Beinahe-Entführung in Böblingen Vom Suchen und Finden der Wahrheit
Die Beinahe-Entführung eines Zehnjährigen treibt bizarre Blüten. Vor allem die sozialen Medien als digitale Gerüchteküche spielen darin eine unrühmliche Rolle.
Die Beinahe-Entführung eines Zehnjährigen treibt bizarre Blüten. Vor allem die sozialen Medien als digitale Gerüchteküche spielen darin eine unrühmliche Rolle.
Ein Zehnjähriger wird am vergangenen Mittwochmorgen auf dem Schulweg von einem unbekannten Mann in einen Transporter gezerrt. Es ist die Horrorvorstellung aller Eltern und man mag sich nicht ausmalen, was gewesen wäre, wenn der 51-Jährige sein Ansinnen hätte vollenden können. Dass der Mitarbeiter des benachbarten Mietlagers und die Bauarbeiter vor Ort so schnell und beherzt eingriffen, bewahrte den Jungen wohl vor Schlimmerem, wenngleich schon dieser Vorfall schlimm genug für das Kind und seine Familie sein muss. Dennoch: Die Geistesgegenwart der Helfer kann nicht hoch genug geschätzt werden.
Mit diesem beispiellosen Akt der Zivilcourage haben sie allen voran dem zehnjährigen Jungen, seiner Familie und der Gesellschaft einen großen Dienst erwiesen. Und der Polizei, die einen mutmaßlichen Täter dingfest machen und aus dem Verkehr ziehen konnte. All das schlug enorme Wellen: Die böse Tat der versuchten Entführung und die gute Tat der geglückten Rettung. Doch leider war die Gefahr damit nicht gebannt.
Denn was sich nach der verhinderten Tat ereignete, ist gleichzeitig ein Lehrstück darüber, wie sich heutzutage Nachrichten verbreiten oder eben nicht verbreiten. Denn kaum war die Meldung über die geglückte Rettung des Kindes in der Welt, begann die Gerüchteküche zu brodeln. Ein weiteres Kind sei an der Rettung beteiligt gewesen, der Bauarbeiter hätte den mutmaßlichen Entführer geschlagen und der – bereits wieder auf freiem Fuß – hätte sogar Anzeige wegen Körperverletzung erstattet. Seien Sie gewiss: Nichts davon ist wahr.
Weder der Bauarbeiter Zeki Yasik, noch der Mitarbeiter des Mietlagers, die den 51-Jährigen stoppten, verletzten ihn. Sie verhinderten seine Flucht, sie schrien ihn grob an, doch sie wollten dabei vor allem eines: den Jungen befreien. Was ihnen Gott sei dank gelang. Und zur Wahrheit gehört auch, dass der Junge mit zwei Schulfreunden unterwegs war. Beide wurden Zeugen der versuchten Verschleppung, einer von ihnen eilte mit dem Fahrrad weiter zur Schule, um Hilfe zu holen, während der Mietlager-Mitarbeiter die Polizei rief. Diese war in Windeseile vor Ort, so seine Erinnerung.
Im Nachhinein und mit dem Abstand von zwei Tagen klärt sich auch die Geschichte mit dem Bagger auf, mit dem der zweite Arbeiter Dusko Vukobrat nach eigenen Aussagen die Flucht vereitelt haben wollte. Er war nicht mit dem tonnenschweren Gerät binnen Sekunden zur Stelle, um den VW-Bus an der Flucht zu hindern. Er rangierte den Bagger erst vor den Bus, als die Polizei schon vor Ort war. Doch diese Unschärfe hin oder her: Die Zivilcourage war mustergültig.
Weniger vorbildlich war manch medialer Umgang damit. Ein deutschlandweit bekanntes Boulevard-Medium entlockte den Bauarbeitern ein Handybild von der Verhaftung, auf dem der Täter zu sehen ist. Die zugehörige Schlagzeile kommt einer Vorverurteilung gleich. Ein deutschlandweit bekannter Privatfernsehsender versuchte unter einem Vorwand, an den Mitarbeiter des Mietlagers heranzukommen – unseriös. In den sozialen Medien wucherte das Ganze sogar so weit, dass zur Selbstjustiz gegen den Täter aufgerufen wurde - fatal! Er befindet sich in einer psychiatrischen Einrichtung und man darf darauf vertrauen, dass er seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Punkt.
Eine große Aufgabe steht nun Eltern von Kindern in diesem Alter bevor, genauso den Lehrenden an Schulen: Sie müssen den Kindern die Angst nehmen und sie gleichzeitig stärken im Umgang mit potenziellen Gefahren – auf dem Schulweg und im Alltag. Diese gibt es, das macht der Fall deutlich. Doch sie sind zu besiegen: Mit dem rechten Maß an Vorsicht, Mut und Geistesgegenwart.