Bekleidungs- und Textilindustrie in Baden-Württemberg Die Textilbranche setzt auf smarte Stoffe

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Es gibt fast nichts mehr, was nicht aus textilen Materialien gefertigt werden kann, von künstlichen Arterien und Prothesen über Autoteile bis zu Betonkernen am Bau. Die Hersteller entwickeln immer mehr technische Textilien, die andere Materialien ersetzen.

Aus synthetischen Materialien wie Polyamid, Polyacryl oder Polyester werden nicht nur Kleider sondern auch Medizintechnik, Autoausstattungen und Baustoffe hergestellt. Foto: AP
Aus synthetischen Materialien wie Polyamid, Polyacryl oder Polyester werden nicht nur Kleider sondern auch Medizintechnik, Autoausstattungen und Baustoffe hergestellt. Foto: AP

Stuttgart - Die Textil- und Bekleidungsindustrie in Baden-Württemberg hat den Schwung des Vorjahres im ersten Halbjahr 2015 nahezu komplett eingebüßt. Die Umsätze stagnierten mit einem Plus von 0,9 Prozent auf Vorjahresniveau. Der Textilbereich für sich genommen büßte sogar knapp sechs Prozent seiner Umsätze gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein. Auch die Zahl der Beschäftigten ist um sechs Prozent gesunken. 2014 arbeiteten im Textilsektor noch 13 400 Menschen. Die Bekleidungsunternehmen, die im Gegensatz zum Textilbereich kaum noch vor Ort fertigen, sondern ihre Produktion weitgehend ins Ausland verlagert haben, beschäftigten zuletzt 11 500 Mitarbeiter im Land.

Textilien sind oft leichter, aber genauso belastbar

Südwesttextil-Präsident Bodo Bölzle zeigte sich am Mittwoch trotz des enttäuschenden Jahresbeginns optimistisch. Wachstumspotenzial sieht er vor allem im Bereich der technischen Textilien: „Sie haben in den vergangenen Jahren eine Vielzahl neuer Anwendungsgebiete erobert und herkömmliche Materialien ersetzt“, sagte Bölzle. Die Textilien seien oft leichter, aber genauso belastbar. Die Einsatzmöglichkeiten dieser sogenannten „Smart Textiles“ reichen von textilbasierten künstlichen Arterien oder Prothesen in der Medizintechnik bis zu Carbon-Teilen in der Automobilindustrie, die in Verbindung mit textilen Verbundstoffen Stahlbleche ersetzen. Im Betonbau treten textile Materialien an die Stelle von Stahlmatten.

Der Verbandschef zeigte sich zuversichtlich, dass sich die Entwicklung beschleunigt und verwies auf Forschungsergebnisse in Bereichen wie Bionik, Energieerzeugung und -speicherung. „Die deutschen Textilhersteller gehören zu den Innovationsführern und sind in diesem Bereich Exportweltmeister“, sagte Bölzle. Insgesamt betrage der Umsatzanteil mit technischen Stoffen an der Textilindustrie stabile 50 Prozent. Im vergangenen Jahr verzeichneten die baden-württembergischen Hersteller in diesem Sektor drei Prozent Wachstum.

Viele Unternehmen der Branche stellen sich derweil auf schwierigen Zeiten ein. Bei der jüngsten Befragung des Branchenverbandes Südwesttextil unter den Mitgliedsverbänden stuften 44 Prozent der befragten Chefs ihre Ertragslage als schlecht ein; im ersten Quartal dieses Jahres waren es noch 23 Prozent. Während nur 45 Prozent der befragten Unternehmen ihren Inlandsumsatz mit „gut“ bewerteten, zeigten sich immerhin knapp 90 Prozent zufrieden mit der Auslandsnachfrage. Die Bandbreite der Mitgliedsbetriebe von Südwesttextil reicht von kleinen und mittelständischen Spinnereien und Webereien über Ausrüstungsbetriebe für die Automobilindustrie bis zu großen Bekleidungsherstellern.

Die Branche im Land macht 7,3 Milliarden Umsatz

Im vergangenen Jahr setzten die rund 200 Textil- und Bekleidungsunternehmen im Land rund 7,3 Milliarden Euro um, ein Plus von 4,5 Prozent gegenüber 2013. Der Textilbereich legte um 3,5 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro zu, während der Jahresumsatz des Bekleidungssektors um 4,7 Prozent auf 5,1 Milliarden Euro angestiegen ist. Allein die Hälfte davon entfällt auf Hugo Boss. Doch auch ohne den Metzinger Modekonzern betrug der Zuwachs der Bekleidungsumsätze noch 3,7 Prozent, sagte der Verbandsvizepräsident Hans Digel am Mittwoch in Stuttgart.