellen Machtverhältnissen im Tennental hätten sich jedoch „einige Verstrickungen und Doppelrollen“ gezeigt – auch beim Vater des Täters. Durch diese unzureichende Führungsstruktur konnten Täter und Mitwisser durch ihr Amt und ihre Position relativ ungestört agieren. Die Dorfgemeinschaft komme daher nicht umhin, „sich mit der eigenen strukturellen Machtfülle kritisch auseinanderzusetzen“. Die Mitarbeitenden gaben laut Groß zudem an, zur bestehenden Gewaltpräventionsstelle ein ambivalentes Verhältnis zu haben. Außerdem werde ein sexualpädagogisches Konzept vermisst.

Gewaltpräventionsstelle mit neuem Personal

Folgende Empfehlungen leiten sich aus dem Zwischenbericht ab: Kurzfristig soll die bereits bestehende Gewaltpräventionsstelle ausgebaut werden. Sie soll in Zukunft sichtbarer sein und angemessen ausgestattet werden – auch mit einem entsprechenden Budget. Außerdem soll ein sexualpädagogisches Konzept mit den Menschen mit Assistenzbedarf und den Mitarbeitenden ausgearbeitet werden. Mittel- und langfristig müsse außerdem die Grundkonzeption im Tennental hinterfragt werden und organisationale Prozesse angestoßen werden. Das Ziel: die sozialen Abhängigkeiten von Menschen mit Assistenzbedarf abbauen. In diesem Punkt gehe es „für meine Begriffe um Deinstitutionalisierung“, führte Peter Groß aus.

Matthias Hacker entschuldigte sich erneut für die Versäumnisse der Vergangenheit. In den Empfehlungen sieht er „eine wichtige Grundlage für die konzeptionelle Weiterentwicklung“. Erste Schritte seien bereits gemacht: Die Gewaltpräventionsstelle wurde neu besetzt und der Stellenumfang erhöht. In Zusammenarbeit mit Thamar soll ein Schutzkonzept erarbeitet werden. Das Grundkonzept infrage zu stellen brauche „viel Mut“, aber dennoch sei er „festen Willens, das strukturiert anzugehen“, so Hacker.

Dorfgemeinschaft Tennental

Gründung
Die anthroposophische Dorfgemeinschaft Tennental für Menschen mit Assistenzbedarf entstand Anfang der 1990er Jahre als Dependance der Dorfgemeinschaft Lautenbach am Bodensee und wuchs stetig – bis heute.

Platz für 250 Menschen
Dorfladen und Bistro, Arztpraxis und Kindergarten, Therapieangebote und vielfältige Veranstaltungen locken regelmäßig viele Menschen ins Tennental. Heute leben und arbeiten dort rund 250 Menschen. Es gibt derzeit 15 unterschiedlich große und verschiedene strukturierte sozialtherapeutische Wohngruppen, sowohl im vollstationären als auch im ambulant betreuten Bereich.

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